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Akten-Rekonstruktion: Das Stasi-Puzzle

In 16.000 Säcken lagern die Schnipsel zerrissener Akten der DDR-Staatssicherheit. Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört: Forscher eines Berliner Fraunhofer-Instituts rekonstruieren die Dokumente - mithilfe blitzschneller Scanner und viel Computerpower.

Von Carsten Görig

Papierschnipsel. Zerrissen, zerrupft, geschreddert. Papierschnipsel in verschiedenen Größen, in unterschiedlichen Farben, aus Karton, aus Durchschlagpapier, maschinenbeschrieben oder mit der Hand. Die Schnipsel füllen Säcke, viele Säcke: 16.000 Stück, eine ganze Lagerhalle voll. Auf den ersten Blick sind es nur Papierschnipsel, doch sie enthalten brisante deutsche Geschichte. Bis zum Herbst 1989 waren die Papierschnipsel Stasi-Akten. In unzähligen Ordnern standen sie im Hauptquartier des Staatssicherheitsdienstes der DDR an der Berliner Normannenstraße, ebenso in den Bezirksverwaltungen in Magdeburg, Leipzig oder Halle. Dann wurden sie vernichtet, kurz vor dem Untergang der DDR. Vernichtet, um Beweise aus der Welt zu schaffen, um begangenes Unrecht zu vertuschen.

Bertram Nickolay will die Vernichtung rückgängig machen - mithilfe von Computertechnik. Vor elf Jahren sah er im Fernsehen einen Bericht darüber, wie im bayerischen Zirndorf die Stasi-Schnipsel per Hand sortiert werden, damit daraus wieder ganze Seiten entstehen. Stück für Stück, ein riesiges Puzzle. Gerade mal 300 Säcke wurden bisher sortiert, 900.000 Seiten in zwölf Jahren. Ginge es in diesem Tempo weiter, wären die letzten Seiten in 640 Jahren zusammengesetzt. "Das wäre doch eine Herausforderung für meine Abteilung", dachte Nickolay.

Aufklärung für sechs Millionen Euro

Der 55-Jährige leitet die Abteilung für Sicherheitstechnik am Berliner Fraunhofer-Institut IPK. Sie beschäftigt sich mit maschinellem Sehen und entwickelt Computerprogramme, die Bilder auf bestimmte Merkmale untersuchen. Die Programme erkennen gefälschte Handschriften oder Gesichter in Menschenmengen. Jetzt sollen sie das Stasi-Puzzle lösen. Zunächst in einem Pilotprojekt, das zwei Jahre dauert und rund sechs Millionen Euro kostet.

"Für mich ist das nicht nur ein technisch interessantes Thema, sondern auch sehr privat", sagt Nickolay. Er kämpft dafür, die Akten wiederherzustellen. Deshalb ist er gekommen, trotz schlafloser Nacht, trotz Grippe. Nickolay möchte seinen Apparat vorführen, möchte über seine Arbeit sprechen.

"Heute kann ich offener darüber reden, wie wichtig mir das Projekt ist", sagt er. Früher hat er lieber geschwiegen, er wollte die Bewerbung seines Instituts für die Ausschreibung nicht gefährden, nicht befangen erscheinen. Aber er hat viele Bekannte unter den einstigen Dissidenten, den Bürgerrechtlern der DDR. "Einer meiner engsten Freunde war der Schriftsteller Jürgen Fuchs." Fuchs starb 1999 an Leukämie, verursacht, glaubt Nickolay, durch fortgesetzte radioaktive Bestrahlung durch die Stasi während der Haft im MfS-Gefängnis. Auch in seinem Gedenken, so ahnt man, arbeitet Nickolay an dem Projekt. Und für all die Stasi-Opfer, die wissen wollen, was der Staat über sie gesammelt hatte. Banales ebenso wie Brisantes. Wann jemand aufgestanden oder zu Bett gegangen ist, wann er andere verraten oder bespitzelt hat.

16.000 Säcke vernichteter Akten

Die zerrissenen Akten stammen vor allem aus den letzten 20 Jahren der DDR und sind besonders spannend, heißt es beim BStU, dem Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes. Wer sich so viel Mühe bei der Vernichtung gibt, muss etwas zu verbergen haben. "Zuerst wurden die Papiere geschreddert", erklärt Nickolay die Herkunft der Schnipsel. "Doch die Aktenvernichter hielten der Belastung in den letzten Tagen der DDR nicht stand, die Geräte sind richtig verglüht. Dann hat man versucht, die Akten zu ertränken, aber eine Stasi-Zentrale hat nicht so viele Badewannen. Schließlich wurden die Akten zerrissen." Per Hand, 16.000 Säcke voll, während draußen das Volk die Stasi-Verwaltungen belagerte. Es muss tagelang gedauert haben. Blatt für Blatt landete in Fetzen in braunen Papiersäcken.

