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Geschwister Ein Bund fürs Leben

Wir lieben und wir hassen sie. Sie sind Weggefährten und Konkurrenten: Geschwister! Fünf Prominente und ihre Brüder und Schwestern erzählen von ihrer längsten Beziehung.
Von Kester Schlenz

Henri, 3, steht vor dem elterlichen Bett. Darin liegt seine Mutter und neben ihr ein winziger Mensch. "Das ist dein kleiner Bruder Hannes", sagt sein Vater feierlich. Henri dreht sich um zu seinem Erzeuger und sagt mit ernster Miene vier Worte, die alle Besorgnis und alles Unbehagen angesichts dieses neuen Kerlchens zusammenfassen: "Bleibt die Baby lange?"

"Die Baby" blieb – und aus dem heftigen Fremdeln wurde glücklicherweise schon nach kurzer Zeit echte Bruderliebe. Nicht vorbehaltlos, nicht ohne Krisen und gelegentliche Kloppereien um Legosteine und Nudelportionen – aber das Band, das die beiden Brüder bis heute verbindet, ist stark.

Fast jeder, der Geschwister hat, kennt sie, jene magische Mischung aus Liebe und Konkurrenz, aus Nähe und Distanz, aus Wir- versus Ich-Gefühl. Brüder und Schwestern sind uns, abgesehen von den Eltern, im ersten Lebensviertel näher als jeder andere Mensch. In der prägenden Zeit zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr verbringen Geschwister durchschnittlich etwa doppelt so viel Zeit miteinander wie einzeln mit der Mutter oder dem Vater. Brüder und Schwestern, das ist eine unauflösbare Verbindung. Wir können uns von unseren Ehepartnern trennen, Freunde auswechseln, uns als Erwachsene von neuen Eltern adoptieren lassen, aber Brüder und Schwestern sind irgendwie immer da, auch wenn wir sie nicht sehen. Und selbst wenn Geschwister im Streit eine totale Trennung versuchen, so dürfte "ihre Beziehung doch unterirdisch weiterwirken und bestehen bleiben", wie es der #link;http://www.hartmut-kasten.de/;Diplompsychologe Professor Hartmut Kasten# formuliert. "Geschwisterbeziehungen", schreibt der Familienforscher, "sind von Anfang an da und dauern so lange, bis ein Teilnehmer stirbt." Sie seien somit die längsten zwischenmenschlichen Beziehungen, die wir überhaupt haben.

Geschwisterpaare

Das emotionale Gedächtnis vergisst nichts

Kein Wunder, dass sich Emotionen jeder Art im geschwisterlichen Rudel austoben. Zu Hause findet alles auf äußerst verdichtete Weise statt, was das menschliche Miteinander ausmacht: Brüder und Schwestern sind die ersten Freunde und die ersten Rivalen. Sie nerven, gängeln, unterstützen, helfen, verletzen und trösten. Und – beinahe jeder kennt das – die typischen Umgangsmuster aus der Kindheit bleiben meist bis ins Erwachsenenalter bestehen. Mag eine 45-jährige Frau auch noch so emanzipiert und beruflich erfolgreich sein. Mag sie längst selbst Mutter und Ehefrau sein – kaum trifft sie mit den älteren Geschwistern zusammen, da wird aus der toughen Führungskraft wieder "die Kleine". Der große Bruder führt weiter das Wort und bestimmt im Restaurant selbstverständlich den Wein, und die ältere Schwester kann sich einfach diesen spöttischen Tonfall nicht abgewöhnen, der die Jüngste schon früher immer so auf die Palme gebracht hat. Andererseits ist da meist aber auch eine große Vertrautheit, ein emotionales Gedächtnis, das von Nähe, Nestwärme und Gemeinsamkeit erzählt. Klar hat einen der große Bruder damals mit seinen derben Späßen genervt. Aber er war es eben auch, der uns auf dem Schulhof vor den bösen Jungs beschützt hat.

