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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich mag mich und mein Leben nicht – und bin so neidisch auf eine Instagram-Schönheit

Zu viel Konsum von sozialen Netzwerken macht viele Menschen unzufriedener (Symbolbild)
Zu viel Konsum von sozialen Netzwerken macht viele Menschen unzufriedener (Symbolbild)
© Ivan-balvan / Getty Images
Lynn ist nicht so richtig zufrieden mit sich und ihrem Leben. Gleichzeitig verbringt sie immer mehr Zeit damit, das tolle Leben einer Instagrammerin zu verfolgen. Und wird noch unzufriedener. Wie kommt sie aus diesem Kreislauf heraus?

Liebe Frau Dr. Peirano,

ich bin völlig verzweifelt. Ich bin 24, Arzthelferin und mit meinem Gewicht nicht zufrieden. Insbesondere Po und Hüften finde ich zu breit und mein Gesicht auch zu groß und teigig.

Vor drei Monaten war ich mit Freundinnen feiern und habe eine Frau (Nadia) gesehen, die einfach alles hat. Sie ist schlank, hat eine richtig gute Figur, schönes Gesicht, tolles Styling. Und jeder im Club beachtete sie.

Wir sind ins Gespräch gekommen und haben Nummern ausgetauscht, weil eine Freundin von mir sie von früher kannte. Ich habe sie dann auf Instagram gefunden und am Anfang war es nur Neugier und Interesse. Aber mittlerweile verbringe ich jeden Tag zusammengerechnet Stunden vor ihrem Profil und denke mir, dass sie ein so tolles Leben hat. Ich weiß, es ist idiotisch.

Sie reist viel, ist ständig in coolen Städten oder am Strand. Immer ist sie mit Freunden unterwegs, alle sehen gut aus und haben Spaß. Sie scheint auch noch viel Geld zu haben, sonst könnte sie ja nicht so leben und sich so stylen. Ihre Wohnung ist richtig schön, mitten in München.

Und ich sitze in der Arztpraxis, mein Chef lässt uns dauernd Überstunden machen, es ist wegen Corona super kalt in der Praxis und zwei Kolleginnen sind voll zickig. Und ich verdiene sehr schlecht. Ich mag mich nicht leiden, und ganz oft denke ich: Wieso hat die alles, während ich fast nichts habe? Manchmal unternehme ich an Wochenenden nichts mit Freunden, weil viele auch weggezogen sind und andere Freundinnen schon einen Partner haben und nur noch mit dem Zeit verbringen.

Das zieht mich so runter, dass ich gar nicht weiß, was ich machen soll. Ich habe schon überlegt, ob ich mit ihr Kontakt aufnehmen soll, um sie näher kennen zu lernen. Aber irgendwie habe ich auch Angst, dass ich ihr unterlegen bin. Das würde mich noch fertiger machen.

Viele Grüße

Lynn G.

Liebe Lynn,

es hört sich so an, als wenn Sie mit Ihrem Leben gerade überhaupt nicht zufrieden sind. Viel Arbeit für wenig Geld, in einem Umfeld, in dem es nicht so freundlich und wertschätzend zugeht, wie Sie sich das wünschen. Dazu kommt die Unzufriedenheit mit Ihren eigenen Aussehen und Ihrem Freundeskreis. Das klingt auch gerade sehr anstrengend und grau, und ich kann mir vorstellen, dass Sie gerade keine Perspektive sehen.

Und dann sticht Ihnen eine Frau ins Auge, die scheinbar alles hat: gutes Aussehen, Freunde, Geld, Abwechslung, Reisen… Sie scheint durchs Leben zu schweben, und alles scheint ihr leicht zu fallen und mühelos zu gelingen. Ich kann verstehen, dass es einem da schwer fällt, nicht neidisch zu werden.

Dr. Julia Peirano: Der geheime Code der Liebe

Ich arbeite als Verhaltenstherapeutin und Liebescoach in freier Praxis in Hamburg-Blankenese und St. Pauli. In meiner Promotion habe ich zum Zusammenhang zwischen der Beziehungspersönlichkeit und dem Glück in der Liebe geforscht und anschließend zwei Bücher über die Liebe geschrieben.

Informationen zu meiner therapeutischen Arbeit finden Sie unter www.julia-peirano.info.

Haben Sie Fragen, Probleme oder Liebeskummer? Schreiben Sie mir bitte (maximal eine DIN-A4-Seite). Ich weise darauf hin, dass Anfragen samt Antwort anonymisiert auf stern.de veröffentlicht werden können.

Gerade die sozialen Netzwerke sind für viele Menschen eine Quelle für quälende Gefühle wie Neid, Minderwertigkeitsgefühle oder die Angst, etwas zu verpassen (Fear of Missing out = FOMO). Kein Wunder, denn z.B. auf Facebook oder Instagram sieht man ja nur die perfekt inszenierte Fassade der Menschen, und einige geben sich wirklich viel Mühe, so zu wirken, als sei alles perfekt und glamourös. 

