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Twitter wird fünf: Ein Zwitschern geht um die Welt

Nachrichtenticker, Gerüchteküche, Befindlichkeits-Barometer. Twitter hat viele Gesichter. Vor fünf Jahren startete der Online-Kurznachrichtendienst und ist inzwischen sehr populär. Wenn jetzt nur noch die Twitter-Macher wüssten, wie man damit Geld verdienen kann.

Gezwitschert wird inzwischen pausenlos. Mehr als 200 Millionen Menschen nutzen die Kommunikationsplattform Twitter, was zu deutsch "Gezwitscher" heißt. Jeden Tag schicken sie 140 Millionen Kurznachrichten los. Sie geben Kneipentipps weiter, prangern Menschenrechtsverletzungen an, reden übers Wetter, organisieren Revolutionen. Vor fünf Jahren, am 21. März 2006, schickte der Kalifornier Jack Dorsey um 9.50 Uhr die erste Mitteilung los: "Richte soeben mein Twitter ein." Verwirrend: In der Faktensammlung, die die Twitter-Macher zu ihrem Jubiläum eingerichtet haben, wird allerdings die Nachricht "Kollegen einladen", die Dorsey um 10.02 Uhr versandte, als die erste Twitter geführt.

Was damals mit einem leisen Pieps anfing, ist inzwischen zum konstanten Hintergrundrauschen des modernen Lebens angeschwollen.

Dorsey entwickelte die Idee mit seinen Kollegen Biz Stone und Evan Williams weiter. Grenzenlose Vernetzung, direkte Kommunikation, Meinungsaustausch ohne Hürden - ermöglicht übers Internet, abrufbar am Computer oder am Mobiltelefon: Die drei Tüftler hatten früh das Gefühl, mit Twitter den Nerv der Zeit zu treffen. "Bei all dem Spaß, den wir hatten, war im Hinterkopf doch immer die Vorstellung, dass sich daraus etwas Wichtiges entwickeln könnte", sagt Twitter-Mitbegründer Stone im AFP-Interview. "Das haben wir damals allerdings nicht laut gesagt."

Die gegenwärtige Entwicklung bestätigt den anfänglichen Optimismus. Im vergangenen Jahr schickten Twitter-Nutzer 25 Milliarden Kurzbotschaften, sogenannte "Tweets", hinaus in die Welt. In diesem Jahr werden es viel mehr sein. Derzeit melden sich täglich 460.000 neue Nutzer an. Twitter beschäftigt inzwischen 400 Menschen, fast jede Woche kommen neue Mitarbeiter hinzu.

Von der Schwachsinnsschleuder zum Machtinstrument

Die Plattform hat an politischer und gesellschaftlicher Relevanz gewonnen. Was anfangs als Netzwerk zum Austausch von Belanglosigkeiten belächelt wurde, ist zum machtvollen Instrument sozialen Wandels geworden. Die Demonstranten in der arabischen Welt etwa umgehen mit Twitter die staatliche Repression.

"Es ist nicht unbedingt ein Triumph der Technologie, sondern ein Triumph der Menschlichkeit", erklärt sich Stone den Erfolg. "Wir sind nicht erfolgreich wegen unserer Algorithmen und Geräte, sondern durch das, was die Menschen damit machen." Und die Menschen machen viel damit, die Nutzerzahlen belegen es. "Es geht darum, den Interessen zu folgen, den Dingen, die einen faszinieren", sagt Stone. "Es geht um Nachrichten und Informationen, die man sonst nicht bekommen würde."

Twitter verschafft den Nutzern Zugang zu Menschen, an die sie sonst nicht herankommen würden. Nutzer können zum Beispiel die Tweets ihrer Idole abonnieren und in Echtzeit verfolgen. Die meisten registrierten Abonnenten ("Follower") hat Popstar Lady Gaga - es sind fast neun Millionen. Teenie-Idol Justin Bieber kommt auf 8,1 Millionen Follower, US-Präsident Barack Obama liegt mit knapp sieben Millionen auf Platz vier.

Wer soll das bezahlen?

Twitter ist erfolgreich, und doch gibt es eine wunde Stelle: Die Beliebtheit schlägt sich noch nicht in Einnahmen nieder, in finanzieller Hinsicht ist Twitter nicht profitabel. "Wir sind erst in der Anfangsphase der Einnahmesteigerung", sagt Stone. Mit einigen Partnerfirmen wird derzeit an bezahlten Werbe-Tweets gearbeitet. "Wir probieren aus, was funktioniert und was nicht", sagt Stone. Ein Börsengang sei nicht geplant.

Mitbegründer Stone vergleicht den Entwicklungsstand von Twitter mit dem eines Kindes, das gerade erst in den Kindergarten kommt. "Wir stehen hier gerade erst am Anfang eines Lebens voller Potenzial und Abenteuer", sagt Stone. "In den vergangenen Jahren haben wir eigentlich erst Laufen gelernt."

Twitter-Fakten

Anfangs tröpfelten die Tweets, heute strömen sie wie ein reißender Fluss: Jede Woche senden die Twitter-Nutzer eine Milliarde Meldungen.
Ein großer Teil der Nutzer schreibt selbst keine Beiträge, sondern nutzt den Dienst passiv, liest also, was andere veröffentlichen.
Erst hieß die Standardfrage über dem Eingabefeld: "What are you doing?" (Was tust Du?), im November 2009 änderte das Unternehmen sie in das allgemeinere "What's happening?" (was passiert?).
Bei der Übersetzung der Website in andere Sprachen setzt das Unternehmen auf seine Nutzer. Freiwillige sollen dem Übersetzungsteam Vorschläge machen.
Die Belegschaft ist im letzten Jahr deutlich gewachsen. Im Januar 2009 hatte Twitter 29 Mitarbeiter, im Januar 2010 noch 130 - heute sind es 400.

PS: Auch stern.de twittert auf mehreren Kanälen.

Glenn Chapman, AFP / AFP