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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Sex ist so banal geworden. Ich finde einfach keinen Mann, mit dem es noch Spaß macht"

Mariann hat Spaß an Sex - doch sie findet einfach nicht die richtigen Männer. Alles sei banal und routiniert geworden, findet sie. Das frustriert sie. Wie kann sie das ändern?

Sex ist langweilig geworden

Ich finde 4einfach nicht die Männer, mit denen es im Bett noch Spaß bringt

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

ich würde mich (Frau 36) als sehr sexuell interessiert und offen beschreiben. Schon als Teenager war mir Sex unglaublich wichtig, ich habe mir in der Hinsicht immer die heißesten Jungs ausgesucht und lag selten daneben. Die lieben Männer für eine Beziehung waren mir viel zu langweilig. Ich habe mittlerweile so ziemlich alles erlebt. Ich hatte mehrere Beziehungen mit Frauen, habe zwei Männer oder ein Paar mit nach Hause genommen, liebe Sex an öffentlichen Orten, wo ich entdeckt werden könnte (nur keine Toiletten). Etwas Gewalt und Unterwerfung ist auch reizvoll, wobei immer ich diejenige bin, die die Peitsche schwingt. Es erregt mich, wenn ein Mann, mit dem ich zusammen bin, mich für Sex bezahlt.
Ich erzähle das nur, damit Sie einen Eindruck davon bekommen, wie ich so unterwegs bin.


Das Problem ist nur, dass ich immer größere Schwierigkeiten habe, Partner zu finden, die ich erregend finde und die mir in dieser Beziehung das Wasser reichen können. Da gibt es die braven Familienväter, die ihre Frau mit einer aufregenden Frau mit mir betrügen wollen und sobald sie aus dem Hotel gehen, anrufen und sagen: "Schatzi, ich musste länger arbeiten". So was turnt mich völlig ab und da frage ich auch vorher deutlich. Dann gibt es die Perversen, die Sado-Maso- Sex wollen und die Frau hinter ihren Fetischen und Ketten gar nicht mehr sehen. Das ist nicht meins. Einige Männer sind mir zu abgestumpft, die könnten genauso gut zu einem Escort- Girl gehen. Ich brauche Spannung und Leidenschaft, und das Gefühl, dass das, was wir tun, in dem Moment absolut persönlich und ernst gemeint ist.


Ich weiß genau, was ich suche. Den Alpha- Mann, etwas kräftiger, sehr bestimmt, aber gleichzeitig immer im Kontakt, sensibel, aber nicht weich, sehr lustvoll mit viel Phantasie.

Mein Problem: Solche Männer sind extrem selten geworden, und die Erfahrungen, die ich heute mache, sind lange nicht so lustvoll und erfüllend wie früher. Ich suche im Internet, da trifft man leider immer wieder auf die gleichen Gestalten. Aber auch in Bars, über den Job, in Nachtclubs - es herrscht Flaute.
Wenn mir jemand gefällt, gehe ich recht schnell mit ihm ins Bett, um auszuprobieren, ob es auf der Ebene auch wirklich passt, denn ich habe keine Lust, meine Zeit mit jemandem zu verschwenden, mit dem es im Bett nicht erfüllend ist.
Das Problem ist eben, dass ich immer länger suchen muss und immer mehr ausprobieren muss bis ich mal zu der Intensität zurückfinde, die ich mit Anfang 20 mühelos fand. Ich denke da zum Beispiel an eine lange Nacht in Paris, als ich einfach ein oder zwei Typen aus einem Club mitgenommen habe und wir dann direkt im Park mit viel Champagner zur Sache gekommen sind. Sowas war früher wirklich einfach, heute erlebe ich es kaum noch.
Es ist alles so banal und abgestumpft geworden, so routiniert. Manche benutzen quasi schon Vordrucke und Textbausteine, um sich zum Sex zu verabreden. Ich suche wirklich besondere, sinnliche Erfahrungen, und das verstehen viele einfach nicht oder sind zu bequem, um ihre Grenzen zu überschreiten.
Ich hoffe, Sie können meinen Frust verstehen. Ich weiß, dass mein Thema vielleicht etwas speziell ist und deshalb bespreche ich das auch nicht mit vielen Freundinnen.