Bei einigen, die besonders viel Wert auf die Zustimmung und Bewunderung der anderen legen, besteht sicher auch eine Portion Narzissmus. Man braucht Applaus und Beifall, um sich zu spüren und um sich bedeutungsvoll zu fühlen.

Das Buch: "Weiblicher Narzissmus. Der Hunger nach Anerkennung" von Bärbel Wardetzki kann Ihnen helfen, hier etwas tiefer zu blicken.

Ich sage das nur, weil Sie ja nicht wissen, wie Nadia wirklich lebt. Es kann sein, dass sie wirklich so glücklich ist, wie sie sich darstellt. Es kann aber genau so gut sein, dass sie auch vielen Zwängen unterworfen ist: die Schönste sein, schlank sein, zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein zu müssen, vielleicht nicht genug "Likes" oder "Follower" zu bekommen. Es kann sehr stressig sein, solchen selbst gemachten Zwängen unterworfen zu sein. Glücksgefühle entstehen in der Regel, wenn man etwas wirklich Bedeutungsvolles tut, wenn man einen guten Kontakt zu sich selbst hat oder anderen Menschen hilft und sie unterstützt.

Auf jeden Fall hat Ihre Beschäftigung mit Nadia für Sie auch zwei große Vorteile. Erstens beschäftigen Sie sich sehr intensiv mit sich selbst, indem Sie sich vergleichen. Dadurch kommt Ihre Unzufriedenheit ans Licht, und das halte ich erst einmal für einen guten (wenn auch schmerzhaften) Schritt.

Und zweitens empfinden Sie durch die Beschäftigung mit Nadia starken Neid. Auch das sehen wir PsychologInnen als willkommenes Gefühl an. Denn Neid zeigt uns, wie wir selbst gerne wären und weist uns somit die Richtung, in die wir uns verändern können.

Wenn ich neidisch bin auf eine Freundin, die so toll singt, könnte ich mich ja auch um meine eigene Musikalität kümmern. Und ich könnte auch ehrlich zu mir sein: Die Freundin hat bestimmt viel dafür getan, so schön zu singen. Mal Hand aufs Herz: Möchte ich die Zeit auch investieren Oder wünsche ich mir, dass die schöne Stimme mir einfach nur zufällt? Bei letzterem könnte man mal an seiner Disziplin arbeiten…

Vielleicht bin ich aber nicht auf den schönen Gesang neidisch, sondern darauf, dass die Freundin so einen unterstützenden Freundeskreis hat. Diese Erkenntnis ist schon der erste Schritt zur Veränderung!

Neid ist ein Gefühl, das viele sich nicht eingestehen. Aber im Gegensatz zu Missgunst ist es ein anspornendes und deshalb positives Gefühl. Neid heißt: Jemand hat etwas, was ich auch gerne hätte (aber trotzdem gönne meiner Freundin ihre schöne Stimme oder ihre Freunde). 

Wenn jemand hingegen Missgunst empfinden und jemandem etwas Gutes nicht gönnen kann, dann liegt schon eine Art Verbitterung oder Feindseligkeit bei mir vor, die einen verschließt und meine Beziehungen vergiftet. Wer möchte schon mit jemandem befreundet sein, der einem positive Dinge nicht gönnen kann?

Ich würde Ihnen raten, sich jedes Mal, wenn Sie sich mit Nadia beschäftigen, den Satz zu sagen: Es geht nicht um sie. Es geht um mich

Den ersten Schritt zur Erkenntnis, was mit Ihrem Leben gerade im Ungleichgewicht ist, hat die Beschäftigung mit Nadia schon erfüllt. Deshalb rate ich Ihnen, sich bei Instagram abzumelden oder ihr Profil zu blockieren. Schreiben Sie am besten Tagebuch und überlegen Sie jeden Tag fünfmal, was Ihnen in dem Moment gerade gut tun würde. Schreiben Sie auch jeden Tag fünf positive Dinge auf, die Sie in Ihrem Leben bereits haben. Das hilft sehr gegen das Vergleichen.

Vielleicht würde auch ein Mediationskurs Ihnen helfen, besseren Kontakt zu sich aufzubauen. Sie können zum Beispiel über die App "7 Mind" erste Mediationen hören oder online Kurse besuchen, deren Kosten sogar von den Krankenkassen übernommen werden.

Stellen Sie sich doch mal folgendes Szenario vor: Sie treffen Nadia in ein paar Jahren wieder, und Sie sind so zufrieden mit sich, dass Nadias gute Figur, Ihre Freunde und Ihre Reisen Sie kein bisschen aus der Balance bringen. Nur Sie haben für sich Ihre ureigne Art gefunden, glücklich zu sein. Egal, wie diese Art auf Instagram aussieht.

Herzliche Grüße

Julia Peirano

Dieser Artikel enthält sogenannte Affiliate-Links. Mehr Informationen dazu gibt es hier.

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