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Neue Sat.1-Serien: Aktenzeichen abgeschaut

Gleich zwei Ermittler-Teams aus Berlin schickt Sat.1 künftig donnerstags gegen das Verbrechen auf Streife. Die beiden Serien "R.I.S." und "Deadline" sind zwar bloß Klone amerikanischer Erfolge - aber immerhin so gut abgepaust, dass sich das Einschalten zeitweise wirklich lohnt.

Von Peer Schader

Es ist vielleicht besser, nicht in Berlin zu wohnen. In Berlin wohnt schon das Verbrechen: der heimtückische Mord, der vertuscht werden soll. Die enttäuschte Liebe, die in einem schlimmen Drama endet. Und die Gier, die einen sogar den eigenen Bruder ins Jenseits befördern lässt.

Trotzdem war Sat.1 bekanntlich eine Zeit lang ziemlich "Verliebt in Berlin". Diese Beziehung ist jedoch vor ein paar Wochen aufgrund fehlender Zuwendung gelöst worden. Jetzt ist es vorbei mit der Stadt, in der die Sekretärin mit der dicken Brille und der Zahnspange den gutaussehenden Chef anhimmeln und ihn ein paar hundert Folgen später tatsächlich auch ehelichen kann. Längst hetzt Sat.1 dem nächsten Trend hinterher: Die Hauptstadt als Moloch mit lauter schlimmen Ecken, wo ein Verbrechen nach dem nächsten passiert. Soll RTL seine "Post Mortem"-Leichen ruhig zuhause in Köln ausbuddeln! Berlin ist besser: dreckiger, voller zwielichtiger Typen und verfallener Häuser. Eine Spitzenkulisse!

Eigene Ideen hat niemand haben müssen

An diesem Donnerstag will der Sender endgültig den Beweis antreten, dass es nicht immer Las Vegas, New York oder Miami sein müssen, um taffen Kommissaren beim Tätermonopoly zuzusehen, und lädt gleich zwei Ermittler-Teams aus Berlin schwierige Fälle auf, die es innerhalb von 45 Minuten zu lösen gibt.

Um 22.15 Uhr, wenn beim Konkurrenten RTL gerade "CSI" zu Ende gegangen ist, startet die zweite Staffel "R.I.S. - Die Sprache der Toten", das Sat.1 sich aus Italien eingekauft hat und für deutsche Verhältnisse umgeschrieben. "R.I.S." ist sehr deutlich an "CSI" angelehnt, daran besteht kein Zweifel. Sat.1 hat sogar die komplette Produktion der Serie an amerikanische Standards angepasst und lässt jetzt viel flotter neue Folgen herstellen als das bisher für deutsche Serien üblich war, und zwar gleich mit einer ganzen Horde Autoren.

Trotzdem hat es nicht so richtig geklappt, als "R.I.S." im Frühjahr am Sonntagabend lief. Dass die Serie dennoch fortgesetzt wurde, ist prima. Denn sie ist besser geworden. Noch immer sieht alles so aus wie bei den amerikanischen Kollegen: Die Farbgebung ist übertrieben intensiv, es gibt kleine Rückblenden und visualisierte Gedanken, über die der mögliche Tathergang erzählt wird, und dauernd schnipselt jemand an einer Leiche rum, um noch ein paar Fasern fürs Labor zu suchen, die aufwändig untersucht werden können. Eigene Ideen hat bei "R.I.S." wirklich niemand haben müssen.

Mit festgewachsenem Handy am Ohr

Doch die Serie ist so gut abgeschaut, dass sie funktioniert. War zum Auftakt der ersten Staffel noch so mancher Effekt eine Nummer zu groß, besinnt man sich nun auf die kleineren Fälle. Ruck-zuck werden ein, zwei Morde wegerzählt und nachher ist man als Zuschauer vielleicht ein bisschen enttäuscht, dass die Lösung so einfach war. Aber mehr ist in einer Dreiviertelstunde nicht drin. Und mehr erwartet auch keiner.

Auch die zweite Sat.1-Eigenproduktion hat ein Vorbild: "Deadline", das gleich um 20.15 Uhr auf Sendung geht, ist eindeutig vom Echtzeit-Thriller "24" inspiriert. In jeder Folge muss das Kriseninterventions-Team der Berliner Polizei ein Verbrechen verhindern, das innerhalb eines vorgeschriebenen Zeitraums passieren wird. Ständig ist die Digitaluhr mit den roten Ziffern im Bild, auf der der Countdown läuft. Und die eifrigen Ermittler, denen Handy und Headset an die Köpfe gewachsen sind, telefonieren permanent im Splitscreen.

"Deadline" hat mehr Zeit als "R.I.S.", um seine Geschichten zu entwickeln, weil nur ein Fall pro Folge erzählt wird. Zum Auftakt entführt ein verzweifelter Mann einen Stadtbus mit dem neuen Liebhaber seiner Ex-Freundin. Matthias Berg (Heio von Stetten) muss verhindern, dass den Geiseln was passiert, und findet heraus, dass es bei dem Drama um mehr geht als das geforderte Lösegeld. Nachher lässt die Polizei zu, dass ein benzingetränkter Stadtbus mit einem irren Geiselnehmer noch mal eine Runde durch die Stadt dreht. Man kann nur hoffen, dass die echte Spezialeinheit sowas souveräner lösen würde.

Harald Schmidt als "House" - wie wär’s?

Neben Berg gibt es in "Deadline" noch die attraktive Kollegin Nina Ritter (Sonsee Neu), die was mit ihm am Laufen hat, obwohl Berg seine Familie nicht verletzen mag. Dazu steht die Chefin der Einheit immer kurz vor dem Wutausbruch (sehr engagiert gespielt von Katharina Thalbach) und der schluffige Laborexperte trottet mit offenem Kittel durchs Büro und schüttet einen Kaffee nach dem nächsten in sich hinein.

Richtig originell ist auch "Deadline" leider nicht. Das meiste hat Sat.1 sich einfach bis ins kleinste Detail anderswo abgeschaut. Vermutlich glaubt man in Berlin, mit eigenen Ideen derzeit nicht so weit zu kommen. Da dem Sender der Serien-Nachschub aus den USA fehlt und alle anderen erfolgreichen Serien sich schon auf die Konkurrenten Vox und RTL verteilen, bleibt nichts anderes übrig, als es selbst zu machen. Das ist nicht weiter schlimm. Aber hoffentlich keine Dauerlösung.

Und warum bitte schön kommt eigentlich niemand auf die Idee, endlich auch "Dr. House" zu klonen? Vielleicht fragt Sat.1 mal Harald Schmidt, ob er Lust hat, den verbitterten Arzt zu spielen? Jemand anderen mag man sich in dieser Rolle gar nicht erst vorstellen.