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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Meine Eltern tratschen und trinken – und entwickeln sich überhaupt nicht weiter

Die eigenen Eltern können sich mit dem Erwachsenwerden entfernen (Symbolbild)
Die eigenen Eltern können sich mit dem Erwachsenwerden entfernen (Symbolbild)

© laflor / Getty Images
Nach langer Arbeit an sich selbst ist es Tom gelungen, sich erheblich weiterzuentwickeln. Doch die Entfernung zu seinen Eltern ist dadurch nur gewachsen. Kann er sie zu einer ähnlichen Entwicklung bewegen?

Liebe Frau Peirano,

ich (m, 32) habe mich in den letzten Jahren ziemlich weiter entwickelt. Angestoßen durch eine Coaching-Ausbildung habe ich ein eigenes berufliches und privates Coaching und dann auch eine längere Therapie gemacht. Ich habe viele belastende Ereignisse mit meinen Eltern aus der Vergangenheit aufgearbeitet.

Doch je mehr ich mich selbst entwickelt habe, desto weniger Gemeinsamkeiten hatte ich mit meinen Eltern. Ich konnte mich an dem üblichen Tratsch und den Treffen mit Freunden meiner Eltern und der Großfamilie nicht mehr beteiligen. Das kam mir alles so oberflächlich vor. Und durch Alkohol wird dann alles übertüncht - ich finde das schrecklich.

Ich habe dann auf Anraten meines Therapeuten meine Eltern mal mit zur Therapie gebracht (ich finde ja toll, dass er das vorgeschlagen hat) und wir haben über die Kommunikation in unserer Familie gesprochen. Es wird nicht über Gefühle geredet, vieles wird einfach verschwiegen, und man redet hinter dem Rücken des anderen über das, was einen stört. Deshalb ist unsere Familie auch ziemlich zerstritten, aber an der Oberfläche wird dann auf heile Familie gemacht.

Es gab in meiner Kindheit auch Schläge und Schweigen als Bestrafung. Ich hatte Angst vor meinen Eltern (insbesondere meinem Vater), aber meine Mutter hat halt auch zu ihm gehalten und mich nicht beschützt.

In der Therapiesitzung bei meinem Therapeut haben wir das angesprochen und es kam die Idee auf, dass wir als Familie mit meinem Bruder eine Familientherapie machen oder zumindest meine Eltern und ich weitere Gespräche und eine Art Mediation machen, damit wir uns besser verstehen und eine gemeinsame Basis finden. Meine Freundin erwartet ihr erstes Kind, und es wäre für mich auch wichtig, dass in der Familie einiges aufgeräumt wird, damit mein Kind die alten Lasten nicht abbekommt.

Meine Eltern haben vor dem Therapeuten (der sehr gut ist!) etwas aufgemacht und mein Vater hat sogar selbst Gefühle gezeigt und von den Erlebnissen mit seinen Eltern erzählt. Er hat selbst Schläge bekommen und seine Eltern waren sehr streng und kalt mit ihm. Ich hatte das Gefühl, dass es meinem Vater gut tat, mal über sich zu sprechen und sich zu öffnen, weil meine Eltern miteinander eher nur über Alltägliches reden. Das war das erste Mal, dass er über sich gesprochen hat!

Aber je mehr Zeit verstrich nach der Sitzung, desto mehr fiel alles in alte Muster. Meine Eltern mauern und machen nur Smalltalk, und ich beiße auf Granit, wenn ich sie frage, ob sie sich nicht auch mit ihrer Kindheit und ihren Themen auseinander setzen wollen. Ich muss dazu sagen, dass die Ehe meiner Eltern auch krass ist. Mein Vater macht meine Mutter oft runter, guckt anderen Frauen hinterher, und meine Mutter nörgelt und meckert sehr oft.

