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Ach, Mensch Zweierlei Weihnachten: Die große Sehnsucht nach Zuversicht

Weihnachten
Viele sehnen sich dieses Jahr nach einem normalen Weihnachten
© Getty Images / encrier
Festtage in Zeiten der Pandemie: Selten war die Sehnsucht so groß wie in diesem Jahr. Nach Innehalten, Erholung und Zuversicht

Es fällt mir schwer, die erdrückende Aktualität auszublenden. Ja, es ist Weihnachten. Vielleicht sogar mehr Weihnachten als sonst: Die Bescherung wird kleiner ausfallen in diesem Jahr, die Familie wird konzentriert sein auf den Partner oder die Partnerin, die Kinder. Wenn es gut läuft, wird es inniger als in einem normalen Jahr, besinnlicher, ein wenig ernsthafter. Vielleicht spüren wir in diesem Jahr dieses oft strapazierte Gefühl des Fests der Liebe viel deutlicher, weil die Lieben gar nicht bei uns sind?

stern-Chefredakteur Florian Gless
stern-Chefredakteur Florian Gless schreibt hier jede Woche über die Herausforderung, einfach Mensch zu sein
© Carolin Windel

Oma und Opa? Wer ganz sichergehen will, sieht sie im besten Fall auf einem Bildschirm, so wie die vielen Freunde und Kollegen in den vergangenen Monaten. Als wir die bittere Entscheidung getroffen hatten, nicht in der größeren Familie zu feiern, fühlte sich das merkwürdigerweise nicht nur schlecht an. Da war auch Erleichterung, dass diese belastende Diskussion, dieses Abwägen von unkalkulierbaren Risiken, endlich ein Ende hatte und Klarheit herrschte: Dieses Jahr nicht. Es ist besser so.

Für viele Menschen wird es aber auch viel weniger Weihnachten als sonst. Die Angehörigen der über 26.000 Menschen, die an Covid-19 gestorben sind. Aber auch die Pfleger und Krankenschwestern und Ärzte, die um das Leben der schwer Erkrankten kämpfen. Warum klatscht eigentlich niemand mehr vom Balkon? Auf dem Höhepunkt der ersten Welle, am 18. April, ­lagen 2.933 Covid-19-Erkrankte auf den Intensivstationen. Heute sind es circa 5.000. Auch wenn es damals reine Symbolik war, sorgte der Beifall anfangs für ein schönes Gefühl von Gemeinschaft. Bis es sich irgendwann merkwürdig und schal anfühlte.

Trotz allem sollten wir an Weihnachten die Zuversicht feiern

So wie das ganze Jahr. Niemand von uns kennt eine solche kollektive Dauerbelastung. Als ich neun Jahre alt war, im Herbst 1977, lag Deutschland im Bann der Schleyer-Entführung. Ich erinnere mich an ein merkwürdiges Gefühl von Bedrücktheit. Die Erwachsenen sprachen über nichts anderes. Nach Schleyers Tod und der Befreiung der „Landshut“ gingen wir zum Gottesdienst. Die Kirche war so voll wie sonst nur zu Weihnachten. Aber endlich hatte dieses bange Warten und dieses schreckliche Thema ein Ende. Sogar der Neunjährige spürte die Erleichterung.

Die Entführung zog sich über sechs Wochen. Das Virus herrscht bei uns jetzt seit neun Monaten. Ein Ende ist noch nicht in Sicht, aller Impfung zum Trotz. Hinter den Kulissen der Macht wird nicht mehr mit einer Lockerung des Shutdowns vor Februar gerechnet. Das erste Corona-Jahr geht zu Ende. Ein Jahr, das alles verändert hat und weiter verändern wird.

Die Arbeitswelt ist auf den Kopf gestellt, in Schulen und Universitäten herrscht bestenfalls Durcheinander, meistens eher Chaos. Unsere Innenstädte werden im Frühjahr nicht wiederzuerkennen sein, wenn die Schaufenster mit Packpapier zugeklebt sind. Niemand kann sagen, wie sich die Wirtschaft erholen wird. Die Kosten der Krise hätte man früher unbezahlbar genannt, heute werden Hilfspakete geschnürt.

Aber, ja, es ist Weihnachten. Was werden die Menschen gedacht haben, die vor zwölf Monaten in den USA unter ihrem Präsidenten litten und den Blick auf ihr Wahljahr richteten? Welche Hoffnung werden sie auf den 3. November gerichtet haben, dass der Wahnsinn ein Ende habe? Wenn es einen wunderbaren Moment in diesem Jahr gab, dann den frühen Abend des 7. November, so gegen 18 Uhr. Als die Meldung kam, dass Joe Biden die letzten notwendigen Stimmen bekommen hatte. Da war endlich mal wieder die Zuversicht da, und es fühlte sich gut an! Ohne Zuversicht gehen wir zugrunde. Und auch sie feiern wir an Weihnachten.

Erschienen in Stern 53/2020

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