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Geschwister: Ein Bund fürs Leben

Wir lieben und wir hassen sie. Sie sind Weggefährten und Konkurrenten: Geschwister! Fünf Prominente und ihre Brüder und Schwestern erzählen von ihrer längsten Beziehung.

Von Kester Schlenz

Katalin Stappenbeck (r.) und ihre große Schwester und "Zweit-Mami" Stefanie

Katalin Stappenbeck (r.) und ihre große Schwester und "Zweit-Mami" Stefanie

Henri, 3, steht vor dem elterlichen Bett. Darin liegt seine Mutter und neben ihr ein winziger Mensch. "Das ist dein kleiner Bruder Hannes", sagt sein Vater feierlich. Henri dreht sich um zu seinem Erzeuger und sagt mit ernster Miene vier Worte, die alle Besorgnis und alles Unbehagen angesichts dieses neuen Kerlchens zusammenfassen: "Bleibt die Baby lange?"

"Die Baby" blieb – und aus dem heftigen Fremdeln wurde glücklicherweise schon nach kurzer Zeit echte Bruderliebe. Nicht vorbehaltlos, nicht ohne Krisen und gelegentliche Kloppereien um Legosteine und Nudelportionen – aber das Band, das die beiden Brüder bis heute verbindet, ist stark.

Fast jeder, der Geschwister hat, kennt sie, jene magische Mischung aus Liebe und Konkurrenz, aus Nähe und Distanz, aus Wir- versus Ich-Gefühl. Brüder und Schwestern sind uns, abgesehen von den Eltern, im ersten Lebensviertel näher als jeder andere Mensch. In der prägenden Zeit zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr verbringen Geschwister durchschnittlich etwa doppelt so viel Zeit miteinander wie einzeln mit der Mutter oder dem Vater. Brüder und Schwestern, das ist eine unauflösbare Verbindung. Wir können uns von unseren Ehepartnern trennen, Freunde auswechseln, uns als Erwachsene von neuen Eltern adoptieren lassen, aber Brüder und Schwestern sind irgendwie immer da, auch wenn wir sie nicht sehen. Und selbst wenn Geschwister im Streit eine totale Trennung versuchen, so dürfte "ihre Beziehung doch unterirdisch weiterwirken und bestehen bleiben", wie es der #link;http://www.hartmut-kasten.de/;Diplompsychologe Professor Hartmut Kasten# formuliert. "Geschwisterbeziehungen", schreibt der Familienforscher, "sind von Anfang an da und dauern so lange, bis ein Teilnehmer stirbt." Sie seien somit die längsten zwischenmenschlichen Beziehungen, die wir überhaupt haben.

Geschwisterpaare
Katalin Stappenbeck (r.) und ihre große Schwester und "Zweit-Mami" Stefanie
Stefanie Stappenbeck, 40 Jahre, Schauspielerin (l.)

Ich war ziemlich schnell eine Art Zweit-Mami für Katalin, weil ich ja 13 Jahre älter bin. Ich habe mich sofort in sie verliebt. Als ich sie mit vier Monaten das erste Mal in den Schlaf wiegen konnte, war das eines der größten Erfolgserlebnisse meines damaligen Lebens. Unser Verhältnis ist auch heute noch super. Aber anders. Das Gefühl, dass ich sie beschützen und mich um sie kümmern muss, ist nicht mehr so da, weil sie zu einer selbstbewussten jungen Frau herangewachsen ist. Katalin kommt jetzt gut allein klar. Konflikte gab es selten zwischen uns. Höchstens mal Missverständnisse. Na ja, in der Pubertät musste sie sich von unserer Mutter und ein bisschen auch von der älteren Schwester ablösen. Aber meistens war ich diejenige, mit der sie auf einer Parkbank lange Gespräche führte. Wir können aber auch prima zusammen schweigen und uns trotzdem sehr verbunden fühlen. Schwesterliche Highlights sind unsere regelmäßigen gemeinsamen Urlaube. Da wandern wir. Und wir sind beide sehr verkuschelt.

