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Traumatisiert Missbrauch, Gewalt, verstümmelte Tiere: Was sie bei Tiktok sah, machte Moderatorin krank. Nun klagt sie

Die bunte App Tiktok hat auch dunkle Seite (Symbolbild)
Die bunte App Tiktok hat auch dunkle Seite (Symbolbild)
© ljubaphoto / Getty Images
Tiktok ist der hell strahlende Stern am Social-Media-Himmel. Doch während die Nutzer sich an witzigen Clips erfreuen, bekommen die Moderatoren deutlich dunklere Seiten zu sehen. Eine von ihnen fühlt sich dadurch so stark traumatisiert, dass sie nun klagt.

Von berakdancenden Zwillinge zu einer witzigen Challenge, dann der Modeclip und die Beziehungstipps: Mit seinem schnellen Wechsel von einem kurzen Clip zum nächsten fesselt Tiktok immer mehr Nutzer an den Bildschirm. Doch damit diese Welt harmlos bleibt, bringen die Moderatoren ein großes Opfer, das verrät nun eine Klage. Und gibt Einblicke in die dunklen Seiten der Spaß-App. 

Von denen hat Candie Frazier genug gesehen. Als Moderatorin musste sie nach eigener Aussage eine regelrechte Flut an hochproblematischen Inhalten sichten und bewerten. Dabei sei sie mit "extremen und drastischen Gewaltdarstellungen" konfrontiert worden, so die Klage. Die Videos hätten unter anderem "den Genozid in Myanmar, Massenerschießungen, die Vergewaltigung von Kindern und die Verstümmelung von Tieren" gezeigt. Fraziers Vorwurf: Tiktok hätte sie nicht ausreichend vor den psychologischen Auswirkungen ihrer Arbeit geschützt. Und sie dadurch so stark traumatisiert, dass sie nun krank geworden sei.

Harte Bedingungen

Frazier und ihre Kollegen mussten offenbar unter extremen Bedingungen arbeiten. Sie sichteten die Inhalte in 12-Stunden-Schichten, durften erst nach vier Stunden die erste 15-minütige Pause einlegen. Um die gigantische Masse an neu in die App hochgeladenen Videos bewältigen zu können, schauten sie zudem nicht jeweils einen Clip, sondern zwischen drei und zehn - gleichzeitig. Mindestens jede 25 Sekunden lädt der Dienst ein neues problematisches Video, so die Klage. Die Moderatoren würden dabei streng überwacht, jeder Moment, indem keine Videos geschaut würden, werde "hart bestraft".

Für die geistige Gesundheit der Moderatoren sei das wenig hilfreich. Frazier plagten schwere Panikattacken, sie leidet laut der Klageschrift unter "schweren psychologischem Trauma, inklusive Depressionen und Symptomen, die mit Nervositätstörungen und Posttraumatischer Belastungsstörung verbunden sind". Sie habe Probleme, Schlaf zu finden "und wenn sie schläft, wird sie von schrecklichen Albträumen geplagt", so die Klage. "Sie liegt oft nachts wach und versucht einzuschlafen, während sie im Kopf Videos wiederholt, die sei bei der Arbeit gesehen hat."

Tiktok will sich nicht äußern

Obwohl Frazier nicht beim Tiktok-Betreiber selbst, sondern beim Dienstleister Telus International angestellt ist, wiegen die Vorwürfe gegen das Unternehmen schwer. Tiktok und seine Partner hätten nicht ausreichend dafür gesorgt, die Branchenregeln zum Schutz von Moderations-Personal eingehalten. Diese sehen in den USA nicht nur regelmässigere Pausen vor. Um die Auswirkungen der extremen Inhalte zu reduzieren, müssen den Moderatoren zudem psychologische Unterstützung angeboten bekommen. Viele Dienste setzen zudem auf Filter, die drastische Darstellungen automatisch verpixeln. Weil nicht nur Frazier sondern auch zahlreiche andere Moderatoren betroffen seien, streben die Anwälte daher eine Sammelklage an.

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Tiktok selbst will sich nicht direkt zu dem Fall äußern, man "kommentiere laufende Rechtsstreits nicht", teilte das Unternehmen mehreren US-Medien in einem Statement mit. Allerdings betonte das Unternehmen, man strebe eine umsorgendes Arbeitsumfeld an und baue die Angebote für Moderatoren aus, um sie "emotional und gesitig zu unterstützen". Fraziers Arbeitgeber, der nicht Teil der Klage ist, äußerte sich klarer. Man sei "stolz auf die wertvolle Arbeit, die das Team beim Ausbau einer positiven Online-Umgebung" leiste. Zudem habe man "robuste" Programme, um die mentale Gesundheit der Angestellten zu garantieren. Das Unternehmen ermögliche es seinen Angestellten "über verschiedene Kanäle" auf Probleme hinzuweisen, sagte ein Sprecher der "Washington Post". Das habe Frazier aber nie getan. Die Klägerin und ihre Anwälte wollten sich gegenüber der Zeitung nicht äußern.

Die Klage ist nicht der erste Versuch, auf die Probleme der geistigen Gesundheit der Moderatoren von großen Social-Media-Plattformen hinzuweisen. Erst letztes Jahr wurde das mittlerweile in die Mutterfirma Meta eingegliederte Facebook von ehemaligen Moderatoren verklagt. Und musste in einer Einigung mindestens 1000 US-Dollar an jeden der Moderatoren zahlen. Psychologisch besonders Betroffene können gar 50.000 Dollar einfordern. Die Einigung dürfte auch bei der Entscheidung zur aktuellen Klage eine Rolle gespielt haben.

Quellen: The Verge, Washington Post

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