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"Sea Shanties" Viraler Trend auf TikTok: Warum jetzt alle Seemannslieder singen

In der Seemannsschenke an Hamburgs Wasserkant, eine Illustration von Seemännern aus dem Jahr 1888
In der Seemannsschenke an Hamburgs Wasserkant, eine Illustration von Seemännern aus dem Jahr 1888
© Bildagentur-online/Sunny Celeste/ / Picture Alliance
Auf der Videoplattform TikTok singen derzeit Millionen User alte Seemannslieder aus dem 19. Jahrhundert. Die Lieder erzeugen nicht nur die Sehnsucht nach besseren Zeiten, sondern stehen auch für den Zusammenhalt in der Gesellschaft.

Ende Dezember 2020 lädt der schottische Briefträger Nathan Evans "Wellerman", ein altes Seemannslied aus dem 19. Jahrhundert, auf TikTok hoch. Über die sogenannte "Duett-Funktion" in der App, sang er mit seiner eigenen Stimme eine A-Capella-Version des neuseeländischen Walfängerlieds ein: Die Strophen sang er als Solostimme, bei den Refrains legte er mehrere Aufnahmen übereinander. Zwei weitere fügten noch eine Tenor-, sowie eine Basstimme hinzu – schon klang das ganze wie ein Chor und erreichte binnen kürzester Zeit eine Millionen Likes.

@nathanevanss

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♬ original sound - N A T H A N E V A N S S

"Es ist total verrückt. Ich weiß nicht wirklich, was passiert ist", sagt Evans gegenüber "CNET". Der Briefträger postet normalerweise hauptsächlich Videos von sich selbst, in denen er schottische Volkslieder, Pop-Cover und eigene Songs singt. Er sagt, er könne kaum glauben, wie sehr die Leute Seemannslieder mögen. Anfang Dezember hatte er etwa 45.000 Follower auf TikTok, inzwischen sind es über 347.000.

"Sea Shanties" erleben auf TikTok einen Trend

"Wellerman" ist ein "Sea Shanty", wie alte Seemannlieder genannt werden und handelt von einem Schiff der Weller Bros., ein um 1830 ein auf Walfang spezialisiertes Unternehmen, das die erbeuteten Tiere an Land brachte, sich aber auch um Versorgung und Ausrüstung einer Flotte von Walfangschiffen kümmerte. Es brachte zum Beispiel Zucker, Tee und Rum, Güter, die im "Wellerman" sehnsüchtig mit Ankunft des Schiffs erwartet werden. Nachdem Evans seine Version dessen hochgeladen hatte, überrollte TikTok eine regelrechte Flut von Seemannliedern. Das dazugehörige Hashtag "SeaShanty" erreichte mittlerweile 77 Millionen Aufrufe.

Das Schöne an diesen Liedern ist der Mitmachcharakter: eine möglichst einfach mitzusingende Melodie, die aus einer ebenso einfachen Struktur aus Einheiten zu jeweils vier Takten besteht. Man muss kein großes Gesangstalent sein, um ein Seemannslied schmettern zu können – das waren die 20 bis 30 Männer an Board im Zweifel auch nicht. Gleichzeitig schafft man so über die soziale Plattform mit den digitalen Duetten eine gemeinsame Aktivität, die man trotz der Coronapandemie von zu Hause ausüben kann.

"Sea Shanties" sind ein Ausdruck der Sehnsucht

Am vergangenen Dienstag twitterte Google Trends, dass "Sea Shanties" derzeit häufiger gesucht werden als zu jedem anderen Zeitpunkt in der Geschichte der Plattform. Laut dem Musikstreamingdienst Spotify entstanden seit Ende Dezember mehr als 12.000 "Sea Shanty"-Playlists. Die harmonischen Töne und der 4/4-Takt stehen nicht nur für ein gemeinsames Singen in einem sozialen Netzwerk, sie sind gleichzeitig der Ausdruck von Sehnsucht nach besseren Zeiten. Gleichzeitig stehen die Lieder für einen Zusammenhalt und das gemeinsame Arbeite. Sie treffen dabei in der Coronapandemie einen Nerv.

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"Auf dem Schiff zusammenhalten, gleichzeitig am Tampen ziehen, das wünscht man sich ja auch in der Gesellschaft, das stellen Seemannslieder und Shantys dar", sagt auch Hans-Timm Hinrichsen von Shantyrocker-Band Santiano, gegenüber dem NDR. Und so hält uns der Rhythmus nicht auf dem Segelschiff, sondern im Homeoffice, auf den Krankenstationen und in der Isolation die Laune, während wir sehnsüchtig darauf warten, endlich wieder an die See fahren zu können.

Quelle: FAZ, CNET, NDR


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