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Verbrecherjagd: Aktenzeichen Youtube XY... gelöst

Zwei Männer lassen in einem österreichischen Computerladen ein Laptop mitgehen. Eine Überwachungskamera filmt alles. Der Händler lässt die Webgemeinde an der Diebesjagd teilhaben, veröffentlicht die Aufnahmen auf Youtube. Mit Erfolg.

Von Ulf Schönert

Die beiden Kunden tragen kurze Haarschnitte und bewegen sich auffällig unauffällig. Sorgfältig schließen sie die Ladentür, als sie den Verkaufsraum betreten. Dann interessieren sie sich für den Inhalt einer Vitrine direkt an der Eingangstür.

Eine Zeit lang treten sie scheinbar unschlüssig auf der Stelle. Schließlich greift einer der beiden ins Schaufenster, verstaut eines der dort ausliegenden Notebooks (Wert: 1300 Euro) unter seiner Jacke und verschwindet mit seinem Compagnon. Es ist ein ganz normaler Mittwochnachmittag im oberösterreichischen Grieskirchen. Ein ganz normaler Computerladen, ein ganz normaler Computerdiebstahl.

Was die beiden Täter nicht wissen: Überwachungskameras haben alles gefilmt. Oder vielleicht wissen sie es sogar, und es ist ihnen egal, weil sie ohnehin nicht aus der Gegend stammen. Was sie mit Sicherheit nicht ahnen: Ihr Klau löst eine der spektakulärsten Online-Fahndungen in der Geschichte des Internets aus.

Der Händler hilft sich selbst

Denn noch am selben Tag greift der beklaute Händler Thomas Karer zur Selbsthilfe. Unter seinem Nutzernamen Tomtom4710 lädt bei youtube.com hoch zwei aus unterschiedlichen Perspektiven gefilmte Videos hoch. Gleichzeitig veröffentlicht er Fotos der Täter in seinem Weblog unter blog.ctk.at.

Auf einmal ist auf der Site (Titel: "Aus dem Leben eines Fachhändlers") Hochbetrieb. Tausende Internet-Surfer schauen sich die Videos mit den gut zu erkennenden Tätern an. In Kommentaren diskutieren sie Herkunft und Identität der Täter, wünschen Karer "viel Erfolg bei der Aufklärung" oder gratulieren zu der "guten Idee". Andere kritisieren hingegen, dass die Ware offensichtlich zu schlecht gesichtert war und fragen nach dem Datenschutz: Schließlich seien auch unbeteiligte Kunden klar auf dem Video zu erkennen. Die allerdings hatten laut Karer zuvor ihre Zustimmung gegeben.

Fahndungserfolg

Von Blog zu Blog verbreitet sich die Kunde von der Youtube-Verbrecherjagd, auch die Presse berichtet über den Fall - bis nach einer Woche die Polizei die Festnahme der Täter verkündet. Hinweise aus der Bevölkerung hätten die Täter überführt, teilen die Beamten mit. "Nachahmenswert" sei das Vorgehen des Händlers: "Das Video war ausschlaggebend, dass die Ladendiebe erkannt worden sind."

Verschwunden bleibt hingegen das Notebook. Die Täter hatten es schon verkauft. Für 400 Euro.

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