© Foto:Peter Rigaud
Katalin Stappenbeck, 27 Jahre, Grafikdesignerin

Steffi war für mich immer eine Mischung aus zweiter Mutter, bester Freundin und vor allem mein leuchtendes Vorbild. Ich habe sie über alles geliebt und vergöttert - ihre fröhliche und offene Art, ihre damals sehr langen Haare, ihren Stil. Das ist bis heute so. Leider habe ich mir dadurch auch schlechte Eigenschaften wie das Nägelkauen von ihr abgeschaut, was wir aber glücklicherweise inzwischen beide schon (fast) abgelegt haben. Ein Tagebucheintrag von mir aus der Kindheit war eine Seite, die mit lauter Herzchen verziert war: "Ich liebe Steffi!" Sie hat mich immer unterstützt und ermutigt, wenn ich mal schlechte Phasen hatte, und hat mir immer wieder gezeigt, dass alles meist nur halb so schlimm ist, wie es erscheint. Das mütterliche Verhältnis haben wir beibehalten, allerdings heute eher mit einem Augenzwinkern. Inzwischen begegnen wir uns auf Augenhöhe, auch wenn sie mir natürlich immer ein wenig Lebenserfahrung voraushaben wird. Immer noch ist sie eine der wichtigsten Personen in meinem Leben. Und das ist einfach so. Darüber muss ich mir absolut keine Gedanken machen.

Anni Friesinger-Postma, 37 Jahre, frühere Leistungssportlerin (r.)

Am Anfang war das Verhältnis zur Agnes nicht ganz so einfach wegen des großen Altersunterschiedes. Wir mussten uns erst mal aneinander gewöhnen. Am schwierigsten war es, als ich in die Pubertät kam und begann, auszugehen. Wenn es denn ging. Denn ich musste so oft auf Agnes aufpassen. Ich war sozusagen ihre Kindersicherung. An meinem 16. Geburtstag durfte ich zu Hause feiern, aber meine Eltern sagten: "Die Agnes darf auch ein bisserl dabei sein, gell?" Da war ich natürlich nicht so begeistert. Aber das ist Schnee von gestern. Ich hab meine Schwester so lieb und möchte keine Sekunde mit ihr missen. Sie hat es ja auch nicht immer leicht mit mir gehabt. Ich war halt die große Schwester. Und sie wurde immer an mir gemessen. Wir haben ja noch einen Bruder, und wir alle drei waren Eisschnellläufer. In der Jugend war Agnes sogar besser und schneller als ich. Das änderte sich dann mit den Jahren. Ich glaube, der Schatten der großen Schwester war für die Agnes manchmal schon erdrückend. Aber irgendwann war das kein Thema mehr. Ein paarmal waren wir sogar alle drei bei einem Weltcup am Start. Das war so schön. Das werde ich nie vergessen. Meine Schwester und mein Bruder sind ganz feste Größen in meinem Leben. Agnes lebt ja in Finnland. Ich vermisse sie oft sehr. Schön, dass wir für dieses Foto überraschend zusammengekommen sind.

Agnes Friesinger, 30 Jahre, Teamassistentin bei Siemens in Finnland

Anni ist ja fast acht Jahre älter als ich. Sie war mein großes Vorbild, aber ich war ihr, glaube ich, manchmal ein bisschen lästig. Ich wollte zum Beispiel unbedingt bei ihrem 16. Geburtstag dabei sein. Da war die Anni wenig begeistert. Heute ist unser Verhältnis aber sehr gut. Ich würde sagen, es ist eine innige Freundschaft, gepaart mit einem Schwestern-Dasein. Das gilt auch für unseren Bruder. Klar gibt es auch mal Ärger, wir sind alle sehr, na, sagen wir, meinungsstark. Aber wir vertragen uns immer schnell wieder. Wir wohnen ja weit auseinander, haben aber beinahe jeden Tag Kontakt. Uns hat auch zusammengeschweißt, dass wir alle Leistungssport betrieben haben. Klar, Anni war natürlich die Erfolgreichste von uns. Das war nicht immer leicht für mich als kleine Schwester, die auch Eisschnelllaufen betrieb. Aber ich war nie neidisch. Wir haben alle mit Anni mitgefiebert. Ich wollte halt nur nicht immer als "die kleine Schwester von …" wahrgenommen werden, sondern eben als Agnes. Aber wie gesagt: Neid war und ist da nie. Wir alle können aufeinander zählen. Eine kleine Rechnung haben wir allerdings noch offen: Es gibt ein Familienfoto von uns aus der Zeit unserer Kindheit. Da sehe ich irgendwie komisch aus, wie ein Hase. Ich mochte das nie, aber Anni hat das Foto ganz gern rumgezeigt und sich kaputtgelacht. Das muss noch irgendwie geahndet werden.

