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Skurriles: Feilschen um Leib und Seele

Sind Sie schon einmal auf die Idee gekommen, den Namen ihres Kindes, ihre Arbeitskraft oder gar ihre Seele auf dem Flohmarkt zu verhökern? Menschen bei Ebay tun das - ein kleiner Bummel durchs Kuriositätenkabinett.

Es soll Menschen geben, die für ihr Leben gern shoppen – und dabei am liebsten Dinge erwerben, die der Nachbar noch nie im Laden gesehen hat. Ein Teil dieser modernen Jäger und Sammler geht auf Flohmärkte und stöbert in staubigen Kartons. Ein anderer Teil macht den Rechner an und vertieft sich in die Welt von Ebay, dem größten Internet-Auktionshaus der Welt. Dort gibt es fast alles und noch ein bisschen mehr.

Auktionen rund um Körperteile und den Menschen an sich sowie um gesetzeswidrige Inhalte sind auch in einem virtuellen Auktionshaus nicht gestattet. Kein Wunder und aus der Pädagogik wohlbekannt also, dass immer wieder versucht wird, die Grenzen und Kontrollmechanismen auf die Probe zu stellen. So ist in Deutschland bereits ein Jugendlicher wegen versuchten Organhandels – er wollte eine seiner Nieren verkaufen – zu 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt worden. Auch Anbieter von Wählerstimmen vor der Wahl zum deutschen Bundestag hatten Pech und Ärger mit der Staatsanwaltschaft.

Besser fährt der Anbieter, wenn der Verkaufsgegenstand etwas abstrakter ist. Ab umgerechnet 450.000 Euro gab es beispielsweise die Ehewilligkeit einer 24-Jährigen aus Großbritannien zu ersteigern – Bedingung war allerdings, dass er nicht älter als 35 Jahre sein dürfe und ebenfalls aus Großbritannien stammen müsse. Obwohl die junge Frau so geschickt mögliche Höchstgebote zweifelhafter Haremshüter umgangen hatte, verdarb Ebay ihr die baldige Hochzeit und stoppte die Auktion.

Ein amerikanisches Paar wollte im Sommer 2001 für eine halbe Millionen US-Dollar das Recht, ihrem Sohn einen Namen zu geben, an ein großzügiges Unternehmen verkaufen. Vom Versteigerungserlös sollte dann ein Haus für die Familie angeschafft werden. Gebote blieben allerdings aus, so dass zu hoffen ist, dass das Kind ohne größere Hänseleien seine Schulzeit übersteht.

Eine arbeitslose Reiseverkehrskauffrau bot aus lauter Verzweiflung über erfolglose Bewerbungen und überflüssige Arbeitsamts-Besuche ihre Arbeitskraft über das Auktionshaus an. Neben dem Mindestgebot schrieb sie allerdings vorsichtshalber auch noch eine monatliche Gehaltsvorstellung in ihr Angebot. Das Ergebnis war durchwachsen – mehr Aufmunterung als Arbeitsplätze das Fazit.

Langwierige Verhandlungen ums Seelenheil, wie Mephisto sie mit Goethes Faust hatte, dürften in Zeiten von Ebay ebenfalls der Vergangenheit angehören. Mehr oder weniger intensiv gebrauchte Seelen finden sich tatsächlich immer mal wieder im Angebot des Auktionshauses. Im Februar 2001 war ein amerikanischer Student damit sogar ziemlich erfolgreich: 400 Dollar konnte er sich von der Käuferin, einer bei Ebay vorher unbekannten Dame aus Des Moines im malerischen Bundesstaat Iowa überweisen lassen. "Kaum gebraucht, nur wenige Kratzer, keine Garantie" - so hatte der 20-Jährige seine Seele beworben. Ein ehemaliger Käufer, der über Ebay bei ihm eine Kassette erworben hatte, bewertete ihn als "Mann, dem ich meine Tochter anvertrauen würde". Vielleicht ein Schnäppchen? Der Student sagt, er wäre froh gewesen, über 7,50 US-Dollar gekommen zu sein. Eine Ex-Freundin soll angeblich ein Gebot über genau 6,66 Dollar abgegeben haben. Und warum diese Versteigerung? Der 20-Jährige glaubt zum einen nicht, dass die Käuferin seine Seele tatsächlich einsammeln kann. Als zweiten Grund gab er an, er sei eben ein Geek und habe sich gelangweilt – und diese Versteigerung sei genau die Sorte von Sachen, die Geeks tun, wenn sie gelangweilt sind.

