Editorial Merkel und die Angst vor einem "Dritten Weltkrieg"


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Einen törichten Freund muss man mehr fürchten als einen klugen Feind, besagt ein Sprichwort. Angela Merkel mag es im Hinterkopf haben, wenn sie jetzt zu George W. Bush reist. Der US-Präsident hatte sie nach dem Grillfest in Trinwillershagen im Sommer 2006 zum Gegenbesuch auf seine Ranch in Texas eingeladen. Diesen Freitag ist es nun so weit, und der Termin fällt in eine politisch hochbrisante Zeit: Die Neokonservativen in Amerika rühren immer lauter die Trommeln für einen Militärschlag gegen den Iran, und Bush spricht sogar schon von einem möglichen "Dritten Weltkrieg". Für Angela Merkel ist es eine heikle Mission: Sie muss Bush klarmachen, dass sie - wie fast alle Europäer - strikt gegen einen neuen Krieg ist. Sie darf ihn aber nicht öffentlich brüskieren, wie Gerhard Schröder es im Wahlkampf 2002 tat, als es um den Irak ging. Das bestärkte die Amerikaner seinerzeit nur in der Absicht, es notfalls auch im Alleingang zu machen. Angela Merkel hat in der Außenpolitik bislang nicht nur diplomatisches Geschick gezeigt, sondern auch den Mut, Unbequemes ehrlich zu sagen. stern-Autorin Ulrike Posche hat sie auf ihrer Indien-Reise beobachtet. Sie beschreibt eine Kanzlerin, die die Diplomatie nicht nur beherrscht, sondern mittlerweile sogar liebt (Seite 34).

Geiz ist geil, oder er war es jedenfalls bis vor Kurzem, wenn man der Werbung glaubt. Neid hingegen ist verpönt. Er zählt in der römisch-katholischen Kirche zu den sieben Hauptsünden. Und der Philosoph Friedrich Nietzsche hat den Neid und seine kleine Schwester Eifersucht mal als "die Schamteile der Seele" bezeichnet. Dabei wird verkannt, dass Neid auch positive Seiten hat: Er stachelt den Ehrgeiz an und schärft manchmal sogar den Blick für Ungerechtigkeiten. stern-Reporter Werner Mathes hat für unsere Titelgeschichte nicht nur mit bekennenden Neidern gesprochen, sondern auch mit Psychologen, Soziologen und Ökonomen. Er ließ sich erklären, wie man Missgunst in Ansporn verwandeln kann. Auch Volkswirtschaften, sagen die Fachleute, kommen ohne Neid nicht aus, weil er Karrieren befeuert und damit Fortschritt und Innovation - und dabei ständig zum Konsum verführt: Was der eine hat, das will der andere oft auch haben (ab Seite 64).

Der Boom der CSI -Serien im Fernsehen hält an, auch wenn sie mit der Realität der Verbrechensaufklärung oft wenig zu tun haben. Richtig ist aber: Die Kriminaltechnik ist auf dem Vormarsch - und Deutschland ist in einigen Bereichen führend auf der Welt. Zum Beispiel beim Bundeskriminalamt, wo 300 Spezialisten mit Hightech-Ausrüstung Tatortspuren untersuchen. stern-Reporter Wolfgang Metzner und Fotograf Frank Bauer konnten jetzt Biologen über die Schulter schauen, die mit der DNA eines Eichenblatts einen Mord aufklärten, und Computerexperten beobachten, die Festplatten und Fotos von Kinderschändern und Terroristen entschlüsselten. Sie durften die Asservatenkammer des Amtes besuchen, wo Dutzende Kilo Drogen neben gefrorenen Leichenteilen lagern. Im Bayerischen Landeskriminalamt stiegen sie in einen Keller mit 6.000 Schusswaffen für Ballistikuntersuchungen hinab und trafen in München auch einen Madenforscher, der Experimente mit toten Tieren machte. Die Fotoreportage über die zuweilen wunderliche Welt der Kriminaltechnik beginnt auf Seite 80.

Herzlichst Ihr

Thomas Osterkorn

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