Florian David Fitz, 39 Jahre, Schauspieler

Ich bin drei, als meine Schwester versucht, mich um die Ecke zu bringen. Ok. Sie ist fünf, vielleicht ist der Plan noch nicht ganz ausgereift. Die Eltern stehen vor einer Wanderkarte. Wir sitzen alleine im Auto auf einem abschüssigen Parkplatz und Steffi löst die Handbremse. Unten eine Schnellstraße. Sie springt raus. Ich gucke blöd auf die panischen Eltern, die schreien, ich solle doch den Knopf hochmachen. Ich räche mich später, indem ich beiläufig eine Stehlampe auf ihre Nase fallen lasse. Da hat sie heute noch einen kleinen Huckel. Sagen wir so: wir haben uns nichts geschenkt. Meine Mutter hat das alles in einem kleinen Buch festgehalten, sonst wüssten wir nicht mehr, was wir für reizende Kinder waren. Mit zwölf besserte sich das Verhältnis. Ich hatte einen Seitenscheitel und Kordhosen, sah aus wie ein Vollpfosten, und selbst mir wurde langsam klar: So geht es nicht weiter. Steffi nahm mich unter ihre Fittiche: Sie verpasste mir neue Klamotten und einen vernünftigen Haarschnitt. Wir sind bis heute sehr verschieden. Steffi kriegt vor mehr als zehn Leuten Schweißausbrüche. Das ich bekannt bin, beeindruckt sie herzlich wenig. Steffi hat es nie auf eine Bühne gezogen, sie führt heute mit meinem Schwager Bernd das Hotel unserer Eltern. Ich bin zwar viel in Berlin, aber mein Zuhause ist München. Hier leben meine Freunde, meine Familie. Ich versuche Steffi so oft wie möglich zu sehen, sie ist eine der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Meine Mutter hat einmal gesagt: "Deine Schwester ist der Mensch, der dich am längsten durch das Leben begleiten wird. Die Eltern gehen früher, die Freunde kommen später. Geschwister bleiben." Dem kann man nicht widersprechen.

Stefanie Gronbach, 41 Jahre, Hotelbetreiberin

Mein Bruder ist für mich der Flo, nicht der Schauspieler Florian David Fitz. Ich bin stolz auf ihn und versuche, jeden seiner Filme anzuschauen. Aber mein eigenes Leben mit drei Kindern und einem Hotel ist sehr turbulent, da reiße ich nicht jeden Zeitungsschnipsel aus. Manchmal muss ich über den Wirbel um Florian schmunzeln. Erst kürzlich checkten zwei Wienerinnen um die 50 bei uns ein und fragten: "Wo isser denn?" Ich fragte: "Wen meinen Sie?" "Na, den Florian!" Die beiden hatten gehofft, meinen Bruder an der Rezeption anzutreffen. Früher stand er dort tatsächlich. Als Teenager mussten wir im Hotel unserer Eltern mitanpacken: als Küchenhilfe, Kellner, Kofferträger und eben als Nachtportier. Wir haben früh gelernt, dass das Geld nicht auf der Straße liegt. Das hat uns geprägt. Wenn Flori heute in München ist, meldet er sich sofort. Das freut vor allem meine drei Kinder, die ihren Onkel sehr gern haben. Uns verbindet heute ein sehr entspanntes Verhältnis. Das war leider nicht immer so. Früher haben wir oft gezankt, vor allem, weil wir so unterschiedlich waren. Florian hing am liebsten über seinen Büchern. Er war ein Stubenhocker, ich ein rebellischer Teenager. Mich hat es immer rausgezogen. Freunde treffen, durch Clubs ziehen, das war meine Welt. Flori mag bis heute keine Partys. Was ich an meinem Bruder schätze, ist seine Hartnäckigkeit. Florian geht den Dingen gerne auf den Grund und stellt vieles infrage. Manchmal kann es aber auch nerven. Zum Beispiel, wenn er mit unserem Vater über Politik diskutiert. Dann suchen meine Mutter und ich fluchtartig das Weite.