Käufer mit großen Ambitionen und Geldbörsen haben die Qual der Wahl: Da gab es im September 2002 beispielsweise ein umgebautes Luxus-Raketensilo für die gehobenen Urlaubsansprüche – oben Chalet samt eigener Flugzeuglandebahn, und dann geht’s 55 Meter weit nach unten. Beruhigende Anmerkung des Verkäufers: Das Raketensilo sei nicht mehr im Ziel russischen Radars. Das geforderte Gebot von 2,1 Millionen US-Dollar löste dennoch keinen Bunker-Sturm aus.

Ein echtes Urlaubs-Leckerbissen war im Januar 2003 bei Ebay zu finden – drei Parzellen auf der 95 Hektar großen Insel Thatch Cay, die zu den karibischen Jungferninseln gehört, waren für Mindestgebote von jeweils ca. zwei Millionen US-Dollar zu haben. Ob man wirklich so viel Geld ausgeben muss, wenn der Verkäufer extra noch erklärt, die Inseln seien noch nie bewohnt gewesen, zumindest noch nicht legal?

Sehr viel alltagsorientierter war doch da schon das Angebot eines kleinen amerikanischen Dorfes mit zehn Hütten und vier Häusern im Rahmen einer Internet-Auktion. Die bisherige Eigentümer-Familie wollte sich lieber andernorts zur Ruhe setzen und bekommt diesen Rückzug nun mit umgerechnet 1,63 Millionen Euro versüßt. Ob aus dem abgelegenen Kaff namens Bridgeville in Nordkalifornien nun eher ein Ort der Besinnung oder das angedachte Wirtschaftszentrum wird, bleibt abzuwarten.

Ebenfalls passend zum Sommer gabs auch einen Urlaub bei Queen Elizabeth II. zu ersteigern. Der Höchstbietende durfte sieben Tage lang samt Begleitung auf dem Sommersitz der Königin in Balmoral nächtigen. Nicht im Schloss selbst, aber immerhin in einer standesgemäßen Hütte mit dem schönen Namen 'Alltnaguibhsaich Lodge' in der Nähe des Schlosses. Das Mindestgebot dafür lag bei 1000 US-Dollar, die wohltätigen Zwecken zu Gute kommen sollten – das kann man für einen netten Parkspaziergang auf majestätischen Pfaden und einen heimlichen Blick durch die Schlossfenster ruhig einmal hinlegen.

Doch nicht nur Urlaubswillige, nein, auch Sportfreunde können bei Ebay zugreifen – passend zur Sommerhitze stand letzten Sommer bei Ebay auch ein komplettes Eishockey-Team zum Verkauf. Die 'Anchorage Aces' hatten zwei Millionen US-Dollar Schulden eingefahren und muss nun saniert werden – offensichtlich ein reizvolles Angebot, denn noch vor Versteigerungsende war das Höchstgebot schon auf 1,7 Millionen US-Dollar hochgeschnellt.

Ebay ist allerdings beileibe nicht nur Tummelplatz für die Reichen und Urlaubsdomizillosen. Die schönen Dinge des Alltags kommen hier nicht zu kurz. Menschen versteigern liebevoll und frisch vor Versand belegte Butterbrote, ihre Lieblingssocken und lustige kleine Saddam-Hussein-Boxpuppen fürs Kasperletheater. Und auch Toilettenpapier mit dem aufgedruckten Kopf des Diktators, das noch aus besseren Zeiten stammen soll, war für knapp 40 US-Dollar im Angebot.

