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Julia Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich bin verheiratet - aber schwärme für einen anderen Mann

Sylvia kann diesen anderen Mann nicht vergessen. Wäre sie mit ihm glücklicher?  (Symbolbild)
Sylvia kann diesen anderen Mann nicht vergessen. Wäre sie mit ihm glücklicher?
(Symbolbild)
© andrej_k/Getty Images
Sylvia bekommt ihn einfach nicht aus dem Kopf - ihren Schwarm aus Jugendzeiten. Auch wenn sie inzwischen verheiratet und Mutter ist, kreisen ihre Gedanken immer wieder um diesen einen Mann. Dabei hat sie nie versucht, ihn wirklich kennenzulernen. Julia Peirano fragt nach dem Warum.

Sehr geehrte Frau Peirano,
ich kenne einen Mann, Mitte 30 wie ich, für den ich seit Kindheit an schwärme. Wir sind in der gleichen Stadt groß geworden, besuchten jedoch unterschiedliche Schulen und hatten nur sehr flüchtigen Kontakt. Trotzdem glaubte ich immer, Hals über Kopf in ihn verliebt zu sein. Aufgrund meiner Schüchternheit habe ich ihn das leider nie wissen lassen. 

Selbst als ich mit um die 20 eine langjährige Beziehung führte, ging er mir nicht aus dem Kopf und ich googelte ständig seinen Namen und schaute nach Fotos, wie er inzwischen aussieht, was er so macht usw.

Als diese Beziehung dann zerbrach, nahm ich all meinen Mut zusammen und rief ihn an. Wir trafen uns mal auf ein Eis, aber ich war immer so schüchtern und nervös, dass ich mich eher "dämlich" verhalten habe. Beruflich hatte mein Schwarm bereits eine Weile die Stadt verlassen, so dass man sich viel seltener über den Weg lief.

Irgendwann kehrte er zurück, da befand ich mich aber bereits in einer neuen Beziehung (mit meinem heutigen Ehemann). Wir liefen uns wieder öfter über den Weg, mein Herz raste jedes Mal vor Glück, wenn ich ihn sah. Inzwischen bin ich einige Jahre mit meinem Mann verheiratet, wir haben zwei kleine Kinder. Und trotzdem geht mir mein Schwarm nicht aus dem Kopf! Ich glaube, er ist seit Ewigkeiten Single und er hat mal einer Freundin erzählt, dass ich eigentlich auch eine gute Partie gewesen wäre ... Als ich davon Wind bekam, ärgerte ich mich natürlich über meine frühere Schüchternheit! Vielleicht hätte es was mit uns werden können! Ich begegne ihm heute immer noch mehr oder weniger regelmäßig und meine Schwärmerei für ihn ist ununterbrochen.Mit meiner Ehe bin ich mehr oder weniger zufrieden. Einerseits liebe ich meinen Mann, aber mir fehlt auch einiges. Er ist eher ruhig, hat keinen großartigen Freundeskreis und pflegt Kontakte auch nicht so gut. Er ist leider überhaupt nicht unternehmungslustig und langweilt mich oft sehr.

Oft male ich mir mein Leben schöner aus, wenn ich mit meinem Schwarm zusammen wäre. 
Vielleicht geht es mir so wie Prinz Charles aus England, der jahrelang unglücklich mit Diana zusammen war und erst nach ihrem Tod wieder aufblühte, als er mit seiner heimlichen Liebe Camilla zusammen kam ...
Ich weiß einfach nicht so recht weiter ... 
Vielleicht können Sie mir einen Rat geben oder mir mal "den Kopf waschen" :-)

Herzliche Grüße 
Sylvia

 

Liebe Sylvia,

als ich Ihre Geschichte gelesen habe, ging mir eine Frage nicht aus dem Kopf: Warum haben Sie nie näheren Kontakt zu Ihrem Schwarm bekommen, obwohl Sie sich ständig über den Weg laufen? Es ist ja leicht, aus der Ferne für jemanden zu schwärmen, der vielleicht besonders attraktiv oder charmant ist. Aber Sie kennen ihn ja nicht wirklich, und die erste Begegnung vor vielen Jahren beim Eis-Essen ist ja auch im Sande verlaufen. Eigentlich, und ich schreibe absichtlich eigentlich, wäre es ja jetzt naheliegend, Ihren Schwarm etwas näher kennenzulernen, um zu sehen, ob Sie sich wirklich verstehen, ob Sie gemeinsame Interessen haben usw. Denn wer weiß, ob das nicht nur eine Phantasie ist?

Jedoch wäre es ein Spiel mit dem Feuer, wenn Sie es jetzt darauf anlegen, Ihren Schwarm zu treffen. Denn was wäre, wenn er wirklich so wunderbar ist, wie Sie vermuten? Und wenn er darüber hinaus Ihre Gefühle auch noch erwidert? Haben Sie das im Kopf schon einmal durchgespielt - und zwar bis zum Ende?