Philipp Heerwagen, 31 Jahre, Torwart beim FC St. Pauli

Ich bin ja der kleine Bruder. Früher war Bernadette mir körperlich überlegen. Und hat das auch gern ab und an mal so spielerisch gezeigt. Aber mittlerweile bin ich 1,93 Meter groß und habe 83 Kilo Kampfgewicht. Da kann sie nicht mehr mithalten. Aber sie versucht es immer noch. Wenn wir uns sehen, springt sie mich an und versucht ihre alte Schwitzkasten-Nummer. Meine Mutter steht dann immer kopfschüttelnd daneben und sagt wie früher: "Bis einer heult." Wir haben einfach Spaß an dieser Balgerei. Unser Verhältnis ist wirklich sehr gut. Ich bin froh, dass ich sie immer anrufen kann, wenn ich einen Rat brauche. Und ich nehme sehr ernst, was sie sagt. Sie ist sehr reflektiert. Und eine Perfektionistin. Sie zieht Sachen einfach durch. Manchmal ist sie ein wenig ungeduldig, aber in Maßen. Bernadette ist zwar einen Kopf kleiner als ich, aber sie ist und bleibt meine große Schwester. Die mich auch immer beschützen wollte. Als ich beim gemeinsamen Toben mal gegen einen Tisch geknallt bin und eine Platzwunde hatte, war sie völlig aufgelöst. Ich glaube, das tut ihr nach 25 Jahren immer noch leid, obwohl sie nichts dafür konnte.

Bernadette Heerwagen, 37 Jahre, Schauspielerin

Ich fand es klasse, die ältere Schwester zu sein. Ich konnte Philipp sehr gut als robuste Babypuppe benutzen. Und als er wuchs, habe ich gern mal mit ihm spielerisch gekämpft, um ihm zu zeigen, wer das Sagen hat. Dann wurde er größer und leider auch stärker. Da hing ich dann im Schwitzkasten fest. Und von da an wusste ich: Die Zeiten der Schwester-Diktatur sind vorbei. Aber unser Verhältnis war trotzdem immer sehr gut. Das ist es bis heute. Wir sind sehr vertraut miteinander. Philipp ist eine feste Größe in meinem Leben. Ich weiß, dass er da ist, auch wenn wir uns nicht so oft sehen. Ich kann mich absolut auf ihn verlassen. Seine größte Schwäche ist in meinen Augen seine Liebe für schnelle Autos. Aber ich bewundere, wie gut er mit Druck umgehen kann. Das ist in seinem Job als Leistungssportler wirklich hart. Er steckt das wahnsinnig gut weg. Zu klären haben wir nichts Grundsätzliches miteinander. Na ja, die Schwitzkasten-Sache ist noch nicht endgültig verarbeitet. Irgendwann kriege ich ihn noch mal, wenn er nicht aufpasst.

