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Open-Street-Mapper: "Wikipedia für Navigationskarten"

Tomtom und Navigon erwächst neue Konkurrenz. Kartografen, die auf eigene Faust lizenzfreie Straßenpläne und Navigationssoftware programmieren, untergraben das Geschäftsmodell der Marktführer.

Ein Brüllen durchdringt die Stille im Nelkenweg. Die Haustür des Eckhauses fliegt auf, hinaus stampft ein Mann in Unterhemd und Jogginghose: "Sie da! Sie auf dem Fahrrad! Anhalten! Was knipsen Sie da?"

Michael Buege bremst erschrocken ab und nähert sich dem Gartenzaun des tobenden Anwohners: "Ich fotografiere." - "Machen Sie hier Bilder von meinem Vorgarten?", schimpft der Mann. "Nein, ich fotografiere nur das Straßenschild", antwortet Buege. - "So, so. Und was soll das Ganze, bitte?"

Michael Buege kennt diese Situation, er weiß um die Skepsis der Menschen, die ihm bei der Arbeit zusehen. Buege ist ein Open-Street-Mapper - einer von über 40.000 in Deutschland. Meist am Wochenende ist der Hobbykartograf in kleinen Dörfern rund um Hamburg unterwegs und sammelt Daten, die er später am Computer in Karten verwandelt. Genau das könnte das Geschäftsmodell der mächtigen Navigationsgerätehersteller wie Tomtom oder Navigon bedrohen.

Diese Unternehmen geraten doppelt unter Druck. Smartphones wie das iPhone ersetzen zunehmend die klassischen Navigationsgeräte, das Kerngeschäft von Tomtom und Co. Und die Open-Street-Mapper wollen ihre Karten nahezu kostenlos als Programm bereitstellen - ein Angriff der Gratiskultur also, eine Attacke von unten. Deshalb ist Buege mit einer Digicam unterwegs, die um seinen Hals baumelt. Am Lenker seines Rades ist der GPS-Empfänger angebracht - das wichtigste Werkzeug der Open-Street-Mapper in Deutschland.

Die Mapper-Gemeinschaft bastelt seit einem halben Jahr intensiv an der nahezu kostenlosen Navisoftware: Roadee heißt das iPhone-Programm, das es mit den kommerziellen, kostenpflichtigen Wegweisern aufnehmen soll.

"Wikipedia für Karten"

"Eigentlich sind wir wie Wikipedia für Karten", sagt Buege. Sie bilden ein weltweites Netz von Freiwilligen, das Daten sammelt und im Internet zu einer detaillierten Weltkarte zusammenpuzzelt. Die Mapper wandern und fahren mit ihren GPS-Empfänger über Autobahnen, Bundesstraßen und Nelkenwege, keinen Pfad lassen sie aus. Alle Strecken werden genau von den handlichen GPS-Geräten aufgezeichnet. Mit dem Fotoapparat merken sich die Datensammler zudem Straßennamen und wichtige Orte.

"Prinzipiell können wir alles erfassen", sagt Buege. Neben Restaurants und Briefkästen haben es so auch schon exotische Lokalitäten ins Kartenmaterial geschafft: Hundekottütenspender zum Beispiel. Ein Computerprogramm zeichnet aus den gesammelten Informationen schließlich eine Karte, die die Grundlage für Roadee ist.

Navisoftware für 1,59 Euro

Der Kopf hinter der Roadee-Software, der Programmierer Andreas Kluge, bietet die Navisoftware für 1,59 Euro an. Tomtom, das seine Software nun für das iPhone anbietet, verlangt mindestens knapp 70 Euro, genau wie Konkurrent Navigon. Teure Naviprogramme sind Verkaufsschlager im App-Store von Apple. Doch wie lange noch?

"Die etablierten Anwender sollten Roadee nicht ignorieren", sagt Tim Shepherd, Analyst bei der Marktforschungsfirma Canalys. Vor allem, wenn Karten und Software von Fehlern und Ungenauigkeiten befreit werden, könnte Roadee laut Shepherd problematisch für die Navihersteller werden.

Kluge arbeitet an diesen Verbesserungen. In der nächsten Version soll es unter anderem eine deutsche Stimmwiedergabe geben. Ebenfalls in der Planung: ein Warnsystem für Staus, Baustellen und Blitzer. "Spätestens in einem halben Jahr", so schätzt Kluge, wird Roadee so nah an Tomtom und Navigon sein, "dass es gefährlich wird".

Von Jörg Petring / FTD