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Technik: Der Schreibmaschinendoktor

Nur wenige wissen heutzutage noch, wie man eine Schreibmaschine repariert. Zu ihnen gehört Willfried Tietz aus Berlin, einer der letzten Schreibmaschinenmechaniker.

Karin, Gabriele, Mercedes und Erika. Dietrich Tietz kennt sie gut, die Schreibmaschinenmodelle mit den Frauennamen. In 56 Jahren Berufserfahrung sind sie alle durch seine Hände gegangen. Er hat sie gewaschen und getrocknet, gefettet und geölt, repariert und ein neues Farbband eingesetzt. Tietz ist seinem Beruf treu geblieben, seit er mit 14 Jahren Büromaschinenmechaniker gelernt hat. Jetzt ist er 70, und einer der letzten, die sich im Computerzeitalter noch mit dem Innenleben von Gabriele auskennen.

"Breitkreutz Büromaschinen" heißt sein Laden in Berlin-Friedenau. In den Gelben Seiten steht: "Reparaturen - auch Uraltmodelle". Seine Kundschaft? Vor allem ältere Herrschaften. "Viele wollen noch nicht mal eine elektrische Schreibmaschine benutzen. Zu viele Knöpfe." Tietz hat da Verständnis, auch er freundet sich mit der Bedienung seines Videorekorders nicht so recht an.

Ersatzteile sind schwierig zu beschaffen

Zu seiner Kundschaft zählt auch die eine oder andere Firma, die noch eine Schreibmaschine hat, um Formulare auszufüllen oder mal schnell einen Briefkopf zu tippen. Doch nur wenige Maschinen sind noch im Einsatz, viel zu reparieren ist da nicht mehr. Ersatzteile sind schwierig zu beschaffen. Tietz hat daher einen Vorrat alter Modelle im Keller, die er nach und nach ausschlachtet.

Besser läuft das Geschäft mit den Farbbändern, denn die gibt es im normalen Handel kaum noch. "Da bekomme ich Anfragen aus ganz Berlin. Für die meisten Modelle kann ich liefern." Sammler kommen selten in seinen Laden, auch wenn Tietz ein paar echte Schmuckstücke besitzt: Eine Schreibmaschine aus dem Ersten Weltkrieg, eine Rechenmaschine aus den 30er Jahren.

Blocksatz als technische Meisterleistung

So manches interessante Modell hat der Mechaniker kennen gelernt: Sandsturmtaugliche Geräte für den Wüsteneinsatz, feuchtigkeitsresistente für die Tropen. Von der Princess 300 gab es ein Sondermodell in einem Koffer aus feinstem Nappaleder. Teile der Maschine, normalerweise verchromt, waren vergoldet. Wer hat so etwas gekauft? "Meistens hat der Chef sie seiner Sekretärin geschenkt, wenn er sie doch nicht heiraten wollte."

Die klassischen Schreibmaschinen waren fast alle schwarz, selten elfenbeinfarben oder bordeauxrot. In den 60er Jahren wurde es dann bunt, Modelle in Grün und Gelb kamen auf den Markt. Auch die Technik wurde moderner. Ein Modell konnte im Blocksatz schreiben, also die Zeilen links und rechts bündig enden lassen. Was heute einen Knopfdruck am Computer bedeutet, war damals eine technische Meisterleistung.

"Wie ein Sechser im Lotto"

Die Schreibmaschinenmechaniker von heute heißen Informationselektroniker. Sie reparieren keine Schreibmaschinen mehr, sondern Computer und Laserdrucker. In Berlin gibt es nur noch ein gutes Dutzend, die diesen Beruf lernen. Die Chance, nach der Lehre einen Job zu bekommen ist "wie ein Sechser im Lotto", sagt der Obermeister der Innung Jürgen Kränzlein. "Wenn ein neuer Drucker nur 100 Euro kostet, lässt natürlich keiner mehr was reparieren. Die Leute fragen sich schon, wieso sie diesen Beruf noch lernen sollen." Vielleicht den Laden von Tietz übernehmen, wenn der mal aufhört? Kaum. Kein Geld mehr zu verdienen, sagt Tietz. Und mit Erika und Gabriele wollen sich die Jungen auch nicht mehr anfreunden.

Christian Lang / DPA / DPA
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