Diese Gemeinsamkeit muss sich aber erst einmal entwickeln. Denn Geschwister kommen für die Erstgeborenen scheinbar wie aus dem Nichts und ändern alles. Der Begründer der Individualpsychologie, Alfred Adler, schuf vor fast 100 Jahren für diesen einschneidenden Moment im Leben eines Erstgeborenen den Begriff des "Entthronungstraumas". Die schlagartige Erkenntnis, die Eltern nun nicht mehr allein für sich zu haben, führt nach Adler zu einem Schock, den das erstgeborene Kind nur schwer verarbeiten könne und auf den es – manchmal bis ins Erwachsenenalter – mit Eifersucht, Ablehnung und Aggression reagiere. Eine kühne Theorie.

Für viele Psychologen heute machte es sich Adler – der übrigens zeit seines Lebens unter seinem älteren Bruder Sigmund litt – etwas zu einfach. Wer selbst Brüder oder Schwestern hat, weiß auch ohne Studium der Psychologie, wie sehr einen Geschwister verändern. Die Älteren und die Jüngeren. Man hat es schließlich selbst erlebt, wie der kleine, sabbernde Bruder einem im Urlaub die mühsam errichtete Sandburg zertrampelt hat. Und man weiß, wie es sich anfühlt, wenn man die alten, uncoolen Klamotten der älteren Schwester auftragen muss. Oder sich mit ihr ein Zimmer teilen – und natürlich die Eltern. Jedes Kind kämpft um deren Liebe und Aufmerksamkeit.

Geschwister sind harte, unnachgiebige Kombattanten

Aber die Rivalität, die zwangsläufig unter Geschwistern entsteht, muss beileibe nicht immer in lebenslange Konflikte ausarten. Schon im Alter von acht Monaten zeigen Kleinkinder deutliche Zeichen der Freude, wenn ihre älteren Geschwister das Zimmer betreten. Und irgendwann kapituliert dann auch der gnatzigste Entthronte und lässt die Bruder- oder Schwesterliebe zu. Bis es wieder kracht. Geschwister im Alter zwischen drei und sieben Jahren streiten sich im Schnitt 3,5 Mal in einer Stunde. Das hat die #link;http://hcd.illinois.edu/people/faculty/kramer_laurie/profile.html;Forscherin Laurie Kramer von der University of Illinois# in Urbana-Campaign herausgefunden. Im Alter zwischen zwei und vier Jahren gebe es sogar alle zehn Minuten Zoff. Jeder weiß, wie sehr das Kinder wie Eltern in den Wahnsinn treiben kann. Aber der kontrollierte bilaterale Terror hat auch sein Gutes. Für Kramer erhöht der Ärger miteinander letztendlich die soziale und emotionale Kompetenz der Kinder. Wenn die miteinander stritten, müssten sie sogar mehr davon entwickeln als in Auseinandersetzungen mit den Eltern. Denn die würden oft nachgeben oder inkonsequent sein. Geschwister aber seien harte, unnachgiebige Kombattanten auf Augenhöhe. Da müsse man schon klar sagen, was man wolle, Kompromisse eingehen und so manches runterschlucken. Wie später im erwachsenen Leben. Und schon morgen ist der Bruder oder die Schwester vielleicht wieder der Verbündete in anderen Kämpfen. "Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife", sagte einst Kurt Tucholsky. "Geschwister können beides."

Ein gewisses Konkurrenzdenken sei völlig normal, sagt auch der Psychologe Hartmut Kasten. Es komme aber darauf an, wie man mit dieser Konkurrenz umgeht. Man müsse seine Rolle in der Familie finden. Und die sucht sich jeder, wenn auch meist unbewusst. Der kleine Henri, der so besorgt fragte, ob "die Baby" lange bleibe, sang schon als Junge im Chor, las gern und viel und studiert heute Theologie. Bezeichnend, dass sich sein Bruder Hannes zum sportlichen Raubein mit Hang zu Open-Air- Rock-Festivals entwickelte. In die Kirche geht er nie. Jedes Geschwisterkind sucht sich seine Nischen, grenzt sich ab oder ahmt nach. Interessanterweise entwickeln Forschungen zufolge eineiige Zwillinge mehr Gemeinsamkeiten in ihrer Lebensweise und ihren Vorlieben, wenn sie getrennt aufwachsen. Ganz einfach, weil sie gemeinsam in einer Familie mehr rivalisieren und sich voneinander abgrenzen würden.

