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Browser-Games: Wie ich eine Mafiabraut wurde

Ein Spiel zieht derzeit Tausende Nutzer von sozialen Netzwerken wie Facebook in seinen Bann: "Mafia Wars". Wie schwer es ist, sich diesem recht stupiden Browsergame zu entziehen, musste unsere Autorin feststellen. Sie wundert sich über sich selbst.

Von Stéphanie Souron

Mein Name ist Blackeye, und seit ich der Mafia beigetreten bin, habe ich keine Geldprobleme mehr. Auf meinem Konto türmen sich 200 Millionen Dollar, alle 60 Minuten kommen weitere sechs dazu. Ich überlege, ob ich als Nächstes einen Zehnerpack Handgranaten kaufen soll oder lieber eine gepanzerte Limousine. Ich werde wohl auch in ein Luxushotel investieren, das wäre dann mein achtes. Schutzgelderpressung ist so unglaublich lukrativ. Aber am liebsten verschiebe ich Waffen nach Russland.

"Mafia Wars" ist eines dieser Computerspiele, die ich immer nur milde belächelt habe. Diese so genannten Browsergames werden in den Programmen gespielt, die man zum Surfen im Web benutzt. Ich dachte immern, diese Spiele dienten ausschließlich dazu, die 5-Minuten-Langeweile zu überbrücken. Das ist, objektiv betrachtet, auch bei "Mafia Wars" nicht anders. Trotzdem kann ich die Finger nicht davon lassen.

Es fing so harmlos an ...

Alles fing mit einer harmlosen Nachricht im sozialen Netzwerk Facebook an. "Willst Du nicht mit mir 'Mafia Wars' spielen?", fragte meine Freundin Trinity. "Nö", antwortete ich. "Was soll ich da?" Ich mag keine Online-Rollenspiele, habe nie Moorhühner geschossen und hatte kein zweites Leben in "Second Life". Aber Trinity ließ nicht locker. Sie suchte dringend Mitspieler, um nicht ständig ausgeraubt zu werden. "Was muss man bei dem Spiel denn machen?" fragte ich, als mein Widerstand schon bröckelte. "Jobs machen, Geld machen, Waffen kaufen", antwortete sie. Das klang viel versprechend. Ich trat der Familie bei.

Der Sinn von "Mafia Wars" besteht im Wesentlichen darin, Aufträge zu erledigen. Und gegen andere Mafia-Gruppen zu kämpfen. Beides füllt das Bankkonto und steigert die persönliche "Experience". Man muss nur ein paar Mal klicken, schon hat man wieder einen Elektroladen ausgeraubt. Oder einem Verbrecher zur Flucht verholfen. Ohne Blut, ohne Schreie, ohne Polizei. Man kann nicht mal erwischt werden. So arbeitet man sich hoch, Level für Level. Und jedes Mal werden neue, anspruchsvollere Jobs frei geschaltet. Wobei "anspruchsvoll" bedeutet, dass man dafür eine andere Waffe kaufen muss. Die intellektuelle Herausforderung liegt bei Null. Wieso ich trotzdem weiterspiele? Weil man den Suchtcharakter von Mafia Wars nicht unterschätzen sollte.

Denn ich spiele nicht allein. Zehn meiner Facebook-Freunde konnte ich schon für die Familie gewinnen. Facebook selbst hat mit "Mafia Wars" eigentlich nichts zu tun, das Spiel funktioniert völlig unabhängig davon. Aber findige Entwickler haben dafür gesorgt, dass sich das Spiel mit dem sozialen Netzwerk verbinden lässt. So schummelt es sich in den Alltag und ist ständig präsent. Mit meiner Mafia-Familie ist es, als wären wir gemeinsam unterwegs auf dem Pflaster des Bösen. Und genau das macht einen Heidenspaß. Ich diskutiere jetzt darüber, ob es taktisch klüger ist, eine Bank auszurauben oder andere Mafiosi abzumurksen. Dem ständig klammen Don Francesco habe ich erklären müssen, dass der Auftrag "Steal a tanker truck" der Beste ist, um endlich an Kohle zu kommen. Von meiner Komplizin Jackie Bauer kam der Tipp, frühzeitig ein Propellerflugzeug zu organisieren. Ohne das sei ich im weiteren Spielverlauf aufgeschmissen. Man kann das unglaublich schwachsinnig finden. Ich finde es komischerweise faszinierend.

Größe zählt

Natürlich versuche ich nun ständig, weitere Freunde zur Mafia zu verführen. Denn je größer die eigene Familie ist, umso mehr Chancen hat man im Kampf gegen die anderen Banden. Leider zieren sich sehr viele noch. Oder sie warnen mich. Ein Kumpel mit italienischen Wurzeln schrieb an meine Facebook-Pinnwand: "Du bringst Dich noch ernsthaft in Schwierigkeiten mit diesem Spiel. Wenn die Familie wüsste, was Du da machst, wäre sie sehr ungehalten, capice?" Und ich habe tatsächlich kurz überlegt, ob er es ernst meint.

Sowieso wundere ich mich seit "Mafia Wars" immer häufiger über mich selbst. Nie hätte ich geglaubt, dass ich mal ernsthaft darüber nachdenken könnte, mir per realer Kreditkarte mehr Energie für die virtuelle Welt zu kaufen. Denn Energie ist das höchste Gut bei "Mafia Wars". Man hat ständig zu wenig davon. Die Energie benötigt man für die Jobs, und ist sie einmal verbraucht, dauert es immer eine Weile, bis man wieder eine Straßengang verprügeln oder ein illegales Pokerspiel organisieren kann. Das sind die schlimmsten Stunden: Wenn man die 5-Minuten-Langeweile untätig an sich vorüber ziehen lassen muss.

Jackie Bauer, die schon ein paar Level weiter ist als ich, hat diese Art von Problemen gelöst. Verzweifelt, weil auch ihre Freunde sich dem Spiel verweigerten, hat sie begonnen, in diversen "Mafia Wars"-Gruppen Fremde für ihre Familie zu anzuwerben. So hat sie es geschafft, innerhalb kürzester Zeit mehr als 300 Mafiosi zu rekrutieren. Es sei zwar eine Schweine-Arbeit gewesen, schrieb sie. "Aber es hat sich gelohnt."

Neulich an Valentinstag zum Beispiel, konnte sich Jackie Bauer dank ihrer Bandengröße ein rosafarbenes Maschinengewehr kaufen. Mir wurde dieser Kauf verweigert: Meine Mafiagruppe war zu klein. Mir blutete das Herz. Aber glücklicherweise ist mein Energiekonto gerade wieder prall gefüllt. Ich kann jetzt endlich ein Politikerkind entführen. Und danach Likör über die Grenzen schmuggeln. Und dann muss ich unbedingt mein neuntes Luxushotel kaufen. Heute noch.

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