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Internetopfer: Kunden wider Willen

Geschäftemacher nutzen die Unachtsamkeit mancher Internetsurfer zur Abzocke. Die Staatsanwaltschaft ist meist machtlos - doch Widerstand lohnt sich.

Von Maximilian Geyer

Silvia Greif ist viel unterwegs im Netz. Die 42-Jährige aus der Nähe von Koblenz schreibt gern lange E-Mails und telefoniert sogar über das Internet. Über den Tisch gezogen hatte sie im Web noch niemand. Bis Silvia Greif online mit ihrer Schwägerin an einem "Gratis-Preisausschreiben" auf der Seite witze-heute.com teilnahm: Das Gewinnspiel entpuppte sich als kostenpflichtiges Abonnement der Site. Statt der in Aussicht gestellten Spielkonsole als Gewinn erhielten die beiden Frauen zwei Wochen später eine Rechnung von den Betreibern, der Firma Andreas und Manuel Schmidtlein. 84 Euro verlangten sie von Frau Greif für den zwölfmonatigen Zugang zu witze-heute.com.

Eine düstre Vorahnung

"Es kam uns schon seltsam vor, dass wir für eine Verlosung viele persönliche Daten angeben mussten", sagt Silvia Greif. Das Anmeldeformular ist das Kernstück auf jeder der vielen Webseiten, die auf die Brüder registriert sind: lehrstellen-heute.com, hausaufgaben-heute.com, sms-heute.com, songtex te-heute.com und andere. Statt Lehrstellenvermittlung oder Liedertexten gibt es höchstens ein paar allgemeine Informationen, die andernorts im Netz meist frei verfügbar sind. Den Schmidtleins geht es nicht um Inhalte, sondern um Adressen. Denn egal, auf welcher Seite unachtsame Surfer ihre Daten eintippen - eines bekommen sie mit Sicherheit: eine saftige Rechnung.

Es dauerte nicht lange, da folgte auf die Rechnung eine Mahnung, der Ton wurde härter, man drohte mit einem Anwalt und weiteren Kosten. Doch Silvia Greif wollte nicht zahlen. Die arbeitslose Friseurin fühlte sich abgezockt, erstattete Anzeige bei der Polizei. "Ich musste mir einen Anwalt nehmen, obwohl ich mir das als Hartz-IV-Empfängerin eigentlich nicht leisten kann." Dank staatlicher Prozesskostenhilfe erhielt sie juristischen Beistand. Ein Anwaltsschreiben an die Firma genügte - und plötzlich hatte sich die Sache für die Brüder erledigt. Die vorangegangenen Drohungen: nur Bluff.

Verbraucherschützer sind machtlos

Trotz der Versuche der Schmidtleins, Druck auszuüben: "Ein Fall, bei dem sie ihre zweifelhaften Forderungen vor Gericht geltend gemacht hätten, ist mir nicht bekannt", sagt Ines Nitsche vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Dafür gibt es viele Fälle, in denen sich Internetnutzer von Drohgebärden wie jenen der Brüder einschüchtern lassen - und für etwas bezahlen, wovon sie nicht wussten, dass es gebührenpflichtig ist. "Wir haben diese und andere Firmen, die nach der gleichen Methode arbeiten, mehrfach abgemahnt. Jetzt steht auf den Schmidtlein-Seiten immerhin etwas deutlicher, was das Angebot kostet", sagt Nitsche.

Verbraucherschützer können nicht mehr tun. Auch wenn der Verband jetzt ein Gewinnabschöpfungsverfahren gegen die Firma Schmidtlein anstrebt - wer bereits gezahlt hat, sieht sein Geld wohl kaum wieder. Selbst die Staatsanwaltschaften sind machtlos. "Solange der Nutzer die im Kleingedruckten angegebenen Kosten einfach überlesen hat, liegt kein Betrug vor", sagt Klaus Reinhardt von der Staatsanwaltschaft Darmstadt. Trotz vieler Anzeigen hat er bislang nichts gegen die Brüder unternehmen können.

Christian Lieser wollte sich damit nicht zufriedengeben. Der 24-jährige Einzelhandelskaufmann aus Trier wurde aktiv, als seine Schwägerin auf die Schmidtleins hereinfiel und ihn um Hilfe bat. Er nahm Kontakt zu anderen Abzocke-Opfern auf und organisierte eine Demonstration vor der Villa der Brüder im hessischen Büttelborn. "Da waren sogar Kinder dabei, die sich auf einer der Sites angemeldet hatten und von den Brüdern zur Kasse gebeten wurden. Man muss denen doch zeigen, dass das nicht geht", sagt Lieser, der eine weitere Demo plant. Zwar häufen sich im Netz die Warnungen vor solchen Seiten, andererseits gibt es neuerdings auch Zeitgenossen, die an der Abzocke anderer mitverdienen. So bietet das "AbzockeForum" zum "Unkostenpreis" von 8,50 Euro ein "E-Mail-Info-Paket" mit Musterschreiben für Schmidtlein-Opfer. Solche Unkosten spart sich, wer die Rechnungen und Mahnungen der Schmidtleins in den Papierkorb wirft.

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