HOME

Suche nach der Infektionsquelle: Aktenzeichen Ehec ungelöst

Die Fahndung nach dem Erreger und der Quelle erinnert an Detektivarbeit. Puzzlestück um Puzzlestück fügen Behörden hinzu - zum ganzen Bild fehlen noch einige Teile. Der Ermittlungsstand.

Von Lea Wolz

Auf drei Gurken aus Spanien, darunter ein Bio-Produkt, hat das Hamburger Hygiene-Institut den gefährlichen Ehec-Erreger nachgewiesen. Ein weiterer Weg führt nach Holland: Inzwischen gebe es bei der vierten verseuchten Gurke Hinweise auf Lieferwege aus den Niederlanden, gab die Hamburger Gesundheitsbehörde am Freitag bekannt. Nun beschäftigt Kontrolleure, Behörden und Wissenschaftler die Frage, wie der Keim auf die Gurken gelangt sein könnte. Dazu gibt es bis jetzt nur eines: viele Vermutungen.

Gülledüngung sei daran schuld - dieser Verdacht war schon kurz nach dem Ausbruch zu hören. Da Ehec-Bakterien im Darm von Wiederkäuern siedeln, könnte er über Rindergülle auf die Felder gelangt sein. "Diese Theorie ist nicht von der Hand zu weisen", sagt der Mikrobiologe Lothar Beutin, der das Nationale Referenzlabor für Escherichia coli am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) leitet. Immerhin trägt ein Teil der Rinder die gefährlichen Erreger in sich.

Entwickelt haben sich die Ehec-Bakterien aus den ungefährlichen Kolibakterien, die den menschlichen Darm besiedeln. "Im Lauf der Zeit haben sie sich durch Gentransfer verändert und Gene aufgenommen, die Zellgifte produzieren." Auch der Erregertyp, der sich aktuell verbreitet, sei so entstanden.

Spanien und Holland sehen sich als Buhmänner

"Der aktuelle Erreger ist bis jetzt nur einmal aufgetreten, bei einer jungen Frau in Korea, die am hämolytisch-urämischen Syndrom litt", sagt Beutin. Dem Mikrobiologen zufolge ähnelt er zudem einem Ehec-Typ, der zum ersten Mal 1994 im US-Bundesstaat Montana in Erscheinung getreten ist. "Damals infizierten sich allerdings deutlich weniger Menschen, als Keimquelle wurde Milch vermutet", sagt der Mikrobiologe. Bestätigt werden konnte die Vermutung allerdings nie: In der Milch konnten Kontrolleure den Erreger nicht nachweisen.

Auch bei dem Ausbruch in den USA seien wie jetzt in Deutschland mehr Erwachsene als Kinder und mehr Frauen als Männer erkrankt. Die Frage, warum dies auch im aktuellen Fall so ist und warum die Krankheit in besonders vielen Fällen schwer verläuft, können Wissenschaftler bis jetzt noch nicht beantworten. "Es könnte sein, dass der Erreger besonders gefährliche Zellgifte produziert oder dass er sich besonders gut im Darm vermehrt", sagt Beutin.

Einen weiteren Hinweis, den die Wissenschaftler haben: Der Erreger ist gegen viele Antibiotika resistent. "Solche Resistenzen sind in Südeuropa besonders verbreitet", sagt Beutin. An ihrem Entstehen könnte unter anderem der übermäßige Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung beteiligt sein, vermutet der Mikrobiologe.

Doch sowohl in Spanien als auch in Holland wehrt man sich gegen den Vorwurf, den gefährlichen Erreger verbreitet zu haben. Die Niederlande wiesen Berichte über eine mit dem Ehec-Erreger infizierte Gurke, die aus Holland stammen soll, als unzutreffend zurück. "Wir haben bislang keinerlei derartige Erkenntnisse", sagte Marian Bestelink, die Sprecherin der zuständigen Behörde für Warenprüfung auf Anfrage der Deutschen Presseagentur.

