NEULICH IM NETZ 999 Euro für ein Halleluja


Ulf, ein ehemaliger Bekannter, mag Pflanzen, Schnäppchen und Excel. Schon eine Weile wollte er sich einen neuen PC kaufen. Eigentlich schon vergangenes Jahr, verlockt von den 999-Marks-Angeboten. Jetzt hat er zugeschlagen: für 999 Euro.

Ulf, ein ehemaliger Bekannter, mag Pflanzen, Schnäppchen und Excel. Schon eine Weile wollte er sich einen neuen PC kaufen. Eigentlich schon vergangenes Jahr, verlockt von den 999-Marks-Angeboten. Kam irgendwie nicht dazu. Jetzt hat er zugeschlagen: für 999 Euro.

Der Nachbar öffnete ihm die Augen

Das sind die Segnungen der Währungsreform, denn nun hat er Pi mal Daumen bei den Kistenschiebern auf der grünen Wiese das Doppelte bezahlt. Sein Nachbar mit der Siamkatze hat nachrecherchiert und festgestellt, dass der Unterschied zwischen den beiden Kisten drei Wochen und 400 Megahertz beträgt, im Prozessor nämlich. Festplatte, Grafik, RAM und Laufwerke unterscheiden sich nur marginal. Und der Preis eben. Egal, Ulf freut sich den Ranzen rund, auch nachdem ihm der böse Nachbar die Augen geöffnet hatte. Was bei Ulf eine Leistung verlangt, die in Gigahertz nicht zu bemessen ist.

Ulf hört nicht

Seither ist er richtig wieder jung: Er hat zunächst grob abgeschätzt, dass er Zeit spart mit seinem neuen Wunder-PC. Denn vorher hatte er keinen 1,6-Gigahertz-Prozessor der Reihe Pentium 4, sondern einen Pentium 2 mit 350 Megahertz. »Das merkt man schon«, pflegt er seiner Freundin zu sagen. Und die pflegt ihm vermessen zuzunicken: »Gib mir mal die Lätta«. Ulf hört nicht.

Wo ist der Excel-gestählte Hundeblick?

Jetzt arbeitet Ulf Tag und Nacht an der Kiste, um möglichst viel Zeit zu sparen. Dabei brennt die Energiesparlampe, um möglichst viel Strom zu sparen. Er führt nämlich ein virtuelles Zeit-Konto - seine Freundin ein kümmerliches Dasein wegen seines geistigen Wegseins. Das ist zwar nicht neu bei ihm, aber jetzt schaut er sie auch nicht mehr mit seinem Hundeblick an, dem Excel-gestählten.

Excel ist Ulfs liebstes Spielzeug. Erstens, weil es so viele Zellen hat und zweitens, weil sich erst im Zusammenspiel mit ausgebufften Microsoft-Komponenten die überlegene Architektur des Pentium 4 bemerkbar macht. Und Ulf will ja Zeit sparen. Durch aufwendige Makro-Programmierung und Cross-Cell-Analysen (hat zwei Wochen gedauert) bekam der Gute nun heraus, dass er im Wochenschnitt über zwei Minuten spart. Bei exzessiver Arbeit in Excel, logisch. Macht er ja gerne. Und sowieso.

Die Refinanzierung des Traum-PCs...

Diese gewonnene Zeit nutzt er auf dem Aldi-Parkplatz zur Refinanzierung seines Traum-PCs. Denn tief in seinem Innern ahnt er, dass die PC-Industrie und der Technik-Markt ihn übers Ohr gehauen haben. Er weiß nur nicht, wie. Auf dem Aldi-Parkplatz steht er jetzt jeden Samstag ab 12 Uhr, die Taschen prall gefüllt mit Mark-Stücken. Die hat er jüngst beim Aufräumen gefunden, als seine Freundin bei ihm aus- und bei seiner Mutter einzog. Die Tapeten hatten ihr eh nicht gefallen. Hatte seine Mutter ausgesucht, das wusste sie aber nicht.

...ging nur zwei Samstage gut

Er steht also bei Aldi, holt sich einen Einkaufswagen mit 'ner Mark, fährt ziellos hin und her, bis jemand anfragt: »Kann ich ihren Wagen haben?« Klar kann sie und schwuppdiwupp hat Ulf einen Euro kassiert. Das ging zwei Samstage gut, bis eine rabiate Mittvierzigerin und ihre Schwester mit dem armen Ulf die Schlacht von Trafalgar nachspielten. Jetzt spart er Zeit für einen Kendo-Kurs, für 99 Euro.

Guido Augustin

H&A medien


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