Richard David Precht, 49 Jahre, Philosoph, Schriftsteller

Als Hanna sechs Jahre alt war und ich fünf, bekamen wir innerhalb von zwei Jahren drei neue Geschwister: noch einen leiblichen Bruder und zwei vietnamesische Adoptivkinder. Da waren dann auf einmal drei "Kleine" da, und Hanna und ich waren plötzlich die Älteren. Das hat uns zusammengeschweißt. Hanna war für mich sehr wichtig. Sie hat meine Fantasie ungeheuer angeregt. Wir haben uns komplette Welten erdacht, in denen wir dann gedanklich versunken sind. Bis heute ist unser Verhältnis sehr gut. Wir sehen uns nicht oft, weil sie ja in Dänemark lebt, aber wenn wir uns treffen, reden wir beinahe ununterbrochen. Wir haben beide gut gefüllte, innere Festplatten, aus denen wir schöpfen können. Wir hecheln alles durch: Politik, Gesellschaft, aber auch die heiligen Welten unserer Kindheit wie etwa Zitate aus den "Tim und Struppi"-Büchern. Ich schätze vor allem Hannas Humor, ihren Wortwitz. Konflikte gab es wenig. Hanna ist heute eine wichtige Ratgeberin für mich. Mein letztes Buch zum Thema Schule hat sie vorab gelesen, und das Manuskript kam gespickt mit Anmerkungen zurück. Zwischen Hanna und mir gibt es eine Urvertrautheit. Es gab zwei Dinge, die unsere Familie früher emotional zusammenhielten: der intellektuelle Austausch und der Humor. Aber nestwarm war es nicht bei uns. Es war sehr intellektuell. Wir diskutierten, und wenn wir die gleiche Meinung hatten, stellten wir auf diese Weise Nähe her. Das war bei uns einfacher, als sich einfach mal so in den Arm zu nehmen.

Johanna-Maria Precht, 50 Jahre, Lehrerin

Richard und ich waren ja lange in der Familie Precht die einzigen Kinder und ziemlich gut aufeinander eingespielt. Richard war schon als Kind sehr gesprächig. Lebhafter als ich. Und das Gute war: Er hat immer gemacht, was ich gesagt habe. Dazu neigt er heute nicht mehr. Obwohl er heute so prominent ist, ist und bleibt er mein kleiner Bruder, auf den ich allerdings sehr stolz bin. Ich mag es, dass wir so gut zusammen lachen können. Es macht einfach Spaß, Richard zu treffen. Wir haben ja eine lange gemeinsame Geschichte, und es reichen oft Stichworte, und schon prusten wir los. Richard und ich sind nicht nur biologisch verwandt, sondern auch seelenverwandt. Da ist so viel Gemeinsamkeit. Wir haben keine alten Rechnungen offen. Jeder auf seine Art hat es geschafft, sein Leben ganz gut in den Griff zu kriegen. Ich schätze Richard sehr als Mensch. Und er ist schließlich der größte, noch lebende Zeitzeuge meiner Kindheit. Ich habe immer an Richard geglaubt. Ich weiß, was er kann. Ich hätte allerdings nie gedacht, dass er mal Deutschlands erfolgreichster und schönster Philosoph wird, wie es immer heißt. Aber ich gönne es ihm von Herzen.

Das emotionale Gedächtnis vergisst nichts

Kein Wunder, dass sich Emotionen jeder Art im geschwisterlichen Rudel austoben. Zu Hause findet alles auf äußerst verdichtete Weise statt, was das menschliche Miteinander ausmacht: Brüder und Schwestern sind die ersten Freunde und die ersten Rivalen. Sie nerven, gängeln, unterstützen, helfen, verletzen und trösten. Und – beinahe jeder kennt das – die typischen Umgangsmuster aus der Kindheit bleiben meist bis ins Erwachsenenalter bestehen. Mag eine 45-jährige Frau auch noch so emanzipiert und beruflich erfolgreich sein. Mag sie längst selbst Mutter und Ehefrau sein – kaum trifft sie mit den älteren Geschwistern zusammen, da wird aus der toughen Führungskraft wieder "die Kleine". Der große Bruder führt weiter das Wort und bestimmt im Restaurant selbstverständlich den Wein, und die ältere Schwester kann sich einfach diesen spöttischen Tonfall nicht abgewöhnen, der die Jüngste schon früher immer so auf die Palme gebracht hat. Andererseits ist da meist aber auch eine große Vertrautheit, ein emotionales Gedächtnis, das von Nähe, Nestwärme und Gemeinsamkeit erzählt. Klar hat einen der große Bruder damals mit seinen derben Späßen genervt. Aber er war es eben auch, der uns auf dem Schulhof vor den bösen Jungs beschützt hat.

