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Handy-Spiele: Daddeln statt quasseln

Wenn schon fast alle Menschen ein Handy in der Tasche haben, dann sollen sie auch damit spielen können.

Zwei, sechs, sechs, vier, acht, fünf - und wieder liegt ein Monster am Boden. Oder: Vier, zwei, sechs, acht, vier - und die Schlange beißt sich in den Schwanz. Lange scheint es her, dass die Tasten auf dem Handy nur für Telefonnummern da waren: Wenn heute jemand die Zwei drückt, heißt das oft "kriech nach links", die Fünf lässt eine Waffe krachen. Spiele auf dem Handy sind schon lange nichts mehr nur für Kinder, die die Schule schwänzen - Frauen spielen sie, während sie auf ihren Mann warten (oder umgekehrt), coole Manager gönnen sich ein Spielchen zwischendurch, auf dem Bahnhof wird gedaddelt, bis der Zug kommt.

Der Spieltrieb wirkt überall

Der Erfolg zeigt: Es muss etwas im Menschen stecken, das ihn zum Spielen treibt. Denn an den Handyspielen selbst kann es nicht liegen: Noch vor wenigen Jahren waren sie ähnlich attraktiv wie die Vorstellung, mit einem Daumenkino "Matrix" zu gucken. Die Grafik erschien grob und noch dazu schwarzgrau, die Spiele waren mehr als uninspiriert. Dann ging alles ganz schnell: Millionen Menschen auf der ganzen Welt spielen inzwischen den Vater des mobilen Spiels, "Snake", in dem es darum geht, mit einer stetig wachsenden Schlange möglichst alles zu fressen, das Punkte bringt. Außerdem laden sich immer mehr Handybesitzer Spiele aus dem Netz herunter und bezahlen gutes Geld dafür. Das konnte den Netzbetreibern, Handyfirmen und Spieleproduzenten natürlich nicht verborgen bleiben. Und nun rangeln sie alle um die vorderen Plätze: klassische Spielefirmen wie Sega ("Sonic") und Eidos ("Tomb Raider") genauso wie T-Online und Vodafone, E-Plus und O2. Der Musiksender MTV will bald Games entwickeln, die TV-Produzenten Endemol ("Big Brother") haben gerade ihr erstes Telefonspiel vorgestellt.

Die Claims sind noch nicht abgesteckt

Es ist ein Goldrausch, bei dem die Claims noch nicht abgesteckt sind. Auch kleine Unternehmen haben eine Chance, groß zu werden - wie die Hamburger Firma Elkware, die mobile Spiele entwickelt. Der Markt wächst rasant, die Games werden immer ausgefeilter: "Wir machen die Geschichte der Videospiele im Zeitraffer durch", sagt Jan Andresen von Elkware, und damit liegt er nicht falsch. Was bei Videospielen mehrere Jahrzehnte gedauert hat, haben die Telefone schnell aufgeholt und sich dabei aus dem Archiv des großen Bruders bedient: Als Erstes wurden Klassiker wie "Asteroids" für Handys umgesetzt - weil die Grafik der Telefone nicht mehr hergab, aber auch, weil viele derjenigen, die als Erste mit ihren Handys spielten, mit "Asteroids" aufgewachsen waren. Doch auch das ist bereits Vergangenheit: Heute, nur zwei Jahre später, gibt es bereits Versionen von "richtigen Videospielen" für ein paar Euro zu kaufen, zum Beispiel von der Fußballsimulation "Fifa 2003" oder dem Skateboard-Spiel "Tony Hawk's Pro Skater". Der neueste Schrei: Elkware hat gerade eine Version des Computer-Strategiespiels "Anno 1503" für Handys vorgestellt. Die Spiele werden komplexer, aber die "Minutendiebe", wie sie Jan Andresen nennt, die Spiele für zwischendurch, die wird es weiter geben.

Was können Handys besser als Konsole oder PC?

Trotzdem: Es ist etwas völlig anderes, und das wird immer so bleiben, ein Spiel auf dem Monitor oder einem großen Fernseher zu spielen als auf dem Guckloch eines Mobiltelefons. Die Hersteller wissen das - und spielen nun ihren Vorteil aus: dass Telefone per se mit anderen Telefonen kommunizieren können, dafür sind sie schließlich da. Und im Gegensatz zu Spielekonsolen, die gerade online gehen, ist das Handy immer dabei - und wohl bald immer bereit für ein Game mit mehreren Spielern, die in der Mittagspause gegeneinander kämpfen, Rätsel lösen oder an der Kasse des Supermarkts die Welt retten.

Nokia bläst mit N-Gage zum Angriff

Oder es kommt vielleicht doch ganz anders. Ab 7. Oktober dieses Jahres wird ein Gerät angeboten, von dem keiner mehr sagen kann, ob es nun ein Handy ist oder eine Spielkonsole. Dann erscheint das "N-Gage", eine Art Gameboy mit Telefonanschluss, angereichert mit einem Radio und einem MP3-Player - entwickelt von Nokia, unterstützt von vielen großen Spieleherstellern. Gleich zum Start wird es "Tomb Raider" geben und eine Menge anderer Spiele, die bisherige Handygames in den Schatten stellen und die mehr noch als heutige Spiele aufs Miteinander-Spielen angelegt sind. Mit dem knapp 300 Dollar teuren Gerät betritt der erste Handyhersteller den Spielemarkt. Das ist ein Zeichen. Nicht nur, dass in diesem Markt sehr viel Geld zu holen ist, sondern auch, dass sehr viele Menschen spielen wollen, wenn sie unterwegs sind. Und dass wir uns wohl irgendwann nur noch vage an die Zeit zurückerinnern werden, in der uns nur das Klingeln von Handys genervt hat.

Sven Stillich / print
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