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Kolumne - Neulich im Netz: Also doch: Deutschland liest manchmal

Rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse: Buch ist hipp. Der Buchhandel brummt. Besonders via Internet. Schöne neue Welt: Deutschland, einig Land des Kulturhungers. Oder geht es doch nur um die Bildchen?

Rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse: Buch ist hipp. Der Buchhandel brummt. Besonders via Internet. Schöne neue Welt: Deutschland, einig Land des Kulturhungers. Oder geht es doch nur um die Bildchen?

Egal, wird sich der Börsenverein des Deutschen Buchhandels denken und ist begeistert. Wahnsinnssteigerungen, Superinternet, E-Business auf der Überholspur. Endlich einmal etwas Anständiges, was man mit dem Elektrozeugs anstellen kann. Nämlich Umsatz. Zuwachs beim Online-Buchhandel im Vergleich zum Vorjahr: 52 Prozent. "Und das Beste: Tendenz weiter steigend", freut man sich. Und das ist doch für sich selbst genommen schon einmal eine schöne Sache: Endlich wieder Jubel aus deutschen Landen.

Klamme Trottel?

Die schlichte Erkenntnis: Es kann noch aufwärts gehen. Und manchmal tut es das eben auch. Aber ausgerechnet mit Büchern? Ausgerechnet nach Pisa, das den deutschen Nachwuchs als eine Horde wissensfreier Trottel outete? Der Rest arbeitslos oder so klamm, dass er die verbliebenen Cent lieber in ein schönes Luftgewehr zur Entenjagd in Regensburger Parks investiert?

Also nichts dran am Boom? Auch wenn Winston Churchill selig empfahl, nur den Zahlenwerken zu trauen, die man selbst gefälscht habe: Möglicherweise liest er allem Unken zum Trotz doch, der Deutsche. Und warum? Weil er nicht den ganzen Tag fernsehen, Bahnunterführungen mit Sprühfarbe verunstalten oder Gewerkschaftsmitglied sein will.

Zwei Meter Bücher, gut durchmischt

Manch einer kauft Bücher aber auch nur, um die freien Stellflächen in der Regalwand zu füllen. Und das auch nur dann, wenn er sie nicht im Möbelgeschäft direkt mitgehen lässt. Zwei laufende Meter Bücher, gut durchmischt, ein bisschen Belletristik, ein wenig Sachbuch, ein paar Klassiker - verschiedenfarbige Buchrücken obligat. Darf es auch etwas mehr sein? Ja selbstverständlich, der Börsenverein soll ja einen Grund zum Jubeln haben. Doch das mögen Ausnahmen sein. Der lesende Deutsche kauft: Harry Potter, Das Bürgerliche Gesetzbuch und den blauen Diercke Weltatlas, sagt die Bestenliste des weltweit meisten Buchhändlers online.

Dazu Besteigungsratgeber wie "Die perfekte Liebhaberin. Sextechniken, die ihn verrückt machen" und wahlweise für den kollektiven Wahnsinn "Der perfekte Liebhaber. Sextechniken, die sie verrückt machen". Obendrein etwas Coelho und Moore fürs literarisch-wertvolle respektive zeitlos-kritische. Sowie Daniel Küblböck, Dalai Lama und John Griesemer für alle übrigen Fälle.

Abseits der Datenautobahn geht nicht viel

Kurzum: Das hätte schlimmer kommen können. Weswegen es nun wirklich keine weiteren Vorbehalte wider die Euphorie geben sollte. Und das alles Dank des Internet. Jenseits der digitalen Datenautobahn sieht es nämlich ganz anders aus. Zwei Prozent Umsatzrückgang. Das, sagt Verbandsvorsteher Dieter Schormann, sei "kein Ausdruck einer Branchenkrise." Schuld seien vielmehr schwache Konjunktur und geringe Konsumbereitschaft. Wobei es der Buchbranche immer noch besser als dem Rest gehe. Und: Unter den 39 beliebtesten Freizeitbeschäftigungen stehe Lesen immerhin auf Rang 8...

Thomas Hirschbiegel