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Notstand in der Altenpflege: Pfleger made for Germany

Pflegenotstand hoch drei: In Deutschland fehlen bereits zigtausende Altenpfleger, sagt der Bundesverband privater sozialer Dienste. Er will deswegen verstärkt ausbilden - in Südeuropa.

Von Nils Handler

Der Bedarf ist riesig, der Mangel ebenfalls. "Wenn heute 30.000 Pflegefachkräfte ohne Arbeit dastünden, würde ich sie in vier Wochen in Lohn und Brot bringen", sagt Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Berlin. Auf eine Altenpflegerin, die Arbeit sucht, kommen laut bpa bereits drei Stellenangebote. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Die meisten Stellen würden gar nicht mehr offiziell ausgeschrieben, vielmehr werben sich die Unternehmen gegenseitig die Pfleger ab mit Kopfpauschalen von bis zu 3000 Euro. Bis zum Jahr 2020 werden laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln</linkexstern> ganze 220.000 gut ausgebildete Pflegerinnen und Pfleger fehlen. Meurer sieht den Fachkräftemangel bereits jetzt als "schmerzhaft" an, falls sich nichts ändere, drohe ein "Desaster".

Um das zu verhindern, will Meurer Fachkräfte aus anderen EU-Ländern nach Deutschland einladen. Die Chancen stünden gut, denn "in Spanien gehen die Leute wegen zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit auf die Straße". Auch die Demografie spreche dafür, denn statt einem "Wasserkopf" an Mitsechzigern wie in Deutschland zeigten die dortigen Bevölkerungen "Pyramiden", also wesentlich mehr junge Arbeitnehmer.

Meurers Lösung: Ausbildungszentren in Südeuropa

Für Meurer liegt die Lösung des Problems daher drei Flugstunden entfernt: In Ländern wie Spanien, Portugal und Griechenland sollen deutsche Pflegeverbände Kooperationen schließen, um mittelfristig Fachkräfte nach deutschem Standard auszubilden. In Meurers Augen gewinnt jeder bei diesen Joint Ventures: Der Spanier, der wieder einen Job hat, ebenso wie die deutsche Rentnerin, die von ihm fachmännisch gepflegt wird. Bislang dauere das Anerkennungs-Prozedere für die Berufsausbildung eines Spaniers aber mitunter ein halbes Jahr, so Meurer: "Wie soll jemand in Andalusien das denn durchhalten? Der muss sich ja einen Juristen nehmen."

Daher fordert Meurer, die bürokratischen Hürden zu vereinfachen, damit ausländische Berufsabschlüsse leichter anerkannt werden können. Die ersten Verhandlungen mit den Staaten laufen, es gebe "viel Interesse" am Pfleger made for Germany. In Deutschland sieht die dpa nicht mehr genügend Nachwuchs für die Pflegebranche angesichts der Prognosen: Bis ins Jahr 2050 werde die Zahl der Beschäftigten in der Pflege von derzeit knapp einer Million auf 2,1 Millionen steigen müssen - und sich somit mehr als verdoppeln. "Wenn der deutsche Markt alle Lehrstellen decken sollte, müsste jeder dritte Haupt- und Realschul-Absolvent in die Pflege gehen", erklärt ein bpa-Sprecher.

DGB kritisiert mangelnde Ausbildung im Inland

Ein Sprecher des Deutschen Gewerkschaftsbundes kritisierte die bpa-Vorschläge. "Das kann nicht die Lösung des Problems sein", sagt er stern.de und wies auf die Sprachbarriere als Problem hin. Auch seien noch nicht alle Möglichkeiten im Inland ausgeschöpft: "Die privaten Träger, vor allem die privaten Pflegedienste, halten sich bei der Ausbildung stark zurück, zum Teil müssen die Auszubildenden sogar noch Schulgeld bezahlen."

An diesem Punkt setzt auch die aktuelle Strategie der Bundesregierung, die eine "Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive in der Altenpflege" plant, erste konkrete Vereinbarungen werden um das Jahresende 2011 angestrebt. "Es ist richtig, dass mehr Leute zu Pflegern ausgebildet werden müssen", erklärte eine Sprecherin des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Einen Teil der derzeit vakanten Stellen ließe sich auch durch die Weiterqualifizierung der derzeit 15.000 arbeitslosen Altenpfleger erreichen.

An Meurer prallt diese Kritik ab, die Betriebe in seinem Dachverband hätten jüngst die Zahl ihrer Ausbildungsplätze von 11.500 auf 16.500 erhöht. Nachdem er die Drohkulisse aufgebaut hat, die Ausbildung ins Ausland zu verlagern, zeigt sein Blick von der bpa-Zentrale in der Berliner Friedrichstraße gen Westen, dorthin, wo der Bundestag und das Kanzleramt stehen. "Pflege", so Meurer "ist nicht nur ein Kosten-, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor."