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NEULICH IM NETZ: Nie mehr Floppys und Bartträger

Zum ersten Mal seit 1994 bekam mein Freund Peter von seiner Mama keinen 10er-Pack Disketten zu Weihnachten. Statt dessen lagen für den mittlerweile 43-jährigen selbstgestrickte Socken und ein Schraubschlüsselset unter dem Baum. Seine Mutti hat gehört, dass es der Technologie nicht gut ging in 2001 und prompt reagiert.

Die beste Nachricht vorneweg: Zum ersten Mal seit 1994 bekam mein Freund Peter von seiner Mama keinen 10er-Pack Disketten zu Weihnachten. Statt dessen lagen für den mittlerweile 43-jährigen selbstgestrickte Socken und ein Schraubschlüsselset unter dem Baum. Seine Mutti hat gehört, dass es der Technologie nicht gut ging in 2001 und prompt reagiert.

Er will jetzt DVD-Formate sammeln

Peter ist Steuerberater und Besitzer einer historischen Sammlung von Disketten: fünfeinviertel, drei und dreieinhalb Zoll hat er schon. Die ältesten stammen aus einer Zeit, als Disketten neben der BASF Chromdioxydkassette auf Schulhöfen und im benachbarten europäischen Ostland als Parallelwährung galten. Jetzt möchte Peter CD- und DVD-Formate sammeln: CD-ROM, CD-R, CD-RW, DVD-ROM, DVD-R, DVD+RW, DVD-RAM, DVD-RW ... Er meint es ernst.

Ein X für ein OS vormachen

Ich hatte mehr Glück als Peter: Unverdientermaßen gab's von Apple ein paar Handschuhe mit angebissenem Obst-Motiv und ein X aus Beton. Als Kerzenständer und Symbol für die Stabilität des aktuellen Betriebssystems OS X. Und wenn der Klotz dann doch mal kippt, war's eben das Zeichen für Windows XP. Clever gemacht. Doof nur, dass die Spiele-Firma, die mal Sierra hieß und danach viele andere Namen hatte, von einem schwäbischen Verlag geschluckt wurde. Seither gibt es keine Pakete mit Original-Ausgaben von Ego-Shootern mehr, um legal selige Netzwerk-Spiele zu spielen. Stattdessen kam dieses Jahr eine E-Mail mit einem Alien-Bild. Adieu, schöne IT-Welt, dir geht es wirklich schlecht. Und wäre nicht das superleckere jährliche Bier-Kistchen aus Belgien von den nimmermüden Karlsruhern der CAS gekommen, die Weihnachtsmänner hätten mir jede Laune verdorben.

Sah sich doch jede Agentur bemüßigt, einen Flash-Film, eine HTML-Mail oder wenigstens ein Animated GIF mit einem Weihnachtsmann zu schicken. Manchmal auch zwei. Oder drei. Weihnachtsmänner mit Kindern, Rentieren, Paketen, Kaminen und Socken. Mit Schlitten, Strapsen, Neurosen und Äpfeln. Mein Kollege rastete bei Nr. 411 aus. Seine Antwort-Mail konnten wir gerade noch abfangen: »Schickt mir einen Loveletter, einen Nimda, einen Sircam oder sonst irgendeinen verdammten Virus, aber lasst mich in Ruhe mit diesen schmierbäuchigen Dauergrinsern!«, schrie er noch Stunden später. Er fand seine Fassung auch nicht wieder, als er für seine kleine Tochter den Weihnachtsmann spielen musste. Der Arme rasiert sich seither dreimal täglich und hält strenge Trennkost.

Der Blinkeblinke-Müll kostet

Wir haben das dann mal hochgerechnet. Für den ganzen bunten Blinkeblinke-Müll mit Rauschebart mussten wir tief in die Tasche greifen. Denn Internet-Zeit respektive gesaugte Daten kosten Geld. Dafür hätten wir 'nen schönen 10er-Pack Floppy-Disks kaufen können.

Guido Augustin

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