Ich habe in meiner Praxis und im Bekanntenkreis häufig miterlebt, wie zermürbend es ist, sich aus einer festen Beziehung heraus in einen anderen zu verlieben. Haben Sie das auch schon einmal miterlebt? Die Sehnsüchte, die heimlichen Treffen, die Schuldgefühle dem Partner gegenüber? Können Sie sich vorstellen, wie Sie sich fühlen, wenn Sie nach einem aufregenden Treffen mit Ihrem Schwarm glücklich nach Hause kommen, zu Ihrem Mann? Ich stelle mir das schwierig vor.

Und wie wäre es, wenn Ihre Beziehung entdeckt wird: In einer Kleinstadt ist das ja naheliegend. Das Vertrauen zwischen Ihnen und Ihrem Mann wäre zerstört und möglicherweise würde er Sie verlassen. Können Sie sich zu diesem Zeitpunkt eine Trennung vorstellen – und ist es finanziell, moralisch und organisatorisch überhaupt möglich?

Und noch etwas: In der Regel ist die Entscheidung für einen anderen Menschen nicht einfach, wenn man zwischen festem Partner und Geliebten steht. Der eine ist zwar langweilig, aber verlässlich. Der andere Mann ist spannend, aber bringt in der Regel andere Schwierigkeiten mit, die Ihr Mann vielleicht nicht hat. In der Regel führt das dazu, dass man sich lange selbst quält, um zu einer Entscheidung zu kommen. Viele können sich gar nicht entscheiden und stehen irgendwann ohne einen Partner da. Nicht selten habe ich erlebt, dass jemand nach einer Affäre unter starken Schuldgefühlen gelitten hat und sich immer wieder gefragt hat: Welcher Teufel hat mich denn geritten, meine Familie zu zerstören?

Um es auf den Punkt zu bringen: Wenn Sie sich mit Ihrem Schwarm treffen und Sie beide Gefühle füreinander haben, bringt es eine Menge Risiken für Sie, Ihren Mann und die Kinder mit sich.

Nach dieser deutlichen Kopfwäsche rate ich Ihnen deshalb, einen Schritt nach dem anderen zu machen. Versuchen Sie doch erst einmal, in Ihrer Ehe für mehr Zufriedenheit zu sorgen. Sprechen Sie mit Ihrem Mann darüber, wie sehr Sie Abwechslung brauchen und fragen Sie ihn, wie Sie das umsetzen können. Dabei wäre es gut, wenn Sie Ihrem Mann keine Vorwürfe machen oder ihm durch die Blume sagen, wie langweilig sie ihn finden. Sprechen Sie lieber über Ihre Bedürfnisse und benennen Sie konkret, was Sie gerne machen würden. Viele Paare treiben zusammen Sport (joggen, klettern, tanzen), bauen ein Wohnmobil aus und machen Touren ins Blaue oder gehen bewusst abends zusammen aus. Auch wenn es schwierig ist, eine Kinderbetreuung zu organisieren, lohnt es sich, etwas zu zweit zu unternehmen.

Die Phase mit Kleinkindern ist in vielen Familien etwas eintönig und anstrengend. Die Bedürfnisse von kleinen Kindern lassen oft keinen Raum für ein Gespräch, für Entspannung und für Zärtlichkeiten. Tauschen Sie sich doch mit anderen Frauen aus, die in einer ähnlichen Situation sind. Manchmal ist es gut, zu merken, dass man nicht alleine mit seinen Problemen ist. Und Kinder werden von alleine größer, und dann haben Sie automatisch mehr Raum und Zeit.

Abgesehen davon empfehle ich Ihnen, dafür zu sorgen, dass Ihr eigenes Leben spannender und bunter wird. Dazu brauchen Sie keinen anderen Mann! Lernen Sie vielleicht ein Instrument oder reiten, treffen Sie sich mit interessanten Menschen oder lesen Sie Bücher, die Sie interessieren. Vielleicht bietet Ihr Beruf Ihnen die Chance auf eine Herausforderung. Machen Sie ab und zu eine Kurzreise mit einer Freundin und unternehmen Sie auch mit Ihren Kindern abwechslungsreiche Dinge (z.B. einen gemeinsamen Sport, Umgang mit Tieren, Ferien auf dem Bauernhof, bauen Sie Gemüse an).

Und noch etwas: Machen Sie sich bewusst, was Sie an Ihrem Mann haben. Vielleicht ist gerade ein häuslicher Mann, der nicht so viel Abwechslung braucht, ein guter und verlässlicher Partner. Abenteurer haben es oft nicht so mit dem Windelwechseln …

Dieser Ansatz könnte Ihnen sicher erst einmal helfen. Manchmal ist es gut, nicht für die Ewigkeit zu planen, sondern für die nächste Zeit. Und da könnten Sie sich im Moment bewusst sagen: Bis auf Weiteres bleibe ich bei meinem Mann.

Herzliche Grüße

Julia Peirano


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