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Kolumne Neulich im Netz: Arbeit 2003: Keine Böcke, kein Problem

Deutschland muss Abbitte leisten: "Cheffe" Effe hat doch recht. Viele Arbeitslose bleiben lieber liegen als bis in die Abendstunden zu buckeln. Und das Arbeitsamt tut nichts dagegen. Besonders traurig: das Amt im Web.

Deutschland muss Abbitte leisten: "Cheffe" Effe hat doch recht. Viele Arbeitslose bleiben lieber liegen als bis in die Abendstunden zu buckeln. Und das Arbeitsamt tut nichts dagegen. Besonders traurig: das Amt im Web.

Vierkommavier Millionen Menschen sind derzeit ohne Arbeit. Bis zum Jahreswechsel sollen es fünf Millionen sein, zitiert "Die Welt" die Bundesanstalt für Arbeit. Das ist verheerend, aber nur eine Seite der Medaille. Denn es gibt nicht nur Arbeitslose, sondern auch Arbeitgeber, die händeringend nach Mitarbeitern suchen. Gerade das Handwerk hat erheblichen Bedarf, besonders Fachkräfte und Lehrlinge sind gefragt. Doch das Arbeitsamt ist mit anderen Dingen beschäftigt. Enttäuscht wird, wer sich in den virtuellen Jobbörsen einen vollständigen Überblick über freie Stellen oder verfügbare Arbeitskräfte verschaffen will.

Die meisten Arbeitssuchenden sind online nicht verzeichnet

Für die Hauptstadt heißt das: Von den im Mai 2003 gemeldeten 419.000 freien Stellen waren nur 165.000 in den Jobbörsen der Arbeitsämter zu sehen. Das waren nicht einmal 40 Prozent. Ein genauso erschreckendes Bild gibt das virtuelle Arbeitgeber-Informationssystem (AIS) ab. Von den zum 1. Mai erfassten 4,49 Millionen Arbeitslosen zeigte das AIS nur 2,17 Millionen Jobsucher an. "Das heißt, dass 2,32 Millionen Arbeitslose für die Arbeitgeber verdeckt blieben"', sagt Peter Grottian, Politikprofessor an der Freien Universität Berlin zu den Zahlen, allesamt Ergebnisse einer aktuellen Studie des Instituts.

Die wollen nicht?

Damit nicht genug, sorgt die Bundesanstalt für Arbeit für den Paukenschlag zum Paukenschlag. Dort erklärt ein Sprecher allen Ernstes, dass das mit den Millionen fehlender Arbeitsloser im virtuellen Arbeitsamt sogar einen Grund habe - weil "nicht jeder Jobsucher mit seiner Platzierung in der Internet-Jobbörse einverstanden" sei. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: "Hallo, Herr Arbeitslos, wir können Sie nun auch im Internet vorstellen, um so die Chance einer Anstellung zu erhöhen." - "Nö." - "Wie bitte?" - "Nö." - "Sie wollen nicht?" - "Sag ich doch." – "Ja, da kann man dann wohl nichts machen. Einen schönen Tag noch."

Der "Cheffe" hat's erkannt

Noch einmal, weil es so bezaubernd ist: Das Arbeitsamt gestattet Arbeitslosen, sich von bestimmten Arbeitsplatzfindungsmaßnahmen freistellen zu lassen. Keine Böcke auf arbeitsamt.de, kein Problem. Aber da hat das Amt die Rechnung ohne den Tiger gemacht. Denn er erkannte schon vor einer halben Ewigkeit: So kann das nicht gehen. Deshalb hier noch einmal die wichtigsten Thesen von "Cheffe" Effe, dem ballspielenden Katzerl und Buchautor wider alle Vernunft, seinerzeit postuliert im Arbeitslosenfachmagazin "Playboy".

Stichwort "Stütze": "Ich würde die Stütze auf ein Minimum herabsetzen, so dass jeder arbeiten muss." Stichwort arbeitsscheu I: "Es kann doch etwas nicht stimmen, wenn einerseits ... die Deutsche Post andauernd Mitarbeiter sucht und andererseits Millionen von Menschen angeblich keine Arbeit finden." Stichwort arbeitsscheu II: "Weil viele vom Arbeitslosengeld offensichtlich so gut leben, dass sie keine Lust haben, morgens früh aufzustehen und bis in die Abendstunden zu buckeln - nur, damit sie am Ende des Monats schlappe hundert Euro mehr auf dem Konto haben."

Richtig, da stimmt etwas nicht. Weder hier noch da und dort schon gar nicht. Aber auch Effe sollte noch einmal kontrollieren, ob alle Tässlein am dafür vorgesehenen Platz stehen. Deshalb Deutschland, mit der Abbitte kannst du dir noch etwas Zeit lassen. Und bis dahin wirklich wichtige Dinge tun.

Thomas Hirschbiegel
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