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Bestattungen: Lieber Fußballhymnen als Orgelspiel

Aus den Lautsprechern tönt die Hymne von Borussia Dortmund, die Friedhofshalle ist in den schwarz-gelben Vereinsfarben des Bundesligaclubs geschmückt. Und die Urne mit der Asche des Verstorbenen hat die Form eines Fußballs.

In solch einem Ambiente hat schon manch eine Beisetzung stattgefunden, die Bernd-Josef Kremer, Bestattungsunternehmer aus dem Ruhrgebiet, mitorganisiert hat. "Immer mehr Hinterbliebene wünschen sich, dass die frühere Leidenschaft und das Leben der Toten bei der Trauerfeier widergespiegelt wird", sagt der 57-Jährige. Ob Seemann, Bergarbeiter oder eben Fußballfan, es sei nur eine Frage der Kreativität, einen persönlichen Abschied zu organisieren.

Trend zum sehr persönlichen Begräbnis

Oft seien es sogar die Verstorbenen selbst, die noch zu Lebzeiten festlegen, in welcher Art und Weise sie beigesetzt werden wollen. Der Trend in der Gesellschaft hin zu moderneren und sehr persönlichen Beisetzungen hat nach Ansicht Kremers vor rund zehn Jahren eingesetzt. "Die Menschen gehen inzwischen viel entspannter mit den einstigen Tabuthemen Trauer und Tod um", sagt der Experte. Wie frei die Angehörigen die Trauerfeier gestalten könnten, hänge bei kirchlichen Zeremonien aber auch mit der Toleranzschwelle der Geistlichen zusammen.

"Moderne Rock- und Popmusik oder bemalte Särge sind auch bei christlichen Bestattungen möglich", meint die hannoversche evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann. Allerdings sollte vorher abgesprochen werden, warum welches Lied gewünscht werde. Ihrer Ansicht nach soll sich die Kirche für die Individualisierung von Beerdigungen öffnen, aber gleichzeitig aufpassen, dass die Trauerfeiern nicht kitschig und inhaltsleer werden. "Wir müssen die Balance zwischen Tradition und der Freiheit zur Neugestaltung finden."

Balance zwischen Kitsch und Tradition

Besondere Bestattungen, in denen Hinterbliebene vieles mit prägen, möchte auch der Hamburger Bestatter Christian Hillermann anbieten. "Wir müssen von einer Standardisierung wegkommen", sagt der 36-Jährige. Sein Unternehmen arbeite beispielsweise mit einer amerikanischen Künstlerin zusammen, die nach Wunsch der Angehörigen Särge und Urnen gestaltet. Aber natürlich könnten auch die Verwandten oder Freunde selbst Hand anlegen. "Wir hatten schon Familien, die abends bei Rotwein den Sarg bemalt und auf diese Weise noch einmal persönlich Abschied genommen haben."

Was die Musikauswahl bei Beerdingungen betrifft, haben beide Bestatter schon die "komplette Bandbreite" erlebt. "Die Zeiten des tristen Orgelspiels sind vorbei, heute werden sogar die Toten Hosen gespielt", sagt Bernd-Josef Kremer aus Dortmund. Immer beliebter seien Titel wie "Time To Say Goodbye" von Andrea Bocelli oder "Niemals geht man so ganz" von der Kölner Ulknudel Trude Herr (1927- 1991).

Trauer nicht ausweichen

Glaubt man einer vom britischen Bestattungsinstitut Westerleigh Group PLC in Auftrag gegebenen Umfrage, wollen inzwischen rund 55 Prozent der Briten, dass ihre Beisetzung keine Trauerveranstaltung, sondern "eine Feier ihres Lebens" wird. Der dafür am meisten gewünschte Song ist "Angels" von Robbie Williams, gefolgt von "Always Look On The Bright Side Of Life" (Monty Python) und "My Way" (Frank Sinatra). Bischöfin Käßmann sieht in einer "zu bunten" Veranstaltung aber auch Gefahren. Es mache keinen Sinn, der Tauer auszuweichen. "Der Abschiedsschmerz darf nicht überspielt werden, die Trauerfeier nicht zu Party verkommen."

Jenny Tobien/DPA / DPA

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