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Altenpflege-Messe: Ob Opa das versteht?

Rund ein Drittel der 2,13 Millionen pflegebedürftigen Deutschen lebt im Heim, der Rest wird daheim betreut. Ein Messe in Nürnberg zeigt, was man für die Pflege braucht - vom Spielzeug für Demenzkranke bis zum Reinigungsspray "Urine-Off".

Von Brigitte Zander

"Ich möchte nie in eine Pflegeheim", gestand Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), zur Eröffnung der Messe Altenpflege + ProPflege in Nürnberg. Leider können sich das aber viele Menschen nicht aussuchen. Ein Drittel der 2,13 Millionen pflegebedürftigen Bundesbürger lebt in Heimen, die anderen werden daheim betreut. Damit sie professionell versorgt werden, zeigen 750 Aussteller in Nürnberg noch bis Donnerstag ihre Innovationen.

Vom rollenden Betttuch über Badewannenschwenksitze und elektronische Patientenakten bis zum Reinigungsspray "Urine-Off" reicht die Angebots-Palette in den fünf Messehallen. Die erwarteten 40.000 Besucher drängen sich dort zwischen Ständen mit bunten Pillengläsern, pflegeleichtem Essgeschirr, Patientenkost wie "Pürees in 24 köstlichen Sorten", Windeln, Erste-Hilfe-Rettungssets, Spielzeug für Demenzkranke, und Kissen mit aufblasbaren Noppen, die die schmerzhafte Liegekrankheit Dekubitus verhindern soll.

An einigen Ecken sieht es aus wie auf der Cebit. PC-Programme nehmen den Pflegern die zeitraubende Dokumentation auf ellenlangen Formularen ab. "Schreiben Sie noch, oder pflegen Sie schon?" heißt der Werbeslogan.

Senosrmatten im Bettvorleger

Weil menschliche Pflege teuer ist, entwickeln Informationstechniker auch immer mehr Überwachungs- und Servicecomputer für Heime und Privatwohnungen. Eine japanische Firma stellte sogar eine Sicherheits-Sensormatte als Bettvorleger vor, der sofort Alarm schlägt, wenn der Patient das Bett verlässt und drauf tritt. Konventioneller sind die heimischen Angebote: Bewegungsmelder, Herzfrequenz-Controller, Überwachungskameras und Herdplatten-Alarmgeräte - alle vernetzt mit Notrufzentralen oder Angehörigen - , um Alleinlebende automatisch abzusichern und an die rechtzeitige Medikamenteneinnahme zu erinnern.

Dazu müssen in der Wohnung ein paar graue Kästchen installiert werden. "Ganz einfach zur Bedienung", schwärmt ein Verkäufer von seinem Modell mit drei Knöpfen. Den grünen soll der Senior für die Meldung: "Hallo ich lebe noch" drücken; den blauen, auch "Brötchentaste" genannt, um Service herbeizurufen; und den roten in Notfällen. Das Gerät antwortet dann prompt: "Bleiben Sie ruhig, gleich kommt Hilfe". Falls der Pflegebedürftige gestürzt ist und den Notalarm nicht mehr erreicht, hat er Pech. Es sei denn, er trägt Tag und Nacht einen automatischen Sturzmelder an der Hüfte. "Ob Opa das versteht", fragt eine Besucherin ihren Begleiter zweifelnd.

Rollstuhl in Pink

Jede Menge Technik erwartet die pflegenden Angehörigen auch bei den modernen verstellbaren Betten, wo Elektromotoren die Liegefläche von der Fußtieflage bis zur Kopfstütze individuell anpassen. Lieferbar mit und ohne Gitter, Rückenmassage und "formschöner Holzverkleidung". Auch die Rollstuhlbranche prunkt mit Designermodelle, sogar in Pink und Gelb, wahlweise mit Töpfchen und installiertem Regenschirm.

Wer immobile Menschen transportieren muss, setzt auf schwenkbare Mehrzweck-Lifter, wo die Hilflosen in Sitzsäcken an einem Ständer hängen wie ein Fisch an der Angel. Die Patienten werden mithilfe dieser Sitzbänder, ähnlich der Haltegurte von Freeclimbern, aus dem Bett gehievt und dann locker ins Bad, auf die Toilette, oder über lange Heimflure geschoben. Wer Geld genug hat, lässt sich eines der neuen Decken-Schienensysteme mit motorisiertem Sitzgurt daheim einbauen. Der Pflegebedürftige wird eingeklinkt und fährt - wie die Wuppertaler Schwebebahn - von einem Zimmer ins andere.

Nicht immer ist Mobilität erwünscht

Oft ist Mobilität bei den alten Menschen gar nicht erwünscht. Wo keine Zeit für die Pflege bleibt, werden unruhige, verwirrte Demenzkranke noch immer festgebunden. Ein Aussteller zeigt die neueste Version dieser berüchtigten Fixiersysteme, die selbst einen Gorilla fesseln könnten. Die soliden Bauch- und Brustgurte, Arm- und Beinfesseln gibt es in "neuer enger und größerer Ausführung, mit Eisenöhren und Magnetverschluss", so er Firmenprospekt.

Wenn nicht mehr Geld ins Pflegesystem fließt, machen Fesselhersteller in Zukunft noch bessere Geschäfte. bpa-Präsident Meurer warnt vor "einem Rattenschwanz von Unterversorgung". "Wir brauchen mehr Geld, schon um den jetzigen Standard zu halten, weil die Zahl der Pflegebedürftigen deutlich steigen wird." 2030 ist jeder vierte Deutsche über 65 Jahre alt. Den zunehmenden Pflegerbedarf mit billigeren ausländischen Helfern zu decken, wie es schon heute auf dem Schwarzmarkt passiert, hält der Verbandsfunktionär der heimischen ambulanten Anbieter für keinen Ausweg. Dann sinke die Qualität.

Branche zielt auf betuchte Klientel

Die Pflegebranche zielt mit vielen Angeboten sowieso auf das betuchte Klientel. Das beweist der Berg der Wohlfühlangebote wie Heimturngeräte, Fußreflexzonen-Massagewannen, Muskelstimulatoren, Lichttherapiegeräten, Diabetikersocken, Körperfettanalyse-Waagen, Wunderpillen, und -cremes an den Messeständen. Eine riesige Halle ist allein dem komfortablen, barrierefreien Wohnen im Alter gewidmet. Denn am liebsten wollen die meisten Senioren auch ihr Lebensende in der gewohnten privaten Umgebung verbringen.

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