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"Viva Vision" in Las Vegas: Die 500-Meter-Glotze

Sicher, 100 Zoll für einen Fernseher - das ist schon eine ordentliche Größe. Und doch winzig im Vergleich zu der Riesenglotze, die in Las Vegas staunen lässt. 500 Meter breit ist der Bildschirm - der eigentlich das Dach einer Fußgängerzone ist.

Von Ralf Sander

Wer das Dach sucht, das denkt, es sei ein Fernseher, muss in den alten Teil von Las Vegas gehen. Nach Downtown, dorthin, wo vor mehr als 100 Jahren diese ganze Sache mit Glückspiel, Glamour und großen Stars begonnen hat. Und die erste asphaltierte Straße der Stadt befindet sich auch dort: die Fremont Street. Sie ist heute eine Fußgängerzone, rund 500 Meter lang und das Zentrum von Retro-Vegas. Drumherum drapieren sich altehrwürdige Hotels, Casinos und Restaurants, auch der bekannte Leuchtcowboy Vegas Vic, eines der inoffiziellen Wahrzeichen der Stadt, reckt hier seit den 50er Jahren den Daumen in die Höhe. Es wird sehr auf die Bewahrung eines etwas altertümlichen Charmes geachtet. Sogar, wenn ein Hotel wie das Golden Nugget gerade für 100 Millionen Dollar runderneuert wurde. Dies ist das alte Vegas, das soll es auch bleiben. Als Kontrast zum glitzernden "Strip" mit seinen Megahotels, wo alles auch teurer ist als in Downtown.

Trotz des Bekenntnisses zur Geschichte: In der Entertainment-Hauptstadt der Welt bleibt auch eine einfache alte Straße keine solche. 1995 beschlossen die Stadt und die Casino- und Hotelbetreiber vor Ort, dem geschichtsträchtigen Platz einen Hightech-Deckel zu verpassen. Über der Fußgängerzone wurde ein gewölbtes Dach gebaut, 500 Meter lang, rund 30 Meter breit, aufgehängt in 30 Metern Höhe. Einen neuen Namen gab's auch: Fremont Street Experience. Die "Erfahrung" beschränkt sich nicht darauf, dass die Dachkonstruktion mit ihrer feinen überkreuzten Gitterstruktur recht hübsch anzuschauen ist und die Wüstensonne abhält. Ab 20.30 Uhr erwacht das Dach im Halbstunden-Takt für einige Minuten zum Leben. Es verwandelt sich in einen gewaltigen Fernseher: Flammenmeere rasen über die Innenseite der Wölbung. Rennwagen und Kampfflieger flitzen vorbei. Collagen aus Farben und schönen Frauen erinnern an die Titelsequenzen der James-Bond-Filme. Die Besucher starren mit dem Kopf im Nacken und offenem Mund in den künstlichen Himmel.

Theater aus Leuchtdioden

Viva Vision heißt das System, das jeden 100-Zoll-Plasmabildschirm wie das Display eine Digital-Armbanduhr aussehen lässt. Das Dach funktioniert nicht als Leinwand und arbeitet auch nicht mit Rückprojektion, sondern es erzeugt die Bilder auf seiner inneren Oberfläche. 12,5 Millionen Leuchtdioden (LED) machen es möglich. Drei LED, jeweils eine in rot, grün und blau, ergeben gebündelt einen Bildpunkt. Jede Diode kann 256 Helligkeitsstufen darstellen, insgesamt wird mit 16,7 Millionen Farben die Farbleistung eines herkömmlichen Monitors erreicht. Für den Sound sorgen 208 Boxenbündel, verteilt auf der gesamten Länge, die eine Gesamtleistung von 550.000 Watt sorgen.

Wenn man von den grundlegenden technischen Unterschieden einmal absieht, ist das Dach der Fremont Street Experience so etwas wie ein sehr, sehr breiter Bildschirm. Und so stehen in der Kontrollzentrale, untergebracht in einem Seitengebäude mit dem Charme eines Parkhauses, acht 15-Zoll-TFT-Monitore eng nebeneinander, um das Höhenspektakel für den diensthabenden Techniker sichtbar zu machen. Die Viva Vision hat eine Auflösung von 7500 x 500 Pixeln. (Zum Vergleich: die meisten Büro-PCs laufen mit einer Auflösung von 1024 x 768 Bildpunkten.) In einem so extremen Querformat lassen sich herkömmliche Filme oder Videos nicht darstellen. "Die Shows müssen speziell produziert werden", erklärt Jeff Bickle von der Fremont Street Experience, "die Anforderungen sind ganz anders als bei normalen Leinwänden oder Fernsehern". Der Zuschauer sei schnell überfordert, wenn er die gesamte Fläche erfassen muss, um das Gezeigte zu verstehen. Ab und zu darf zwar zum Beispiel ein Flugzeug über die gesamte 500-Meter-Distanz gehen, auch großflächige Farb- und Lichteffekte sind okay. Doch zentrale Motive müssen gleichzeitig mehrfach gezeigt werden, damit jeder Betrachter die Chance hat, sie wahrzunehmen.

Spektakel aus vielen Quellen

Solche Shows entsprechend zu konzipieren ist für die beauftragten Videoproduktionsfirmen ungewohnt, aber auch technisch sind die ungeheuren Ausmaße des "Biggest Big Screen" (Eigenwerbung) anspruchsvoll. Im mit Computern, Mischpulten und Speichermedien vollgestopften Kontrollraum erklärt Bickle das Verfahren: "Das Gesamtbild wird aus verschiedenen Quellen zusammengesetzt", sagt er und zeigt auf einen Stapel schwarzer Kästen, die an eine Stereoanlage erinnern. Diese zehn Computer liefern die Animationen in High-Definition aus. Mehr als 20 verschiedene Shows - pro Abend laufen fünf - lagern auf Festplatten mit einem Gesamtspeicherplatz von 9600 Gigabyte, das ist rund 20 Mal so viel wie ein handelsüblicher PC zurzeit eingebaut hat. "Die Einzelteile der Show sind alle mit einem Zeitcode versehen, der dafür sorgt, dass alles absolut synchron abläuft und die Übergänge nicht sichtbar sind", erläutert Bickle. Ein weiterer PC wacht über die korrekten Abläufe und ermöglicht den Technikern, im Notfall einzugreifen. Funktioniert alles, erscheint die Bedienung kinderleicht: Ein Mausklick lädt die Datei mit dem gewünschten Multimedia-Spektakel - ob es nun "Downtown Divas", "Speed, Smoke & Spinning Wheels" oder "American Freedom" heißt - so einfach, als wäre es ein Videoclip auf dem heimischen PC. Bevor es dann, mit einem weiteren Klick, richtig losgehen kann, fehlt noch ein Handgriff. Die Tausenden Lichter - das ist Vegas! -, die die Häuserfassaden und die Fremont Street erleuchten, müssen für die Shows erlöschen. "Die Besucher fragen uns immer wieder, wie wir es wohl machen, dass auf einen Schlag die ganze Straße stockfinster ist", erzählt Bickle, während er schmunzelnd in eine Ecke der Schaltzentrale geht. Zu einem weiteren schwarzen Kasten mit vielen kleinen Knöpfen und ein paar Lämpchen. Sein Zeigefinger nähert sich einem kleinen, viereckigen, schwarzen Schalter, so unscheinbar, dass man ihn übersehen könnte. Er entscheidet über Licht und Dunkelheit. Manche Geheimnisse werden besser nicht offenbart.

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