Kuriose Kistensturz-Theorie

Einer der spanischen Landwirte, von deren Betrieben die verunreinigten Salatgurken stammen sollen, präsentierte unterdessen eine andere Theorie. Die Palette soll beim Transport zum Hamburger Großmarkt umgefallen und die Keime so auf die Ware gelangt sein. Anderenorts hält man diese Theorie für extrem fragwürdig: "Dass die belasteten Gurken von einer einzigen Palette stammten, die durch ein Umkippen verseucht wurde, können wir aufgrund der Probenentnahme an unterschiedlichen Stellen ausschließen", sagt Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD).

Auch der Vorsitzende des Bundesverbands der Lebensmittelkontrolleure in Drolshagen, Martin Müller, ist von der Paletten-Theorie nicht überzeugt. "Der Keim kann eigentlich nur in einem frühen Stadium auf die Gurken gekommen sein. So wie er sich in ganz Deutschland verbreitet, kann das nicht bei dem Transport oder noch später passiert sein", sagt er. Müller ist sich sicher: "Hier muss eine Verunreinigung im großen Maßstab passiert sein, da hat einer richtig geschlampt." Frühere Fälle hätten gezeigt, dass Verunreinigungen in der Wachstumsphase des Gemüses, zum Beispiel durch Düngung, entstanden sind. Für möglich hält er auch, dass die Gurken mit belastetem Wasser gewaschen und dann auf die Reise geschickt wurden.

Bis jetzt nur Spekulationen

Am Hamburger Hygiene-Institut, wo man die Ehec-Erreger auf Gurken nachweisen konnte, wird unterdessen unermüdlich weitergeforscht. "Wir nehmen weiterhin Lebensmittel unter die Lupe, nicht nur Gurken", sagt die Lebensmittelchemikerin Gudrun Schulz-Schroeder. Wie der Keim auf die Lebensmittel gelangt ist, darüber hat man allerdings auch dort nur Vermutungen.

"Die Kopfdüngung ist zumindest in Deutschland in der Gemüseproduktion sehr unüblich", sagt Schulz-Schroeder. Wenn überhaupt, würden so eher Anbauflächen von Futtermitteln gedüngt. Dabei sei zwar nicht auszuschließen, dass Verunreinigungen auch auf angrenzende Felder übergehen könnten. "Doch die Wahrscheinlichkeit ist meiner Meinung nach sehr gering."

Wie in Spanien gedüngt wird, ist ihr nicht bekannt. Auch darüber, wie der Keim auf das Gemüse gelangt sein könnte, kann sie nur spekulieren. Doch für vorstellbar hält sie es durchaus, dass auch verunreinigtes Wasser daran schuld sein könnte. "Zum Beispiel wenn sich Bewässerungs- und Abflusswege kreuzen", sagt die Abteilungsleiterin. Eventuell sei auch ein anderer organischer Dünger mit Ehec verunreinigt gewesen. "Das ist ein irres Puzzle, hier ist vieles noch ungeklärt: Wir haben zwar eine Spur, doch das Ziel, die Eintragsquelle, haben wir noch nicht herausgefunden."

Dass die Gurken auf dem Transportweg verunreinigt wurden, hält sie für wenig wahrscheinlich. "Dass alle Gurkenladungen auf einem Laster waren, ist kaum vorstellbar." Ein weiteres Indiz spricht aus ihrer Sicht gegen diese Theorie: "Mindestens eine der Gurken, auf denen wir Ehec nachweisen konnten, war eingeschweißt."

Allerdings fehlt dem Institut noch ein weiteres wichtiges Puzzlestück: Auf den Gurken konnten bis jetzt zwar Ehec-Erreger nachgewiesen werden. "Ob es sich dabei aber um genau den Typ handelt, der in den Stuhlproben identifiziert wurde, können wir erst in ein paar Tagen sagen", meint Schulz-Schroeder.

Wissenscommunity