Kolumne - Neulich im Netz Angela Merkel online: Grünkohl am Kreidefelsen


Es weihnachtet allerorten. Nicht so bei Angela Merkel, die um sechs Uhr morgens "mit dem PKW von Berlin" abfährt.

Anderthalb Stunden später: Ankunft im Ostseebad Baabe auf Rügen. Dann: Teilnahme an einer feierlichen Veranstaltung anlässlich der Neugestaltung der Strandstraßenallee und der Strandpromenade auf Einladung des Bürgermeisters. Danach - und zwar von elf bis zehn vor zwölf: Teilnahme an einem Jubiläumsempfang einer ortsansässigen Bäckerei. Dann: ein Zeitsprung. Angela Merkel dreht die Uhr zurück auf "10.35" und fährt weiter nach Bergen/ Rügen, anschließend nach Stralsund. Nachzulesen unter "Persönliches" in "Alltag einer Politikerin".

Angela Merkels Alltag endet immer Schlag zehn Uhr abends nach so etwas wie "Schifffahrt zu den Kreidefelsen", Abendessen inklusive. Wahrscheinlich "Grünkohlgerichte, Spaghetti Bolognese, Eintopf", dazu Kaffee, Leibspeisen allesamt.

Recht wortkarg in kulinarischen Dingen, anders jedoch beim biblischen Lebensmotto: "Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!" Von Lukas, der die Tinte nicht halten konnte, zu Hermann Hesse, von dem Angela Merkel ein deutlich knapperes Motiv adaptierte, so zart, dass wohlmöglich selbst Friedrich Merz für einen Moment gestutzt hätte: "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne."

Gut gefragt

Und es wird noch romantischer. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, hat Angela Merkel ein heißes Eisen angefasst, das zwar schon seit dem Sommer im Feuer liegt, aber immer noch niemanden so richtig zu interessieren scheint: "Kann es Politik ohne Lüge geben?" Eine schöne Frage.

Die Antwort: selbstverständlich. Wie sonst hätte es George W. Bush gelingen können, den Irak grundehrlich in Schutt und Asche zu legen? Auch Verkehrsminister Manfred Stolpe würde sich eher die Zunge herausreißen als Unwahres zu behaupten, wenn er sagt, dass künftig nur Lasterfahrer Maut zahlen sollen. Und wer erinnert sich nicht gern an den früheren Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann, der wegen seiner bemerkenswerten Liebe zur Wahrheit "Old Schwurhand" genannt wurde. Und was wäre eine Politik ohne Lüge ohne die vielen aufrechten Politiker, die sich tagtäglich um Aufrichtigkeit bemühen oder zumindest so tun?

Angela Merkel hat gleichfalls eine Antwort und nennt sie auch: "Meine Überzeugung ist: ja. Nur Politik ohne Lüge kann die Zukunft in Angriff nehmen." So jedenfalls steht es geschrieben. Was wäre es für eine wunderbare Welt, würden alle so denken wie Angela Merkel.

<a class="link--external" href="mailto:stern@ha-net.de">Thomas Hirschbiegel</a>

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