Manche geben nicht nur ihr letztes Hemd, sondern auch ihre letzte Unterwäsche. Viel Geld lässt sich allerdings außerhalb von Japan damit nicht verdienen – nicht einmal von blonden Studentinnen. Ein Spitzenslip einer Dame, die damit ihr Studium finanzieren wollte, brachte gerade mal mickrige 2,50 Euro ein, was nicht einmal die Materialkosten decken dürfte. Zunehmend beliebteres Versteigerungsobjekt sind Kartons – leer natürlich, weil sie in diesem Zustand sehr viel nützlicher sein können. Originalverpackungen insbesondere von Computerteilen haben schon Preise von bis zu 50 Euro erreicht.

Und auch Fans, die sich verzweifelt nach einem kleinen Schnipsel ihrer Fernsehwelt sehnen, haben bei Ebay die Chance auf ein Stück Glück. So hat der alternde Star-Trek-Kapitän James T. Kirk zwar längst die Brücke verlassen und daher kein Anrecht mehr auf einen eigenen Sitzplatz. Doch für 265.000 US-Dollar kann sich nun ein Fan zurücklehnen und das Weltall an seinen Augen vorbei ziehen lassen. Original-Kostüme von Spock, Kirk und Khan waren ebenfalls schon unter dem virtuellen Hammer. Fündig werden jedoch auch solche Fangruppen, die Star Trek nur noch auch Erzählungen ihrer Eltern kennen – ausgehend vom Mindestgebot von einem Euro haben ganze 21 Anbieter den Wert eines Haargummis des RTL-Superstars Daniel Küblböck auf 38,50 Euro getrieben.

Doch es geht nicht nur um schnöden Mammon, sondern auch um Anliegen von moralischen Wert. Schließlich erreicht man bei Ebay mit wenig Aufwand immer wieder Massen von Menschen. Das muss genutzt werden. Aus diesem Grund sollte im Februar 2003 die deutsche Sprache unter den Hammer kommen. In der Produktbeschreibung las sich: "Erstklassiges, hochentwickeltes Sprachsystem mit dem Markennamen 'Deutsch'. Rund 1500 Jahre alt, mit ungefähr 450.000 Wörtern, sehr nützlich vor allem durch die weite Verbreitung hauptsächlich in Europa.... hat allerdings durch fahrlässigen Gebrauch vor allem in letzter Zeit einigermaßen gelitten". Anbieter war der 'Verein Deutsche Sprache', und der eifrigste Kaufinteressent ein Schweizer Student, der Deutsch nach eigenen Angaben für eine der großartigsten Sprachen der Welt hält. Leider wird ihm die Sprache weiterhin nicht gehören, da Ebay beim möglichen Höchstgebot von zehn Millionen Euro die Auktion stoppte. Viel öffentliche Aufmerksamkeit gab's für den Verein aber ganz umsonst – mehr als 33.000 Interessierte sahen sich das Angebot an.

Den gleichen Höchstpreis erzielte auch die Dresdener Jura-Fakultät in einer Versteigerung. Der Freistaat Sachsen will seine Unis besser organisieren und die Fachbereiche in ausgewählten Städten zusammenfassen. Das bedeutet das Aus für die Juristische Fakultät in Dresden. Die Anbieter wollten sich nun "konstruktiv dafür einsetzen, dass die Fakultät an einen neuen, hoffentlich kompetenteren Eigentümer geht". Obwohl Ebay auch diese Auktion nach zwei Tagen aus dem Netz nahm, war die Presse voll von Berichten über die verzweifelte Lage der Dresdener Fakultät. Gerade um Unmut gegenüber Politikern auszudrücken, ist Ebay zum besonderen Anziehungspunkt geworden. So standen schon eine komplette neuwertige Bundesregierung zum Verkauf, "bevor der Schaden noch größer wird" und, im Rahmen des Irak-Kriegs, auch ein Präsident Bush, "leider etwas größenwahnsinnig und daher für die Weltgemeinschaft nicht haltbar".

Wenn man sich in die seltsame kleine, große Welt des Internetauktionshauses vorwagt und einfach mal ein bisschen durch die Seiten bummelt, bekommt man schnell das Gefühl, wieder Kind und beim Zahnarzt zu sein – und zwar genau an dem Punkt, wo man in die Überraschungskiste mit Spielzeug greifen darf.

Claudia Fudeus