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Sound-Design: Leise soll's sein, aber nicht lautlos

Ob das Zischen des Staubsaugers, das Klacken der Autotür oder das Röhren des Motors - die Geräusche von Haushaltsgeräten und Autos entstehen nicht natürlich - sie werden von Sounddesignern entworfen.

Der moderne Staubsauger ist leise, aber er hat einen Lautsprecher für zusätzliche Rausch-Töne. Wenn das Haushaltsgerät Staub aufsaugt, erzeugt ein Mini-Computer Geräusche, die so klingen, als würde Sand im Metallrohr prasseln. «Der Putzende bekommt eine Rückmeldung. Je sauberer der Teppich ist, desto leiser wird das zusätzliche Rasseln», erklärt der Essener Sound-Designer Markus Bodden. Für die Industrie optimiert der Ingenieur Geräusche von Haushaltsgeräten und Autos. «Es gibt kaum noch Produkte auf dem Markt, deren Geräusche nicht von Technikern gecheckt und verbessert wurden.»

Geräusche lösen Gefühle aus

Jedes Surren, Klacken oder Röhren eines Handrührers, Föns oder Automotors löst nach Ansicht von Akustikern Gefühle aus. Die Klänge vermitteln Kunden einen Eindruck von der Qualität der Produkte. «Jedes Geräusch koppeln wir sofort mit einem positiv oder negativ besetzten Bild», sagt Friedrich Blutner. Er ist Chef der sächsischen Firma Synotec Psychoinformatik, die für die Industrie Geräuschbilder von Produkten testet und gestaltet.

Eine gute Autotür schließt sich mit einem warmen Klacken

«Ein dunkles, warmes Klacken spricht das Herz an, vermittelt Solidität», erklärt der Wissenschaftler die Klangwirkung einer zufallenden Autotür. «Wenn etwas scheppert, wirkt das billig.» Helle Komponenten könnten eine gewisse Einmaligkeit des Tons erzeugen. «Autofirmen wollen, dass der Kunde denkt: nur mein Auto hat dieses präzise, silberne Klicken der Autotür.» Das Zauberwort heiße «Corporate Sound» - angelehnt an die einheitliche gestalterische Ausrichtung eines Unternehmens, der «Corporate Identity».

Den Sound ins Visier nehmen

Um Klapper-, Zisch-, Pfeiflaute zu reduzieren und warme Brumm- und Rauschtöne zu erzeugen, entwerfen Sound-Designer wie Blutner «Ziel-Sounds» am Computer. Dabei orientiert sich der Akustiker gerne an Klängen aus der Natur. «Eine Waschmaschine sollte fröhlich wie ein Gebirgsbach plätschern», sagt Blutner. Zusammen mit Technikern versuchen die Sound-Designer dann, ihre Ideen etwa durch die Verwendung anderer Materialien zu verwirklichen.

Leise ist nicht immer Trumpf

Leise ist bei den Herstellern Trumpf. Allerdings nicht immer: In vielen Jahren Entwicklungsarbeit fand der Elektronik-Anbieter Braun heraus, dass vollkommen leise Rasierer ein Flop sind. «Bei der Rasur wollen Männer ein ausgeprägtes Prazzeln hören. Die Schneidgeräusche helfen, schlecht rasierte Stellen aufzuspüren», erklärt der Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung, Albrecht Jestädt. Damen schätzten das nicht. «Bei Epilierern sind minimale Arbeitsgeräusche gefragt.»

Der Blinker klickt nur dank Lautsprecher

Sound-Design hat sich in den meisten Branchen erst in den vergangenen fünf bis zehn Jahren durchgesetzt. Bei Motorrädern oder Sportwagen sind Motorengeräusche schon lange ein wichtiger Marken-Bestandteil. «Rund 50 Ingenieure trimmen bei BMW die etwa 100 im Auto entstehenden Klänge auf angenehme Wellenlängen», sagt Sprecher Friedbert Holz. Je nach Automarke entwickelten die Tüftler unterschiedliche Töne: «Das rein über Lautsprecher erzeugte Blinkerklicken muss bei einer Limousine etwa wie eine gute Standuhr klingen, bei einem Sportwagen darf es knackiger sein.»

Japanische und europäische Ohren sind unterschiedlich

Sogar auf länderspezifische Eigenheiten stimmen Autohersteller die Geräusche ab. «Die Japaner bevorzugen hellere Motoren, die Europäer ein tiefes Brummen», sagt Reinhard Weber. Er ist Leiter des Bereichs Psychoakustik an der Universität Oldenburg. Für Nissan testeten die norddeutschen Wissenschaftler Motorengeräusche, die speziell europäische Ohren ansprechen sollten.

Nestlé lässt Roboter kauen

In Praxistests lassen Hersteller zumeist mehrere Hundert Probanden zum Hören antreten. Nestlé nimmt zusätzlich einen Roboter zu Hilfe. Eine künstliche Kaumaschine zerkaut für den Nahrungsmittelkonzern Frühstücksflocken und Schokoriegel. Nach Tests im so genannten «Crispy Meter» änderte der Konzern die Rezeptur von Waffelteig und Schokomasse des Kitkat-Riegels. Unternehmenssprecherin Silke Trösch erklärt die Bedeutung des «Knusperfaktors». «Wir werben mit dem Spruch 'Have a break - have a Kitkat'. Da ist das richtige Knacken unverzichtbar.»

Arno Schütze
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