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Kunsthandel: Der Gesang der Ebay-Sirenen

Der englische Kunstexperte Philip Mould jagt gezielt im Internet nach verschollenen Gemälden. Sein größter Coup brachte ihm 20.000 Pfund - doch manchmal fällt auch er auf trügerische Verlockungen rein.

Herr Mould, die britischen Medien bezeichnen Sie als "Kunst-Detektiv". Verbrechern sind Sie aber nicht auf der Spur.
Nein, ich versuche, verlorene oder vergessene Gemälde wiederzuentdecken. Ich kaufe Kunstwerke, die von großen Meistern stammen, aber falsch oder gar nicht gekennzeichnet sind.

Sie sagen, dass es auf der Welt von unentdeckten Kunstschätzen nur so wimmelt. Wie geht ein Gemälde von Rembrandt oder van Dyck verloren?
Menschen sind vergesslich. Manchmal wird ein Rahmen gewechselt, manchmal die Beschriftung entfernt. Nach zwei oder drei Generationen hat man dann vergessen, wer das Bild gemalt hat. Wir nennen solche Kunstwerke Schläfer. Diese Schläfer versuche ich aufzuspüren.

Gibt es bei Ebay Schläfer?
Ja, natürlich. Ich selbst habe schon fünf oder sechs bei Ebay gefunden.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel ein Porträt, auf das ich besonders stolz bin. Ich nenne es "Mr. Ebay". Ich habe es vor zwei Jahren entdeckt, als ich abends zum Spaß Ebay surfte. Das habe ich früher fast jeden Tag gemacht. Ich trainiere damit mein Auge. Ich bin ein hochspezialisierter Jäger. Ich sehe diese Bilder in Briefmarkengröße und entscheide in einer Sekunde, ob es sich lohnt, sie sich genauer anzugucken. Ich erkenne viele Künstler, aber nur die wichtigen interessieren mich - wie ein Metalldetektor, der nur bei Silber oder Gold anschlägt.

Und bei "Mr. Ebay" haben Sie angeschlagen.
Ja. Der Verkäufer hatte das Porträt als amerikanische Malerei des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Aber ich sah, dass Thomas Gainsborough es gemalt hat ...

… einer der wichtigsten britischen Maler des 18. Jahrhunderts. Wie haben Sie das erkannt?
Maler sind Zauberer. Jeder hat seine eigenen Tricks, um die Illusion der Dreidimensionalität zu erschaffen. Es gibt Rembrandt-Nasen, Van-Dyck-Ohren, Van-Gogh-Hände - und was weiß ich noch was. "Mr. Ebay" hatte ein sehr lebendiges, humorvolles Gesicht, das aus sich heraus leuchtete. An den Brauen und an den Haaren habe ich die Pinselstriche von Gainsborough erkannt. Der Rest des Gemäldes sah aber schrecklich aus - wie ein Pub-Schild.

Was war damit passiert?
Das Bild war beschädigt worden. Aber statt die Schäden auszubessern, hatte man den Körper übermalt. Das habe ich erst gesehen, nachdem mir der Verkäufer das Bild geschickt hatte. Ich hatte 120 Pfund bezahlt. Als es bei mir ankam, habe ich eine Flasche Azeton genommen und die Farbe entfernt.

Ist das eine übliche Vorgehensweise?
Viele Bilder haben eine Schmutzschicht, die man entfernen muss, aber normalerweise überlasse ich diese Arbeit einem Restaurator. Ein Laie kann dabei zu viel zerstören. Aber ich wollte es einmal in meinem Leben riskieren. Das Bild war ja so billig, dass ich mir dachte, dass ich nichts dabei verlieren könnte. Das Ergebnis war sehr erfreulich.

Wie viel war das Bild wert?
Ich habe es für 20.000 Pfund verkauft.

Kaufen viele Kunsthändler im Web ein?
In London war ich sicherlich einer der Ersten, die es benutzten. Es hat viele Vorteile, aber es kann die Begegnung mit dem echten Kunstwerk nicht ersetzen. Ich sage immer: Kunst am Bildschirm ist wie ein Abendessen, wenn man erkältet ist.

Machen Sie deswegen so viele Fehler? Sie haben einmal gesagt, dass jeder achte Kauf im Internet ein Fehlgriff ist.
Ja, wobei ich erklären muss, was ich unter einem Fehlgriff verstehe. Es gibt Bilder, die schöne Kunstwerke sein mögen, die ich aber zu teuer gekauft habe. Da bin ich froh, wenn ich zumindest mein Geld zurückkriege. Und dann gibt es Bilder, die ich Sirenen nenne - wie die Fabelwesen aus der Odyssee, die mit ihrem Gesang Seemänner anlocken, um sie zu töten. Das sind die echten Fehleinkäufe.

Was passiert, wenn Sie eine Sirene sehen?
Ich schätze ihren Wert falsch ein. Das liegt etwa daran, dass ich Pinselstriche entdecke, die mich an einen großen Maler erinnern. Einen Hundekopf, einen Baum, Blätter, Haare. Solche Partien sind wie Fingerabdrücke. Wenn der Rest furchtbar aussieht, denke ich mir: Naja, vielleicht hat jemand das Bild übermalt.

Haben Sie ein Beispiel?
Einen meiner ersten Ebay-Einkäufe vor etwa fünf Jahren: Das war ein Porträt von Richard III. Das Bild hatte mich an ein Gemälde aus der National Portrait Gallery erinnert. Ich habe mir das Foto genau er angesehen und bemerkt, dass der Firnis brüchig war. Das war ein Anzeichen dafür, dass das Bild alt ist. Zudem hat jemand mit mir geboten und den Preis hochgetrieben. Deswegen dachte ich erst recht, dass ich richtig liege. Ich habe das Bild für 3000 Pfund gekauft. Als das Gemälde dann bei mir ankam, habe ich nach 30 Sekunden gesehen, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich hatte ein übermaltes Foto gekauft. Der Maler hatte eine Farbe benutzt, die wie alter, brüchiger Firnis aussieht.

Wollte Sie der Verkäufer betrügen?
Vielleicht, vielleicht auch nicht. Er hatte geschrieben, dass das Bild 50 bis 100 Pfund wert sei und "der englischen Schule" zuzuordnen. Das war nicht gelogen.

Passiert es oft, dass Sie bei einer Auktion Ihren Rahmen überschreiten?
Ja, ständig. Ich lasse mich mitreißen.

Kann man sich davor schützen?
Meine Angestellten könnten mich fesseln oder den Computer verstecken. Ich liebe dieses Gefühl, um ein Kunstwerk zu kämpfen - die Spannung, die Jagd, den Wettbewerb. Wenn dann auch noch einer mitbietet, steigere ich mich leicht rein.

Aber das ist gefährlich, oder?
Ja, wobei ich eher richtig als falsch liege. Ich sage immer: Nichts bringt mehr Sauerstoff ins Hirn als Geld.

Zur Person:
Philip Mould, 49, ist einer der bekanntesten Kunstexperten Großbritanniens. Er besitzt eine Galerie in London, berät das britische Parlament und tritt regelmäßig im Fernsehen auf. Vor kurzem erschien sein Buch "Sleuth: The Amazing Quest for Lost Art Treasures".

Serge Debrebant
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