Diese Gemeinsamkeit muss sich aber erst einmal entwickeln. Denn Geschwister kommen für die Erstgeborenen scheinbar wie aus dem Nichts und ändern alles. Der Begründer der Individualpsychologie, Alfred Adler, schuf vor fast 100 Jahren für diesen einschneidenden Moment im Leben eines Erstgeborenen den Begriff des "Entthronungstraumas". Die schlagartige Erkenntnis, die Eltern nun nicht mehr allein für sich zu haben, führt nach Adler zu einem Schock, den das erstgeborene Kind nur schwer verarbeiten könne und auf den es – manchmal bis ins Erwachsenenalter – mit Eifersucht, Ablehnung und Aggression reagiere. Eine kühne Theorie.

Für viele Psychologen heute machte es sich Adler – der übrigens zeit seines Lebens unter seinem älteren Bruder Sigmund litt – etwas zu einfach. Wer selbst Brüder oder Schwestern hat, weiß auch ohne Studium der Psychologie, wie sehr einen Geschwister verändern. Die Älteren und die Jüngeren. Man hat es schließlich selbst erlebt, wie der kleine, sabbernde Bruder einem im Urlaub die mühsam errichtete Sandburg zertrampelt hat. Und man weiß, wie es sich anfühlt, wenn man die alten, uncoolen Klamotten der älteren Schwester auftragen muss. Oder sich mit ihr ein Zimmer teilen – und natürlich die Eltern. Jedes Kind kämpft um deren Liebe und Aufmerksamkeit.

Geschwister sind harte, unnachgiebige Kombattanten

Aber die Rivalität, die zwangsläufig unter Geschwistern entsteht, muss beileibe nicht immer in lebenslange Konflikte ausarten. Schon im Alter von acht Monaten zeigen Kleinkinder deutliche Zeichen der Freude, wenn ihre älteren Geschwister das Zimmer betreten. Und irgendwann kapituliert dann auch der gnatzigste Entthronte und lässt die Bruder- oder Schwesterliebe zu. Bis es wieder kracht. Geschwister im Alter zwischen drei und sieben Jahren streiten sich im Schnitt 3,5 Mal in einer Stunde. Das hat die #link;http://hcd.illinois.edu/people/faculty/kramer_laurie/profile.html;Forscherin Laurie Kramer von der University of Illinois# in Urbana-Campaign herausgefunden. Im Alter zwischen zwei und vier Jahren gebe es sogar alle zehn Minuten Zoff. Jeder weiß, wie sehr das Kinder wie Eltern in den Wahnsinn treiben kann. Aber der kontrollierte bilaterale Terror hat auch sein Gutes. Für Kramer erhöht der Ärger miteinander letztendlich die soziale und emotionale Kompetenz der Kinder. Wenn die miteinander stritten, müssten sie sogar mehr davon entwickeln als in Auseinandersetzungen mit den Eltern. Denn die würden oft nachgeben oder inkonsequent sein. Geschwister aber seien harte, unnachgiebige Kombattanten auf Augenhöhe. Da müsse man schon klar sagen, was man wolle, Kompromisse eingehen und so manches runterschlucken. Wie später im erwachsenen Leben. Und schon morgen ist der Bruder oder die Schwester vielleicht wieder der Verbündete in anderen Kämpfen. "Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife", sagte einst Kurt Tucholsky. "Geschwister können beides."

Ein gewisses Konkurrenzdenken sei völlig normal, sagt auch der Psychologe Hartmut Kasten. Es komme aber darauf an, wie man mit dieser Konkurrenz umgeht. Man müsse seine Rolle in der Familie finden. Und die sucht sich jeder, wenn auch meist unbewusst. Der kleine Henri, der so besorgt fragte, ob "die Baby" lange bleibe, sang schon als Junge im Chor, las gern und viel und studiert heute Theologie. Bezeichnend, dass sich sein Bruder Hannes zum sportlichen Raubein mit Hang zu Open-Air- Rock-Festivals entwickelte. In die Kirche geht er nie. Jedes Geschwisterkind sucht sich seine Nischen, grenzt sich ab oder ahmt nach. Interessanterweise entwickeln Forschungen zufolge eineiige Zwillinge mehr Gemeinsamkeiten in ihrer Lebensweise und ihren Vorlieben, wenn sie getrennt aufwachsen. Ganz einfach, weil sie gemeinsam in einer Familie mehr rivalisieren und sich voneinander abgrenzen würden.