Gibt es noch Möglichkeiten, wie ich die beiden dazu ermutigen kann, sich mal mit sich zu beschäftigen oder wird es ewig so weitergehen? Ich versuche im Moment, die Besuche bei meinen Eltern möglichst kurz zu halten.

Viele Grüße

Tom G.

Lieber Tom G.,

ich kann gut verstehen, dass es für Sie schwierig ist, mit Ihren Eltern umzugehen. Sie haben sich offensichtlich persönlich weiter entwickelt und sich auch mit schwierigen Themen in Ihrer Geschichte und der Gegenwart auseinander gesetzt. Wahrscheinlich haben Sie dabei auch einiges über Gefühle, wertschätzende und zugleich klare Kommunikation und den Umgang mit Konflikten gelernt.

Und genau dieses Wissen macht es Ihnen nun so schwer, beim Kontakt mit Ihren Eltern zu sehen, dass alles ist wie eh und je: Ihre Eltern streiten sich miteinander, reden schlecht über andere. Und wenn man sich trifft, wird Smalltalk gemacht und Alkohol sorgt für gute Stimmung. Vielleicht fühlt sich das für Sie so an wie Rückschritte in der Entwicklung zu machen, die Sie sich geschaffen haben. Sie finden jetzt keine Basis mehr mit Ihren Eltern, und es ist auf der Ebene, auf der die Begegnungen stattfinden, nicht möglich, dass Sie Ihre Gefühle zeigen, reflektieren oder seelische Tiefe zulassen.

Nun ist es aber so, dass jeder Mensch seinen eigenen Umgang mit Problemen und Gefühlen hat. In der Generation Ihrer Eltern war es noch weit verbreitet, nicht über Gefühle zu sprechen, und in dem Umfeld, in dem Ihre Eltern leben, macht es wahrscheinlich auch Sinn, das beizubehalten. 

Dr. Julia Peirano: Der geheime Code der Liebe

Ich arbeite als Verhaltenstherapeutin und Liebescoach in freier Praxis in Hamburg-Blankenese und St. Pauli. In meiner Promotion habe ich zum Zusammenhang zwischen der Beziehungspersönlichkeit und dem Glück in der Liebe geforscht und anschließend zwei Bücher über die Liebe geschrieben.

Informationen zu meiner therapeutischen Arbeit finden Sie unter www.julia-peirano.info.

Haben Sie Fragen, Probleme oder Liebeskummer? Schreiben Sie mir bitte (maximal eine DIN-A4-Seite). Ich weise darauf hin, dass Anfragen samt Antwort anonymisiert auf stern.de veröffentlicht werden können.

Wenn Ihre Eltern anfangen würden, sich auf den Weg zu machen, um ihre Kindheit aufzuarbeiten oder sich mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen auseinanderzusetzen, wäre womöglich schnell kein Stein mehr auf dem anderen. Ich kann mir vorstellen, dass Ihre Eltern davor große Angst haben!

Ich erinnere mich an einen einprägsamen schrecklichen Moment in meinem Leben. Vor vielen Jahren kam mein Mann kreidebleich aus dem (Wohn!) Keller und sagte zu mir: "Guck dir das mal an! Der ganze Keller ist feucht. Ich habe eben hinter den Schrank geschaut und der Putz kam mir schon entgegen." Ich hatte in dem Moment nur einen Impuls: mich zu verkriechen (oder besser noch: auszuwandern) und mich einfach nicht um das zu kümmern, was da auf mich zukommen würde.

Es hat mich unglaubliche Überwindung gekostet, mir den Schaden anzusehen, und dann wurde mir erst einmal schlecht. Die Monate danach waren entsetzlich. Ständig kamen neue Hiobsbotschaften auf uns zu (es gibt keine Abdichtung, das ganze Fundament ist nass, es muss einmal ums Haus aufgegraben werden). Nach einem halben Jahr kam die unglaublich hohe Rechnung, unser Garten war zerstört - aber der Keller war wieder heil. Wir waren erst einmal völlig erschöpft. Ich habe mich damals nur mit dem Schaden konfrontiert, weil ich es musste. Das Haus wäre sonst schwer beschädigt worden. Aber wenn ich es gekonnt hätte, hätte ich mich damit nicht beschäftigt.

