Mailterror Spam lohnt sich

Experten schätzen, dass ein Spamversender pro Monat einen Umsatz zwischen 6000 und 300.000 Dollar machen kann. Ein Ende der Mailflut ist also illusorisch. Bleibt den Opfern nur, sich zu schützen - durch Technik und Vorsicht.

Spam lohnt sich. Das jedenfalls legen Schätzungen nahe, die Benjamin Pannier vorträgt. Die Absender der unerwünschten Werbe-E-Mails machen nach Angaben des Experten einen Monatsumsatz von 6000 bis 300.000 Dollar, bei relativ geringen eigenen Kosten. "Das ist die Motivation eines Spammers", sagte Pannier beim 2. Deutschen Anti-Spam-Kongress des Verbands der Deutschen Internetwirtschaft (eco) in Köln.

Pannier ist Produktentwickler bei der eleven GmbH, die Abwehrprogramme gegen Spam anbietet. Filtertechniken stellen nach übereinstimmender Auffassung der Experten derzeit die einzige Möglichkeit dar, die Plage zumindest zu mindern. Ein Vorgehen gegen die häufig im Ausland angesiedelten Versender, so sie überhaupt zu ermitteln sind, verspricht meist wenig Erfolg.

Web.de bekommt 15 Millionen Spam-Mails pro Tag - "in Friedenszeiten"

Wie groß das Problem inzwischen ist, belegt Leslie Romeo vom deutschen Mail-Dienstleister web.de. 15 Millionen Spam-Mails gingen schon "in Friedenszeiten" täglich bei web.de ein und blieben im internen Filtersystem hängen, das seien mehr als 60 Prozent des gesamten E-Mail-Eingangs. Wenn gerade eine Viren-Attacke zugange sei, steige der Anteil auch schon einmal auf 85 Prozent des Mail-Eingangs.

Was für den privaten Internet-Nutzer vor allem lästig ist, kann für Firmen teuer werden. Jürgen Wege, Chef der auf Spamfiltern und Mailsortierprogramme spezialisierten Group Technologies AG, rechnet vor: Etwa zehn Spam-Mails kämen in seinem Unternehmen täglich pro User an. Unter der Annahme, dass das Lesen und Löschen einer unerwünschten Mail etwa zehn Sekunden dauere und der Mitarbeiter durchschnittlich 50 Euro pro Stunde verdiene, koste Spam ein Unternehmen mit 1.000 Internet-Nutzern jährlich rund 306.000 Euro, weil die Mitarbeiter von nützlicher Arbeit abgehalten werden.

Die Themen verschieben sich

Dass mit Spam offenbar immer noch Geld zu verdienen ist, obwohl die Nutzer inzwischen eigentlich wissen müssten, was es mit den oft erkennbar zweifelhaften Angeboten auf sich hat, belegt eine interessante Verschiebung in den Themen der Werbe-Mails. Porno-Angebote seien binnen Jahresfrist von rund 22 Prozent auf noch knapp fünf Prozent Anteil am gesamten Spam abgestürzt, berichtete Michael Scheffler, Verkaufsmanager eines weiteren Filteranbieters. Grund sei, dass das Geschäft mit den teuren Dialern, zu denen die Spam-Opfer gelockt werden sollten, nicht mehr funktioniere.

Ursache dafür seien Gegenmaßnahmen des Gesetzgebers, sagte Scheffler. In Deutschland zum Beispiel müssen Verbraucher die Telefongebühren für Dialer, die nicht unter strengen Auflagen bei der Regulierungsbehörde registriert sind, nicht mehr bezahlen. Gleichzeitig sei aber der Anteil an Finanzangeboten per Spam auf um die 25 Prozent gestiegen. "Es muss jemand geben, der auf solche Angebote antwortet", sagte Scheffler.

Eine Protokolländerung könnte helfen

Eine grundlegende Lösung des Spam-Problems ist nach Einschätzung der Experten erst von einer Ablösung des 20 Jahre alten SMTP-Protokolls zu erwarten, mit dem heute E-Mail im Internet versandt wird. SMTP verlangt keine zwingend eindeutige Identifizierung des Absenders einer Mail. Spammer verwenden üblicherweise gefälschte oder erfundene Absenderangaben, was ihre Verfolgung weiter erschwert. Eine steigende Bedrohung stelle zudem die seit Anfang 2004 immer häufiger beobachtete unheilige Allianz von Virenprogrammierern und Spam-Versendern dar, berichtete Romeo. Solche Viren kapern die Computer ahnungsloser Nutzer, um von dort aus Spam weiterzusenden.

Eine Änderung des Mail-Protokolls wird aber noch dauern. Vorerst helfen nach Einschätzung von eco-Geschäftsführer Harald A. Summa nur Filter, am besten direkt auf dem Mail-Server des Internet-Anbieters. Doch diese Filter haben Tücken. Es kommt durchaus vor, dass eine Mail, die definitiv nicht Spam ist, hängen bleibt. Das kann daran liegen, dass sie "böse" Wörter enthält, auf die das Programm - meist ohne Wissen des Endnutzers - anspricht.

Falsches Filtern ist fatal

Was im privaten Bereich für peinliche Situationen sorgen kann, kann für Unternehmen existenzbedrohend werden, wenn per E-Mail wichtige Aufträge oder Unterlagen nicht ankommen, weil der Spam-Filter sie schluckt. Deshalb betonten die Experten beim Anti-Spam-Kongress die Notwendigkeit, im Zweifel eine Mail lieber durchschlupfen zu lassen. Der Verlust von E-Mails auf Grund falsch eingestellter oder fehlerhafter Filter müsse "absolut verhindert werden", sagte Summa.

Joachim Sondermann, AP AP

Mehr zum Thema



Newsticker