Wie sich Kinder entwickeln, hängt letztlich von einer Unmenge verschiedener Faktoren ab: vom sozialen Umfeld, von der Intensität elterlicher Liebe, von den Geschwistern, dem Geschlecht, den Freunden, den Erbanlagen. Alle Faktoren beeinflussen sich gegenseitig. Gesicherte Erkenntnisse sind selten. Sandwich-Geschwister, die mittleren, sind mitnichten immer traurige Zu-kurz-Gekommene, Erstgeborene keine entthronten Nörgler. Und Nesthäkchen nicht stets die kleinen Prinzen. Eigentlich gebe es nur eine – wenig überraschende – Schlussfolgerung, die wirklich hieb- und stichfest sei, sagt Helmut Kasten. Je geringer der Altersabstand bei gleichem Geschlecht, desto mehr könnten die Geschwister miteinander anfangen.

Es werden immer weniger Geschwister geboren

Einen signifikanten Unterschied gibt es aber anscheinend doch: So sind Erstgeborene im Schnitt offenbar intelligenter als ihre jüngeren Geschwister. Das hat eine Studie aus Norwegen ergeben. Dabei wurden 250.000 junge Wehrpflichtige einem Intelligenz-Test unterzogen. Das Ergebnis: Erstgeborene schnitten signifikant besser ab als Nachgeborene. Nicht, dass die einen Deppen und die anderen Genies wären, aber 2,3 Punkte mehr waren es dann doch im Schnitt. Die Wissenschaftler vermuten, dass das daran liegen könnte, dass sich Eltern mit ihrem ersten Kind in den ersten Jahren einfach intensiver beschäftigen und dieses deshalb etwas mehr gefördert wird.

Und? Ist das irgendwie von Belang? Nö. Ist einfach so. Eltern machen sich zwar viele Gedanken, aber am Ende überschätzen sie ihren Einfluss auf die Kleinen sowieso. Solange sie ihre Kinder mit viel Liebe, mächtig Kuscheln und einigen klaren Regeln aufziehen, ist schon viel erreicht. Den Rest regeln die Geschwister und das soziale Umfeld der Kleinen. Irgendwann will man nämlich als Kind nicht mehr wie Mama oder Papa, sondern wie der große Bruder, die große Schwester oder die älteren Kids sein.

Aber so hilfreich Geschwister für die Entwicklung auch sind – in immer mehr Familien bleibt es heute bei einem Kind. Der Psychologe Hartmut Kasten sagt: "Neue Studien zeigen, dass nicht nur der Abstand zwischen den Geschwistern immer größer wird, sondern dass es in den kommenden Jahren auch immer weniger Menschen geben wird, die Brüder oder Schwestern haben."

Der Geburtsrangplatz ist schnuppe

Und wie Einzelkinder so sind, weiß man ja, nicht wahr? Das werden bekanntermaßen alles verzogene Persönchen, die sich schlecht anpassen können, weil sie erst spät gelernt haben, mit Altersgenossen klarzukommen. Nun, so bedauerlich es sein mag, dass Kinder ohne die entlastenden und mit erziehenden Brüder und Schwestern aufwachsen: Es ist schlichtweg Quatsch, dass Einzelkinder grundsätzlich mit geringerer sozialer Kompetenz durch die Welt irren – dazu spielen zu viele Faktoren in die Entwicklung hinein. Natürlich gibt es die arrogante Prinzessin, aber nicht nur unter Einzelkindern, sondern eben auch in Mehrgeschwister-Familien. "Das Klischee des verzogenen Einzelkindes", sagt Hartmut Kasten, "gehört ebenso auf den Friedhof der Psychologiegeschichte wie andere pauschale Annahmen über Geschwister oder die Auswirkungen des Geburtsrangplatzes auf die Persönlichkeit." Früher war klar: Der Stammhalter ist die Nummer eins und muss zum Erben ausgebildet werden. Heutige Eltern erziehen und fördern ihre Kinder – wenn es gut läuft – viel individueller und im Hinblick auf die in ihnen schlummernden Talente und Begabungen. Ihnen ist der Geburtsrangplatz, so Hartmut Kasten, schlichtweg schnuppe.