Sie ahnen, worauf ich hinaus möchte? Mit psychischen Problemen und Therapien ist es ähnlich. Viele Menschen haben große Angst davor, den ersten Stein in Ihrer Seele umzudrehen und quasi in den eigenen Keller abzusteigen und sich die Schäden und seelischen Verletzungen anzuschauen. Man weiß nicht, was daraus hervor geht. Menschen in der Generation Ihrer Eltern haben oft nicht gelernt, dass man durch Reden, Trauerarbeit und Reflexion seelische Wunden heilen kann. Früher war die Psychotherapie noch nicht so weit - und außerdem war es früher verpönt, eine Therapie zu machen. So denken sich viele Menschen: Vielleicht sollte ich die alten Verletzungen einfach auf sich beruhen lassen. Ich kann doch einfach die bewährten Methoden wie ständige Beschäftigung/Arbeit, Ablenkung, Medienkonsum, Shopping und Alkohol einsetzen?

Ihre Eltern jedenfalls scheinen das für sich so entschieden zu haben. Sie bleiben lieber auf dem bekannten Weg, anstatt sich ins Dickicht der Gefühle zu schlagen und sich da womöglich nicht zurecht zu finden. Sie wissen nicht, worauf sie sich einlassen würden und haben Angst vor dem Schmerz und den Tränen, die in einer Psychotherapie oft zugelassen werden.

Ein wichtiger Satz, den ich in meiner Therapieausbildung gelernt habe, war: Man kann nicht den Hund zum Jagen tragen.

Menschen haben auch oft ein Gespür dafür, was Sie sich wann psychisch zumuten können. Eine Therapie macht einen auch empfindsamer und sensibler, weil man achtsamer mit sich umgeht und auch mehr wahrnimmt. Und da ist eben nicht nur angenehm, sondern kann auch belastend sein. Insofern finde ich, dass jeder für sich entscheiden muss, ob er oder sie sich den Dämonen aus der Vergangenheit, den eigenen Unsicherheiten und Fehlern stellen will.

Ich kann mir vorstellen, dass es Ihnen schwer fällt, die Kluft zwischen sich und Ihren Eltern zu bemerken und sich zu fragen, in was für eine Großfamilie Ihr Kind kommt. Haben Sie die Befürchtung, dass Ihre Eltern Ihr Kind negativ prägen könnten? Es könnte aber auch ganz anders sein. Oft entspannt und versöhnt sich einiges, wenn die Eltern in die Großelternrolle kommen. Vielleicht können Ihre Eltern sich auf ihre eigene Art und Weise liebevoll um das Enkelkind kümmern. Möglicherweise sind sie praktisch veranlagt und bauen dem Kind Spielzeug oder backen?

Geben Sie Ihren Eltern doch die Chance, sich hier auszuprobieren. Es kann sein, dass Sie dadurch auch späte Wertschätzung über Ihr Kind erleben. Vielleicht können Sie sich bewusst in Akzeptanz üben und Ihre Eltern so nehmen, wie sie nun mal sind. Und natürlich können Sie bewusst Grenzen setzen (wie viel Zeit verbringe ich mit ihnen, was klappt gut an unserem Kontakt - was meide ich lieber?). Einige PatientInnen von mir tarieren in der Therapie immer wieder aus, wie viele Stunden oder Tage sie mit ihren Eltern verbringen und wie sie diese Zeit gestalten - und ändern manchmal auch die Rahmenbedingungen, so dass es angenehmer wird.

Manchmal ist Akzeptanz ein ganz wichtiger Schlüssel, um nicht innerlich aufzubegehren gegen Dinge, die man gerne anders hätte.

Herzliche Grüße

Julia Peirano

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