Jetzt kommen die Schnipsel wieder ans Licht: Auf einem Laufband fahren sie zu Nickolays Spezial-Scanner. Der Abtaster sieht unscheinbar aus, wie ein alter Tintenstrahldrucker. "Das liegt daran, dass wir den Scanner tatsächlich in das Gehäuse eines alten Druckers gebaut haben", sagt Claudia Machon von Arvato Services, einer Logistikfirma, die das Scannen der Schnipsel übernommen hat. Machon ist für Bau und Betrieb des Spezial-Scanners zuständig. Denn bei ersten Testläufen im Fraunhofer-Institut stellte sich heraus, dass ein normaler Scanner nicht ausreichen würde. "Der wäre viel zu langsam und erreicht auch nicht die Bildqualität, die wir hier brauchen." Der Scanner muss nicht nur die Beschriftung der Papierfetzen auf beiden Seiten aufnehmen, sondern auch die Risskanten genau abtasten. Wenn das Papier schräg abgerissen ist, sodass die Oberseite an einem anderen Schnipsel hängt als die Unterseite, dann muss der Scanner solche Überlappungen erfassen. Strukturen und Farbe des Papiers erkennt das Gerät, auch sehr kleine Schnipsel müssen problemlos durchlaufen.

Puzzeln nach bislang 20 Kriterien

Der Scanner schickt die Bilder an einen Computer weiter - und dort sortiert Nickolays Software: nach Farbe, Papierstärke, Kantenform oder Schriftbild. "Rund 20 Sortierkriterien haben wir bisher definiert", sagt Nickolay. Auf Mausklick zeigt der Bildschirm dann beispielsweise alle Schnipsel im gleichen Grünton an, und die Software versucht, sie anhand der Schnittkanten zu einem Blatt zusammenzusetzen. "Für den Versuchsaufbau reichte ein PC", sagt Nickolay, "für den richtigen Betrieb benutzen wir einen Großrechner." Denn der muss nicht nur unzählige Daten erfassen, sondern diese auch vergleichen und immer wieder Zwischenergebnisse speichern, bis die letzten fehlenden Teilchen kommen.

Immerhin müssen nicht erst alle 16.000 Säcke gescannt werden, um alle Teile zusammenzuhaben: "Unsere Erfahrung zeigt, dass Stücke, die zu einer Seite gehören, meist im gleichen Sack liegen. Und normalerweise sogar in der gleichen Papierschicht", sagt Nickolay. Was zusammengehört, liegt also meist auch nah beieinander. Das macht die Rekonstruktion einfacher.

Dennoch hat das Stasi-Puzzle seinen Preis: Im sechsstelligen Bereich liegen allein die Kosten des Scanners. Allerdings ist der ein Prototyp, weitere Geräte werden deutlich billiger sein. Und weitere Geräte werden gebraucht, um den Schnipselberg bewältigen zu können. 400 Säcke sollen bis zum nächsten Jahr maschinell bearbeitet werden. Verläuft diese Pilotphase erfolgreich, soll der Bundestag beschließen, auch die restlichen Säcke zu bearbeiten.

Forschung für die Arbeit in 3-D

Was in Berlin betrieben wird, ist nicht nur Vergangenheitsbewältigung, sondern auch Grundlagenforschung. Nach zerrissenen Blättern sollen bald maschinell geschredderte Akten ebenso automatisch zusammengesetzt werden. "Erste Erfolge haben wir dabei bereits erzielt", sagt Nickolay, "das ist natürlich für Polizei oder Steuerfahndung äußerst interessant." Seine Vision ist, das Verfahren bald auch bei dreidimensionalen Objekten einsetzen zu können, etwa bei antiken Scherbenhaufen. Ein Projekt zur Rekonstruktion zerstörter Kirchenfresken ist bereits in Planung.

"Für viele jüngere Kollegen ist es vor allem eine technische Herausforderung, die Stasi-Akten wieder zusammenzufügen", sagt Nickolay und klingt dabei nicht nur bedauernd. Nicht jeder muss sich mit dem Projekt so identifizieren wie er. Er freut sich über die Aufmerksamkeit, die sein Institut durch das Projekt bekommt: "Junge Leute aus der ganzen Welt bewerben sich bei uns. Viele haben sich von uns inspirieren lassen und sind im Studium umgeschwenkt auf Ingenieurwissenschaften und Informatik. Unser Projekt mischt Hightech mit gesellschaftlicher Relevanz."

Und führt die Beteiligten zu neuen Erkenntnissen: "Lange haben wir gedacht, dass die Sache mit den Stasi-Akten einmalig auf der Welt sei." Doch das war ein Irrtum: Polen bat um Hilfe bei der Rekonstruktion von Geheimdienstunterlagen, die Slowakei ebenso. Sogar in Chile sind Nickolays Mitarbeiter unterwegs, um ein Scan-Projekt vor Ort anzuschieben. Papierschnipsel, so scheint es, gibt es überall dort, wo Leute etwas zu verbergen haben.

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