Wie sich Kinder entwickeln, hängt letztlich von einer Unmenge verschiedener Faktoren ab: vom sozialen Umfeld, von der Intensität elterlicher Liebe, von den Geschwistern, dem Geschlecht, den Freunden, den Erbanlagen. Alle Faktoren beeinflussen sich gegenseitig. Gesicherte Erkenntnisse sind selten. Sandwich-Geschwister, die mittleren, sind mitnichten immer traurige Zu-kurz-Gekommene, Erstgeborene keine entthronten Nörgler. Und Nesthäkchen nicht stets die kleinen Prinzen. Eigentlich gebe es nur eine – wenig überraschende – Schlussfolgerung, die wirklich hieb- und stichfest sei, sagt Helmut Kasten. Je geringer der Altersabstand bei gleichem Geschlecht, desto mehr könnten die Geschwister miteinander anfangen.

Es werden immer weniger Geschwister geboren

Einen signifikanten Unterschied gibt es aber anscheinend doch: So sind Erstgeborene im Schnitt offenbar intelligenter als ihre jüngeren Geschwister. Das hat eine Studie aus Norwegen ergeben. Dabei wurden 250.000 junge Wehrpflichtige einem Intelligenz-Test unterzogen. Das Ergebnis: Erstgeborene schnitten signifikant besser ab als Nachgeborene. Nicht, dass die einen Deppen und die anderen Genies wären, aber 2,3 Punkte mehr waren es dann doch im Schnitt. Die Wissenschaftler vermuten, dass das daran liegen könnte, dass sich Eltern mit ihrem ersten Kind in den ersten Jahren einfach intensiver beschäftigen und dieses deshalb etwas mehr gefördert wird.

Und? Ist das irgendwie von Belang? Nö. Ist einfach so. Eltern machen sich zwar viele Gedanken, aber am Ende überschätzen sie ihren Einfluss auf die Kleinen sowieso. Solange sie ihre Kinder mit viel Liebe, mächtig Kuscheln und einigen klaren Regeln aufziehen, ist schon viel erreicht. Den Rest regeln die Geschwister und das soziale Umfeld der Kleinen. Irgendwann will man nämlich als Kind nicht mehr wie Mama oder Papa, sondern wie der große Bruder, die große Schwester oder die älteren Kids sein.

Aber so hilfreich Geschwister für die Entwicklung auch sind – in immer mehr Familien bleibt es heute bei einem Kind. Der Psychologe Hartmut Kasten sagt: "Neue Studien zeigen, dass nicht nur der Abstand zwischen den Geschwistern immer größer wird, sondern dass es in den kommenden Jahren auch immer weniger Menschen geben wird, die Brüder oder Schwestern haben."

Der Geburtsrangplatz ist schnuppe

Und wie Einzelkinder so sind, weiß man ja, nicht wahr? Das werden bekanntermaßen alles verzogene Persönchen, die sich schlecht anpassen können, weil sie erst spät gelernt haben, mit Altersgenossen klarzukommen. Nun, so bedauerlich es sein mag, dass Kinder ohne die entlastenden und mit erziehenden Brüder und Schwestern aufwachsen: Es ist schlichtweg Quatsch, dass Einzelkinder grundsätzlich mit geringerer sozialer Kompetenz durch die Welt irren – dazu spielen zu viele Faktoren in die Entwicklung hinein. Natürlich gibt es die arrogante Prinzessin, aber nicht nur unter Einzelkindern, sondern eben auch in Mehrgeschwister-Familien. "Das Klischee des verzogenen Einzelkindes", sagt Hartmut Kasten, "gehört ebenso auf den Friedhof der Psychologiegeschichte wie andere pauschale Annahmen über Geschwister oder die Auswirkungen des Geburtsrangplatzes auf die Persönlichkeit." Früher war klar: Der Stammhalter ist die Nummer eins und muss zum Erben ausgebildet werden. Heutige Eltern erziehen und fördern ihre Kinder – wenn es gut läuft – viel individueller und im Hinblick auf die in ihnen schlummernden Talente und Begabungen. Ihnen ist der Geburtsrangplatz, so Hartmut Kasten, schlichtweg schnuppe.

