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50 Jahre Tiefsee-Rekord: 11.000 Meter unter dem Meeresspiegel

Vor einem halben Jahrhundert tauchte der Schweizer Tiefseeforscher Jacques Piccard mit einem selbst konstruierten U-Boot fast 11.000 Meter unter den Meeresspiegel. Sein Rekord wurde bisher nicht gebrochen.

Tiefer ging's nicht: Vor 50 Jahren tauchte der Schweizer Tiefseeforscher Jacques Piccard mit seinem U-Boot fast 11.000 Meter unter den Meeresspiegel. Auch heute gibt es kein U-Boot, das tiefer tauchen kann.

Nach viereinhalb Stunden Fahrt mit dem U-Boot "Trieste" sank Jacques Piccard am 23. Januar 1960 auf den Boden des Mariannengrabens im Westpazifik. Er war zusammen mit US-Marineleutnant Don Walsh unterwegs. Auf beiden lastete in genau 10.916 Metern Tiefe ein Wasserdruck von 170.000 Tonnen. "Unsere Leistung war wohl eher, dass wir gezeigt haben: Jetzt können wir im Meer überall hin", sagte Piccard später in einem Interview.

Entworfen und gebaut hatte er das Boot - einen sogenannten Bathyskaphen (von griechisch "bathys" (Tiefe) und "skáphos" (Schiff)) - gemeinsam mit seinem Vater Auguste. Vater Piccard hatte es 1931 vorgezogen, in der anderen Richtung Rekorde aufzustellen. Mit einem Ballon stieg er in 15.785 Meter Höhe auf. Mit seinem wachsenden Interesse an der Tiefseeforschung steckte er seinen Sohn schließlich an. Nach einem Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Genf entwickelte Piccard zusammen mit dem Vater das erste Forschungs-U-Boot, später auch eine spezielle Taucherkugel.

Klirrende Kälte und ein ungeheurer Druck

Mit seiner Tiefsee-Bestmarke sorgte der 1922 in Brüssel geborene Jacques international für Schlagzeilen und setzte damit die Familientradition fort. Vorbei an gigantischen Klippen und Spalten sank die "Trieste" dorthin, wo klirrende Kälte und Stille herrschen - und ungeheurer Wasserdruck. Nach vier Stunden und 48 Minuten spürten sie Grund und konnten sogar einige Lebewesen erkennen. Länger als eine halbe Stunde ertrugen die Männer die Kälte jedoch nicht. Sie kamen zähneklappernd und durchnässt wieder an die Oberfläche - mit neuem Wissen über den Meeresgrund. Über seine Expeditionen berichtete Piccard in mehreren Büchern.

Schon in der Dämmerzone zwischen 200 und 1000 Metern gibt es kaum noch Licht. Der Druck in 1000 Metern Tiefe ist hundertmal so hoch wie an der Erdoberfläche. Dazu ist es vollkommen dunkel. Es gibt weder Pflanzen noch Algen. Fische, Muscheln, Quallen und andere Lebewesen sind hoch angepasst an diese Umwelt. Für Bewohner der Erdoberfläche wäre allein der hohe Druck von mehreren Tausend Metern Wasser tödlich. Die Lunge würde sofort bersten. Die Tiere am Meeresgrund haben deshalb keine Lufträume in ihren Körpern. Die Tiefsee ist zwar nach Aussagen von Wissenschaftlern der größte Lebensraum der Erde, bisher wurden aber erst wenige Quadratkilometer des Meeresbodens systematisch untersucht.

Keine Angst in dunklen Tiefen

Angst in der dunklen Tiefe von Seen und Weltmeeren kannte Piccard nicht. Der gefährlichste Moment für einen Tiefseeforscher sei die Autofahrt zwischen Büro und U-Boot, sagte er einmal. In einem Gespräch mit der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ) verriet Piccard, warum sein Rekord nicht so schnell gebrochen werden wird: Neben dem Mangel an tauchfertigen Booten gebe es nur wenige Gräben in den Weltmeeren, die tiefer als 8000 Meter seien. 98 Prozent der Ozeane seien nicht tiefer als 6000 Meter. "Es ist wichtiger, ein paar U-Boote für 6000 Meter zu haben, als eines, das noch tiefer taucht", so Piccard.

Jacques Piccard starb am 1. November 2008 mit 86 Jahren in seinem Haus am Genfer See. Er galt als einer der letzten großen Entdecker. Piccard hatte jedes Unterseeboot mit dem er die Meere erforschte, selbst entworfen. Auch das erste U-Boot für Touristen, das 1964 rund 33.000 Passagieren einen Blick in die Tiefen des Genfer Sees ermöglichte, hatte er konstruiert.

Zu seinem 85. Geburtstag bekannte Piccard in einem "NZZ"- Interview, dass er auch gerne Astronaut geworden wäre. "Das hätte mich natürlich interessiert", sagte er und fügte bescheiden hinzu, dass die Landung auf dem Mond doch eine deutlich interessantere Expedition gewesen sei als sein Ausflug in die Tiefsee.

Heinz-Peter Dietrich/DPA / DPA
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