Kolumne - Neulich im Netz Tschechische Tristesse: Ein lachender Neger


Es ist kein Wunder, dass deutschlandweit fast zehn Millionen Bürger arbeitslos sind. Denn wer Arbeit will, muss neuerdings vorbei an Bea, dem brünetten Horror der Arbeitsagentur im Internet.

Es ist kein Wunder, dass deutschlandweit fast zehn Millionen Bürger arbeitslos sind. Denn wer Arbeit will, muss neuerdings vorbei an Bea, dem brünetten Horror der Arbeitsagentur im Internet.

Florian Gerster ist wirklich nicht zu beneiden. Unentwegt legen ihm wildfremde Menschen wildfremde Verträge unter die Nase. Und beide wird er nur los, wenn er unterzeichnet. Chef einer Behörde zu sein, die verzweifelt den Sprung ins 21. Jahrhundert versucht, ist wahrlich keine einfache Aufgabe. Besonders dann, wenn niemand eine Vorstellung hat von dem, was da kommen soll. Bis dahin heißt die Devise erst einmal: Zeit gewinnen. Viel Wind machen, aber "nicht wirklich" etwas tun. Und das geht so: Einfach den Laden umnennen.

Vorhang auf für die Beraterdarsteller

Und siehe da: Seit das Arbeitsamt Arbeitsagentur heißt, ist alles anders. Seit Wochen jagt ein Skandal den nächsten. Mit vollen Händen werden Millionen zum Fenster hinausgeschaufelt zur Freude diverser Unternehmensberatungsunternehmen, die im Frankenland ihre Melkkuh gefunden haben. Etwa Accenture, zuständig für den neuen Internetauftritt des Arbeitsamts und noch viel mehr und nach eigener Darstellung "one of the leading" irgendwas. Was das sein soll, wird auch beim Begutachten der weitgehend sinnfreien Selbstdarstellung nicht deutlich. Immerhin hält ein ins Leere starrender Beratungsdarsteller ein Spielzeugflugzeug in die Luft. Nun ja, irgendwie muss man den Tag in der Firma ja "rumkriegen".

Gersters Animierdame im Web...

Wo Accenture jedoch "leading" zu sein scheint, dräut nach dem Besuch des runderneuerten Arbeitsamts online: Bei osteuropäisch anmutendem Internetdesign, das den Charme leergeräumter Kaufhausregale in den Jahren des Kalten Krieges hat. Aber das ist alles nichts gegen Bea, adrett geföhnt, brünett und Gersters Animierdame im Web. Angetreten im kleinen Dienstanzug der Bundeswehr ohne Krawatte, Jacke und Barett, bellt Bea Arbeitslose an, sich endlich um einen Job zu kümmern. Andernfalls, zeigt die Animation im Hintergrund, wird man schnell zum lachenden Neger, der nicht einmal Geld für ein ordentliches Hemd hat.

... ist nicht sehr animierend

Für Arbeitgeber hingegen macht sich Bea schick: Raus aus der Uniform, rein in den braungrauen Blazer und das zitronenfarbene Top. Den lachenden Neger ohne Hemd bietet sie dann bei der erstbesten Gelegenheit auch prompt an. Doch es ist nicht nur die plumpe Anbiederung und die bigotte Fönwelle, sondern vor allem das schlecht sitzende Gebiss, das Bea zum Horror auf zwei Beinen macht. Man spürt förmlich, wie sie sich während des Sprechens verzweifelt müht, immer wieder die Dritten gerade zu rücken.

Wenn das die schöne neue Welt ist, hat Accenture die Millionen redlich verdient. Wenn nicht, verdienen die "Experten" einen Sonderpreis für den vielleicht unansehnlichsten Webauftritt in der Geschichte des Internet.

<a class="link--external" href="mailto:stern@ha-net.de">Thomas Hirschbiegel</a>

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