Eine besondere Situation kann in Familien allerdings entstehen, wenn eines der Geschwister prominent wird. Die große öffentliche Aufmerksamkeit, der Erfolg, der Reichtum können eine Geschwisterkonstellation entscheidend verändern. Wenn der kleine Bruder plötzlich ein erfolgreicher Schauspieler ist, den alle umschwärmen, oder die Schwester zur allseits bewunderten Goldmedaillen- Gewinnerin wird, dann kann der Faktor Berühmtheit möglicherweise vieles überlagern, was sonst die Geschwisterkonstellation prägte, und klassische Rollenverteilungen ins Wanken bringen. "Meist erhöht die Popularität des einen die Distanz zwischen Geschwistern", sagt der Psychologe Kasten. "Es sei denn, derjenige, der nicht im Rampenlicht steht, findet für sich eine Welt, in der er sich wohl- und bestätigt fühlt."

Der stern hat für diese Geschichte Prominente und ihre Geschwister nach ihrem Verhältnis zueinander gefragt und wie sich die Bekanntheit des einen auf das Verhältnis beider auswirkt. Für Agnes Friesinger, die jüngere Schwester der ehemaligen Eisschnellläuferin Anni Friesinger, war es beispielsweise nicht immer leicht, im Schatten der großen Schwester zu stehen. Auch Agnes betrieb diesen Sport, konnte aber letztendlich nicht an die Erfolge der Schwester anknüpfen. Dennoch hat die Konkurrenz die starken Bande nicht zerreißen können. Beide haben bis heute ein inniges Verhältnis. So ist es auch bei dem sehr erfolgreichen Schauspieler Florian David Fitz und seiner Schwester Stefanie. Und die schlugen wirkliche Schlachten. "Ich war drei", erzählt Fitz, "als meine Schwester versucht hat, mich umzubringen. Wir saßen allein im Auto, auf einem abschüssigen Parkplatz, und Steffi löste die Handbremse. Sie sprang raus, ich rollte den Abhang runter." Heute sind beide beste Freunde. "Mein Bruder ist für mich der Flori, nicht der Schauspieler Florian David Fitz", sagt Stefanie. "Und ich bin stolz auf ihn."

Der Promifaktor ist kein Problem

Die Schauspielerin Stefanie Stappenbeck ist 13 Jahre älter als ihre Schwester Katalin. "Ich war ziemlich schnell eine Art Zweit-Mami für Katalin", erzählt sie. "Als ich sie mit vier Monaten das erste Mal in den Schlaf wiegen konnte, war das eines der größten Erfolgserlebnisse meines damaligen Lebens." Katalin wuchs wie selbstverständlich mit der Prominenz der großen Schwester auf. "Sie im Fernsehen zu sehen und in der Presse etwas über sie zu lesen ist für mich absolut normal." Auch Johanna-Maria Precht, die ältere Schwester des Bestsellerautors Richard David Precht, macht kein Gewese um den Erfolg ihres Bruders. Eher umgekehrt. Im gemeinsamen Interview spürt man, wie stolz der ein Jahr jüngere Bruder auf die schlagfertige ältere Schwester ist, die in Dänemark sehr zufrieden als Lehrerin arbeitet. "Richard war schon als Kind sehr gesprächig", sagt Johanna und sieht ihren Bruder mit mildem Blick an. "Und das Gute war: Er hat immer gemacht, was ich gesagt habe. Dazu neigt er heute nicht mehr. Ich hätte allerdings nie gedacht, dass er mal Deutschlands erfolgreichster und schönster Philosoph wird, wie es immer heißt. Aber ich gönne es ihm von Herzen." Und Richard David Precht tut nach diesen warmen Worten etwas, das er sonst eher selten macht: Er schweigt – und lächelt.

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