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Kinderhandys: Vertrauen ist besser

Spezielle Kinderhandys seien perfekt auf die Bedürfnisse von Eltern und Nachwuchs abgestimmt, versprechen die Hersteller. stern-Redakteur und Vater Ulf Schönert hat das überprüft.

Von Ulf Schönert

Alle anderen in der Klasse haben schon eins - nur ich nicht! So war es früher bei Digitaluhren, Zauberwürfeln, Skateboards, Barbies und BMX-Rädern. Heute ist das so mit Handys. Es kommt ein Alter, da will jedes Kind eins. Derzeit so zwischen acht und zehn Jahren. Ein wenig zeitversetzt kommt dann der Punkt, an dem die ersten Eltern nachgeben. Denn Handys bieten auch für sie einen unübersehbaren Vorteil: Sicherheit. Die Frage "Wo hast du denn so lange gesteckt?" an ein zu spät nach Hause kommendes Kind gibt es im Handy-Zeitalter nicht mehr. Heute heißt es "Wo bist du?" oder "Willst du nicht langsam mal nach Hause kommen?" - und gefragt wird per Telefon.

Doch Handys, das hat sich bei Eltern herumgesprochen, haben auch Schattenseiten. Kinder benutzen sie ja längst nicht nur zum Telefonieren. Sie laden Klingeltöne herunter und führen sich gegenseitig Gewaltvideos vor. Sie stimmen bei Casting-Shows für 49 Cent pro Anruf mit ab und kaufen Handy-Spiele für 4,99 Euro. Das Geld und die Nerven, die das kostet, gehen zulasten der Eltern.

Es gibt nur Spezialtasten

Jetzt versprechen spezielle Kinderhandys, alle Vorteile der Mobiltelefonie zu vereinen, aber ihre Nachteile technisch zu verhindern. Bei Tchibo gab es schon eins, eine Firma namens Kandy Mobile bewirbt ihres intensiv, im Internet finden sich diverse weitere Anbieter. Mit den Einfach-Geräten im kindgerechten Design kann man keine Gewaltvideos zeigen, keine teuren Hotlines anrufen, sogar keine unbekannten Nummern anrufen, wenn Mama und Papa das vorher so einstellen. Nicht einmal eine richtige Tastatur gibt es, nur Spezialtasten, die von den Eltern mit festen Nummern belegt werden können.

"Was man liebt, will man beschützen", sagt die Werbung. Und ständig kontrollieren, meinen offenbar die Hersteller. Kinderhandys lassen sich nämlich orten. Eine Internetverbindung vorausgesetzt, können Eltern am PC-Monitor auf einem Stadtplan verfolgen, wohin sich das Kind mit dem Handy bewegt, ohne dass das Kind etwas davon mitbekommt: Big Mother is watching you.

Doch in der Praxis ist das längst nicht so beruhigend, wie es klingt: Unser Testhandy (von Kandy Mobile) zeigte als Position nicht etwa die stern-Redaktion am Hamburger Baumwall, sondern einen Ort etwa drei Kilometer südwestlich davon irgendwo im Hamburger Hafen. So etwas würde im Ernstfall wahrscheinlich zu einer Großfahndung der Polizei führen. Aber schlimmer als solche Fehler ist das Prinzip: Ein Ortungsvorgang etwa mit dem Tchibo- Handy dauert 60 bis 80 Sekunden; ein Anruf mit dem Dialog: "Wo bist du?" - "Auf dem Spielplatz Oelkersallee" - "Okay, komm bitte pünktlich zum Essen" höchstens halb so lange - und er zeigt dem Kind, dass man ihm vertraut.

Kinderhandys sind zwar eine interessante Erfindung mit vielen tollen Ideen. Doch selbst wenn sie perfekt funktionieren, bleibt das Gefühl, dass die dazu passenden Kinder noch erfunden werden müssen. Kinder nämlich, die zwar alt genug sind, dass man sie unbeaufsichtigt auf der Straße herumlaufen lässt, aber noch so unreif, dass man sie heimlich überwachen muss. Kinder, denen man zutraut, mobil zu sein und mobil zu telefonieren - die aber zu blöd sind, um ein Handy verantwortungsvoll zu nutzen. Kinder, die nicht mal mit der Zifferntastatur eines Telefons klarkommen. Und nicht zuletzt: Kinder, die freiwillig ein quietschbuntes Handy "für Babys" mit sich rumtragen, wenn doch der Rest der Schulklasse coole Erwachsenentelefone hat.

Reale Kinder sind anders: Die kommen prima mit einem ganz normalen Handy zurecht, wenn man ihnen vernünftig erklärt, wie sie damit umgehen sollen.

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