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MP3-Entwicklung: "Tom's Diner" - komprimiert und räumlich

Vor 20 Jahren begann am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen eine Entwicklung, die später als MP3-Format ihren Siegeszug antreten würde. Inzwischen basteln die Entwickler an Raumklang für MP3 - und haben nun einen Klassiker codiert.

Ohne das Format wären die mobilen Musik-Player undenkbar: MP3s haben den Markt entscheidend geprägt

Ohne das Format wären die mobilen Musik-Player undenkbar: MP3s haben den Markt entscheidend geprägt

Jürgen Herre hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Der Leitende Wissenschaftler in der Abteilung Audio des Erlanger Fraunhofer Instituts für Integrierte Schaltungen, kurz IIS, und MP3-Entwickler der ersten Stunde ist leidenschaftlicher Musiker. Zwar müsse man in seinem Job keine Affinität zur Musik haben, sagt Herre. "Aber es gibt unter meinen Kollegen einen erstaunlich hohen Anteil an Hobbymusikern", schwärmt der Forscher, der selbst Akkordeon, Geige, Keyboard, E-Gitarre und E-Bass spielt. "Als ich 1989 am IIS angefangen habe, gab es bei mir die ganz klare Motivation, mein Hobby Musik mit der Technik zusammenzubringen."

Der erste Track, der von den Erlanger Forschergruppe um Karlheinz Brandenburg in eine MP3-Datei umgewandelt wurde, war 1995 "Tom's Diner" von Sängerin Suzanne Vega. Am Freitag treffen Brandenburg, inzwischen Leiter der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Elektronische Medientechnologie AEMT in Ilmenau, und Vega, die beide scherzhaft auch "Mutter und Vater" des MP3-Formats genannt werden, in Erlangen zusammen. Dabei soll neben der historischen Version des Vega-Hits auch die neue Surround-Variante vorgestellt werden.

Nicht auf MP3-Erfolgen ausruhen

Gerade weil es sich bei "Tom's Diner" um ein reines Gesangstück ohne Instrumente handelte, habe es ihn und seine Forscherkollegen in Erlangen seinerzeit vor "unabsehbare Herausforderungen" gestellt, sagt Herre. "Glücklicherweise haben wir diese lösen können."

Die Erlanger Wissenschaftler haben die Technologie auch mit kommerziellem Erfolg verknüpft. Mit der Entwicklung des MP3-Formats zur Komprimierung von Musikdaten wurde der Musikmarkt revolutioniert. 2006 erzielte die Fraunhofer-Gesellschaft fast 70 Millionen Euro Einnahmen durch MP3-Patente zur Audiocodierung. Im Vergleich zu 2005 gingen die Erträge aus dem Lizenzverkauf aber um mehr als ein Drittel zurück.

Weiterentwicklungen des MP3-Formats und neue Technologien hält Herre deshalb für enorm wichtig, um dem Fraunhofer IIS "das Morgen zu sichern". Man könne sich schließlich nicht auf den MP3-Erfolgen ausruhen. Als deutscher Standort müsse man ein Interesse daran haben, weiter "Vordenker" zu sein. Ein Ziel sei dabei, Ideen schnell in die Praxis umzusetzen. "Wir haben hier selbst nie MP3-Player gebaut. Aber wir haben die Technologie zur Verfügung gestellt, die Unternehmen nutzen können, um damit tolle und innovative Produkte herzustellen."

Kein neuer Quantensprung

Einer der neueren Forschungsschwerpunkte ist Herre zufolge "MP3 Surround". Mit den neuen Kompressionstechnologien des IIS lasse sich räumlicher Klang etwa über handelsübliche Stereo-Kopfhörer erzeugen. Normalerweise sind dafür fünf in einem Raum verteilte Lautsprecher nötig. Ein weiteres Zukunftsfeld sieht Herre in der Audiokodierung von Kommunikationsanwendungen. Die Sprachqualität bei Telefongesprächen sei "unglaublich armselig", sagt er. Es werde Zeit, dass sich dies ändert und nennt als Ziel HiFi-Qualität.

In diesem Jahr feierte das IIS ein rundes MP3-Jubiläum. Vor 20 Jahren gelang es der Forschergruppe um Karlheinz Brandenburg erstmals, Musik in Echtzeit zu komprimieren - und damit ein wichtiger Meilenstein. Der weltweite Siegeszug des MP3-Formats sei Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre für ihn aber keineswegs absehbar gewesen, erzählt Herre. Denn damals konnte keiner ahnen, dass zwei entscheidende Komponenten hinzukommen würden: zum einen das Internet, zum anderen die rasante Weiterentwicklung der Rechnerleistung.

An einen neuerlichen "Quantensprung" wie mit der Erfindung des MP3-Formats glaubt Herre aber auf absehbare Zeit nicht. "Das Besondere an Dingen wie MP3 ist, dass es ein erstes Mal gibt." Damit seien Dinge möglich geworden, die es vorher gar nicht gegeben habe - "Audio und Musik von seiner physikalischen Hülle zu befreien".

Joachim Vonderthann/DDP / DDP