Eine besondere Situation kann in Familien allerdings entstehen, wenn eines der Geschwister prominent wird. Die große öffentliche Aufmerksamkeit, der Erfolg, der Reichtum können eine Geschwisterkonstellation entscheidend verändern. Wenn der kleine Bruder plötzlich ein erfolgreicher Schauspieler ist, den alle umschwärmen, oder die Schwester zur allseits bewunderten Goldmedaillen- Gewinnerin wird, dann kann der Faktor Berühmtheit möglicherweise vieles überlagern, was sonst die Geschwisterkonstellation prägte, und klassische Rollenverteilungen ins Wanken bringen. "Meist erhöht die Popularität des einen die Distanz zwischen Geschwistern", sagt der Psychologe Kasten. "Es sei denn, derjenige, der nicht im Rampenlicht steht, findet für sich eine Welt, in der er sich wohl- und bestätigt fühlt."

Der stern hat für diese Geschichte Prominente und ihre Geschwister nach ihrem Verhältnis zueinander gefragt und wie sich die Bekanntheit des einen auf das Verhältnis beider auswirkt. Für Agnes Friesinger, die jüngere Schwester der ehemaligen Eisschnellläuferin Anni Friesinger, war es beispielsweise nicht immer leicht, im Schatten der großen Schwester zu stehen. Auch Agnes betrieb diesen Sport, konnte aber letztendlich nicht an die Erfolge der Schwester anknüpfen. Dennoch hat die Konkurrenz die starken Bande nicht zerreißen können. Beide haben bis heute ein inniges Verhältnis. So ist es auch bei dem sehr erfolgreichen Schauspieler Florian David Fitz und seiner Schwester Stefanie. Und die schlugen wirkliche Schlachten. "Ich war drei", erzählt Fitz, "als meine Schwester versucht hat, mich umzubringen. Wir saßen allein im Auto, auf einem abschüssigen Parkplatz, und Steffi löste die Handbremse. Sie sprang raus, ich rollte den Abhang runter." Heute sind beide beste Freunde. "Mein Bruder ist für mich der Flori, nicht der Schauspieler Florian David Fitz", sagt Stefanie. "Und ich bin stolz auf ihn."

Der Promifaktor ist kein Problem

Die Schauspielerin Stefanie Stappenbeck ist 13 Jahre älter als ihre Schwester Katalin. "Ich war ziemlich schnell eine Art Zweit-Mami für Katalin", erzählt sie. "Als ich sie mit vier Monaten das erste Mal in den Schlaf wiegen konnte, war das eines der größten Erfolgserlebnisse meines damaligen Lebens." Katalin wuchs wie selbstverständlich mit der Prominenz der großen Schwester auf. "Sie im Fernsehen zu sehen und in der Presse etwas über sie zu lesen ist für mich absolut normal." Auch Johanna-Maria Precht, die ältere Schwester des Bestsellerautors Richard David Precht, macht kein Gewese um den Erfolg ihres Bruders. Eher umgekehrt. Im gemeinsamen Interview spürt man, wie stolz der ein Jahr jüngere Bruder auf die schlagfertige ältere Schwester ist, die in Dänemark sehr zufrieden als Lehrerin arbeitet. "Richard war schon als Kind sehr gesprächig", sagt Johanna und sieht ihren Bruder mit mildem Blick an. "Und das Gute war: Er hat immer gemacht, was ich gesagt habe. Dazu neigt er heute nicht mehr. Ich hätte allerdings nie gedacht, dass er mal Deutschlands erfolgreichster und schönster Philosoph wird, wie es immer heißt. Aber ich gönne es ihm von Herzen." Und Richard David Precht tut nach diesen warmen Worten etwas, das er sonst eher selten macht: Er schweigt – und lächelt.

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