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Der Siegeszug des Messengerdienstes: So hat sich Whatsapp in unser Leben gedrängt

Facebook ist für Selbstdarsteller, Twitter für Missionare - die persönlichen Dinge landen heute bei Whatsapp. Der Trick: Die App erinnert immer noch mehr an die alte SMS als an ein soziales Netzwerk.

Von Gernot Kramper

Whatsapp ersetzte zunächst die teure SMS und ist selbst als kostenpflichtige App noch viel günstiger

Whatsapp ersetzte zunächst die teure SMS und ist selbst als kostenpflichtige App noch viel günstiger

Whatsapp ist der Eisberg unter den sozialen Netzwerken. Nur eine kleine Ecke taucht im Sichtfeld auf, aber unter der Oberfläche entpuppt sich der Zipfel als Spitze eines Gebirges. Wie konnte das geschehen? Vor einigen Jahren wurde viel über das Absterben von StudiVZ, dem Siegeszug von Facebook und der Newsflut von Twitter diskutiert. Meine Jungs waren da schon bei Whatsapp. Von der Öffentlichkeit wurde der Dienst kaum bemerkt, doch er holte die Schüler dort ab, wo sie standen: Bei den teuren SMS nämlich. Damals wurden für die klassischen SMS horrende Preise verlangt, Flatrates waren unbekannt. Die Netzanbieter sahen in den jungen Menschen geduldige Melkkühe, die man ausnehmen konnte, weil sie SMS zu Hunderten, wenn nicht gar zu Tausenden verschickten.

Die Erbschaft der SMS-Ära

Die Eltern bekamen das über die Telefonrechnung mit: Mit Whatsapp war das Taschengeldkonto auf einen Schlag raus aus den roten Zahlen. Die digitalen Meinungsführer sahen in der Revolution im Schüler-Portemonnaie kein Thema. Sie kümmerten sich um wichtigere Dinge: etwa wie klassische Medien mehr Aufmerksamkeit auf Facebook erringen konnten. 2009 erschein die erste Version von Whatsapp, kurze Zeit später war der Dienst allgegenwärtig. Als Vater merkte man es sofort, weil die Jungs und ihre Freunde am Tag vielleicht 15 Minuten auf Facebook verbrachten, aber kaum 15 Minuten ohne Whatsapp.

Nach wie vor ist die App der legitime Erbe der SMS, wenn auch heute mit wesentlich größeren Möglichkeiten. Zwei Dinge sind aber blieben: Whatssapp dient der persönlichen Kommunikation mit Menschen, die man meist auch persönlich kennt. Und die neuen Zusatz-Funktionen ziehen inzwischen auch diejenigen in die Anwendungen, die nie für die SMS-Kultur entflammt sind. Und sei es die Großeltern, die an der Family-Gruppe teilhaben wollen.

Allein mit seinen Freunden

Whatsapp ist der radikale Gegenentwurf zu Twitter und auch zu Facebook, wo entweder die ganze Welt oder zumindest die Freunde von Freunden von Freunden jedes Posting mitbekommen. An der Verbreitung sieht man, dass viele ihr Kumpelnest als Adressaten für ihre Botschaften der unendlichen weiten Welt vorziehen. Wenn man in die eigenen Nachrichten blickt, weiß man auch warum: Sie sind kürzer, situationsbezogener, dialogischer - es ist eben nicht immer nötig, ein Statement abzugeben.

Hinzu kommt, dass die Industrie draußen bleibt. Nachrichten aus Hollywood oder dem Motorsport folgt man woanders, bei Whatsapp bleibt man davon verschont. Auch dies ist ein Grund, warum dieses Netzwerk lange Zeit unterschätzt wurde: Die großen Medien kommen nicht rein, also gilt es als unwichtig.

Nutznießer der Datenschutzdebatte

Ausgerechnet der chronisch unsichere Whatsapp-Dienst profitiert massiv von der Datenschutzdebatte. Es gibt immer mehr Tipps und Ratgeber, die uns erklären, was man besser nicht auf Facebook posten sollte, weil der Chef es lesen könnte oder der neue Lebensgefährte auf Spuren seiner Vorgänger stoßen konnte. Die Liste an Don'ts ist fast unendlich.

Unsere Konsequenz: Wir verschicken alles Private, Geheime und Anrüchige mit Whatsapp. Ob Babybilder, Nacktfotos oder Komasaufen - auf Whatsapp gibt es keine Hemmungen. Wenn Oma einen Film der Enkelkinder sehen will, ist sie gezwungen Whatsapp zu nutzen, denn auf Facebook würden die besorgten Eltern ihre Kleinen nicht mehr stellen.

Diese Verlagerung ist konsequent: Der normale Schüler fürchtet sich nicht davor, dass Geheimdienste seine Partybilder durchstöbern, sondern davor, dass die Lehrerin ihn mit der Wodkaflasche in der Badewanne entdeckt. Hinzu kommt, dass die App immer noch fast wie die gute alte SMS aussieht und gar nicht an ein unsicheres soziales Netzwerk erinnert. Für die Datenschützer ist diese Einstellung bitter. Die Vision des gläsernen Menschen und komplexer Nutzerprofile schreckt kaum jemand. Angst haben die Leute nicht vor Big Brother sondern vor der Reaktion der Nachbarn. Und das ist auch verständlich.

Oder wurde jemals bekannt, dass irgendjemand seinen Job wegen einer frechen Whatsapp verloren hat?

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