Viele Grüße,

Mariann E.

Liebe Mariann E.,

danke für Ihren offenen und mutigen Bericht. Es wurde deutlich, dass Sie Ihr Leben lang die Chance und den Mut hatten, im Bereich Sexualität vieles auszuprobieren. Jetzt wissen Sie genau, was Ihnen gefällt und was nicht, aber es ist schwer, einen passenden Spielgefährten zu finden.
Mir wurde deutlich, dass Sie es nicht auf eine feste Beziehung anlegen- sondern nach wechselnden, vom Sex bestimmten Erfahrungen suchen. Haben Sie sich schon intensiv damit auseinander gesetzt, warum Sie eher wechselhafte, bindungslose Erfahrungen suchen und eine feste Beziehung ausschließen? Aufgrund Ihrer Schilderung werde ich Ihnen keine Möglichkeiten aufzeigen, wie Sie einen bestimmten dauerhaften Partner finden, sondern mit Ihnen darüber nachdenken, warum die Intensität Ihrer Erfahrungen nachgelassen hat und wie Sie damit umgehen könnten.

Vieles spricht dafür, dass die Zeiten sich verändert haben. Mittlerweile klagen viele Menschen darüber, dass die Liebe (unter anderem durch das Internet, das Handy und die Schnelllebigkeit unserer Zeit) deutlich an Romantik und Intensität eingebüßt hat. Vielleicht lesen Sie mal Eva Illouz: Warum Liebe weh tut, oder Sven Hillenkamp: "Das Ende der Liebe. Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit"? Die Autoren zeigen auf, wie stark die Liebe unter der Moderne leidet. Der Eindruck vieler Menschen ist: Alles ist beliebig, jeder ist austauschbar. Viele erwachsene Menschen, und vor allem solche, die nach immer neuen und aufregenden sexuellen Erfahrungen suchen, haben eigentlich schon mehrmals erlebt. Nichts ist noch verboten, auch das vermindert den Reiz. Alles, was man jetzt noch erlebt, scheint wie ein Abklatsch oder eine Wiederholung von früheren Geschichten. Und je mehr Partner man hatte, desto stärker wird die Ermüdung. Gerade Sie und Ihre Partner haben keine langen Beziehungen, sondern ständig wechselnde Partner. Da ermüdet man schneller. Als Sie jünger waren, haben Sie viele Erfahrungen zum ersten Mal machen können. Sie haben eigene Grenzen getestet und überwunden, sozusagen die eigenen Ketten gesprengt. Das ist ja auch immer mit einem Rausch- und Glücksgefühl verbunden.
Jetzt haben Sie das alles hinter sich und können die Dinge nur nacherleben, wissen aber schon in ungefähr, wie Sie ausgehen werden. Es kann nicht unendlich viele, immer intensivere Erfahrungen geben. Das menschliche Repertoire ist auf dem Gebiet der Sexualität einfach auch begrenzt. Und auch Ihre Partner sind mittlerweile älter geworden, durch schlechte Erfahrungen verbrannt und zudem routiniert. So hat vielleicht jeder seine festen Vorstellungen, quasi seine eigenen Spielregeln, und versucht, das immer wieder zu wiederholen.

Was können Sie tun, um die Dinge wieder neu und frischer zu erleben? Um wieder mehr zu spüren?
Wenn man von einer bestimmten Speise zu viel gegessen hat (und das können selbst so köstliche Dinge wie Erdbeeren sein), liegen sie einem schwer im Magen und man verliert die Lust darauf. Es wäre sinnvoll, erst mal eine Pause einzulegen und so lange keine Erdbeeren mehr zu essen, bis man wieder richtig Lust darauf bekommt. Haben Sie schon einmal probiert, über eine längere Zeit eine Pause vom Sex einzulegen und so lange zu warten, bis Sie wieder richtig Lust auf jemanden bekommen? Es sieht so aus, als wenn Ihr Verlangen nach Sexualität Parallelen zu einer Sucht hat. Auch bei einer Sucht muss man immer mehr, immer öfter und immer größere Mengen des Rauschmittels konsumieren, um die gleiche Wirkung zu erleben wie am Anfang.

Wenn wir wieder zu der Erdbeere zurückgehen: Es wäre eine Möglichkeit, eine einzelne Erdbeere aufmerksam und mit allen Sinnen zu essen, sie also wirklich zu genießen, anstatt sie pfundweise zu konsumieren. Wie wäre es, wenn Sie Ihre eigene Erlebnisfähigkeit steigern, indem Sie ein Achtsamkeitstraining machen? Dabei würden Sie die Wahrnehmung auf den Körper richten und versuchen, die Empfindungen im Hier und Jetzt unter die Lupe zu nehmen. Achtsamkeitstrainings oder regelmäßige Meditation schulen den Zugang zu sich selbst und den eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Und sie helfen, mehr aus einem Moment heraus zu holen.
Mir ist aufgefallen, dass die Art, wie Sie über Sexualität berichten, etwas Plakatives oder Triumphierendes hat. Es wird deutlich, dass Sie sich in der Rolle der verwegenen, offenen Frau gefallen, die alles ausprobiert hat. Nun wissen wir aber alle, dass die Erfahrungen, die man macht, um sich selbst oder andere zu beeindrucken, nicht unbedingt das größte Glück bringen. Im Gegenteil!
Oft kann man in einem unspektakulären Moment (z.B. die kleine Pause in der ersten Frühlingssonne auf der Parkbank) viel glücklicher sein als in den Augenblicken, in denen man an einem vermeintlich tollen Ort ist (z.B. im Gedrängel einer angesagten Bar) und ein Selfie macht, um diesen Moment mit einem Publikum zu teilen. Es wäre bestimmt hilfreich, wenn Sie in Zukunft mehr nach innen schauen und die Qualität Ihrer eigenen Erfahrungen besser beachten.

Möglicherweise helfen Ihnen dabei auch spezielle Anregungen, um Ihre sexuelle Empfindsamkeit besser kennen zu lernen und zu steigern. Haben Sie schon einmal einen Tantrakurs, erotische Massagen oder eine Sexualtherapie ausprobiert?

Vielleicht können Sie Sex in Ihrem Leben auch einmal in den Kontext setzen und sich fragen: Welche Rolle spielt Sex in meinem Leben? Ersetzt es intensive Kontakte zu anderen Menschen, ist es die einzige Art, jemandem wirklich nah zu kommen? Gibt es außer der Sexualität noch andere Bereiche, in denen Sie sich und Ihren Körper spüren? Massagen, Sport, Yoga oder Entspannung?


Ist es die bewährte Form, um sich Aufregung, Anerkennung und Abwechslung zu verschaffen? Oder gibt es auch andere Bereiche in Ihrem Leben, die Ihnen wirklich Befriedigung verschaffen, wie zum Beispiel Tanzen, ein Instrument spielen, reisen oder sich mit bestimmten Menschen treffen? Wenn nicht: Welche Erfahrungen könnten Ihnen in Zukunft Freude und Erfüllung bringen und sozusagen die suchtartige Beschäftigung mit Sexualität ersetzen? Hier ist auch ein Ansatz, um der Sexualität weniger Gewicht zu geben.

Ich wünsche Ihnen viel Geduld und Selbstliebe dabei, sich selbst und Ihre eigenen Bedürfnisse zu entdecken.

Herzliche Grüße, Julia Peirano

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