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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich habe ohne Grund oft Angst und vermute als Ursache die Kriegserlebnisse meiner Eltern

Sorgen haben ihren Ursprung nicht immer im eigenen Leben (Symbolbild)
Sorgen haben ihren Ursprung nicht immer im eigenen Leben (Symbolbild)
© Tom Merton / Getty Images
Eigentlich hat sich Ulrich einen stabiles, sicheres Leben aufgebaut. Trotzdem wird er immer wieder von Verlustängsten geplagt. Kann es in den Erfahrungen seiner Eltern begründet sein?

Liebe Frau Peirano,

ich, 53 Jahre alt und Sozialarbeiter, kämpfe seit meiner Kindheit mit Ängsten, Zwängen und Sorgen. Ich habe das Gefühl, dass diese Sorgen total unbegründet sind, denn es gelingt mir eigentlich alles. Ich habe einen sicheren Job bei der Stadt, eine feste Partnerin und eine kleine Eigentumswohnung. Und wir sind gesund.

Aber immer wieder kreisen meine Gedanken darum, was wäre, wenn ich alles verliere. Ich spiele gerade mit dem Gedanken,  mich selbstständig zu machen, doch immer wieder halten meine Ängste mich davon ab.

Meine Kindheit war ziemlich sorglos. Mir ist nichts Schlimmes passiert und ich bin ich in einem sicheren und finanziell stabilen Umfeld aufgewachsen. Das Einzige, was mir dazu einfällt, ist, dass meine Eltern beide immer große Sorgen und Ängste hatten. Sie haben immer sehr viel gearbeitet und auf Sicherheit geachtet, wir durften keine Unfälle haben und finanziell nichts riskieren. Mein Vater insbesondere hat immer den Teufel an die Wand gemalt und uns mit seinen Sorgen sehr nervös gemacht. Er ist vor zwei Jahren gestorben. Ich weiß wenig über seine Kindheit, er hat nichts erzählt. Seine Schwester hat mal erzählt, wie schlimm es seiner Familie im Krieg ging. Mein Vater ist 1937 geboren, sein Vater starb, als er vier war. Die Mutter hat vier kleine Kinder alleine großgezogen, ist zweimal ausgebombt worden und man munkelt, dass sie vergewaltigt worden ist.

Die Familie meiner Mutter stammt aus Ostpreussen und wurde vertrieben. Sie haben alles verloren, und auch hier wird davon gesprochen, dass die Frauen auf der Flucht vergewaltigt wurden und ein Kind verloren haben.

Kann diese Geschichte etwas mit meinen Ängsten zu tun haben - und wenn ja, was mache ich damit? Es hindert mich sehr.

Viele Grüße

Ulrich G.

Lieber Ulrich G.,

ich finde es gut, dass Sie sich auf die Suche nach den Ursachen für Ihre unerklärliche Angst machen. Und ich gebe Ihnen aufgrund Ihrer Schilderung Recht: Es klingt so, als wenn die Angst wenig direkt mit Ihnen und Ihrer Geschichte zu tun hat, sondern möglicherweise von Ihren Eltern auf Sie übertragen wurde.

Stellen Sie sich einmal vor, dass heute ein Kind einen Elternteil in jungen Jahren verliert, aus seiner Heimat vertrieben wird oder sein Haus abbrennt. Das Kind hungert und friert, verarmt und muss um seine Sicherheit fürchten. Eine furchtbare Vorstellung. Wenn das heutzutage passieren würde, wäre schnell das Jugendamt und therapeutische Beratungsstellen auf dem Plan, um diese Schicksal abzufangen. Im Krieg und nach dem Krieg gab es Zigtausende solcher Schicksale. Es galt fast als normal, so etwas durchzumachen. Viele fürchteten um ihr Leben, verloren ihre Angehörigen, ihren Besitz und ihre Heimat, und mussten sich und ihre Kinder alleine durchschlagen.

Dr. Julia Peirano: Der geheime Code der Liebe

Ich arbeite als Verhaltenstherapeutin und Liebescoach in freier Praxis in Hamburg-Blankenese und St. Pauli. In meiner Promotion habe ich zum Zusammenhang zwischen der Beziehungspersönlichkeit und dem Glück in der Liebe geforscht und anschließend zwei Bücher über die Liebe geschrieben.

Informationen zu meiner therapeutischen Arbeit finden Sie unter www.julia-peirano.info.

Haben Sie Fragen, Probleme oder Liebeskummer? Schreiben Sie mir bitte (maximal eine DIN-A4-Seite). Ich weise darauf hin, dass Anfragen samt Antwort anonymisiert auf stern.de veröffentlicht werden können.

Damals konnte man es sich nicht leisten, über Gefühle zu sprechen oder diese zu verarbeiten. Man biss die Zähne zusammen und dachte ans Überleben. Die Kinder aus der Zeit haben diese furchtbaren Ereignisse jedoch ungefiltert gespürt: die Nächte im Bunker, die Angst der Eltern, Hunger, Durst und Kälte, die Flucht. Wahrscheinlich hat niemand mit ihnen darüber geredet, und sie haben die traumatischen Ereignisse in sich abgekapselt.  Nach dem Krieg waren alle froh, dass es vorbei war und schauten nach vorn. Wiederaufbau, Leistungsgesellschaft, sich eine neue Existenz aufbauen. Man wollte nicht mehr auf das Grauen schauen, das hinter einem lag.

Damals gab es kaum psychotherapeutisches Angebot, und Traumatherapie war noch nicht entwickelt. Heute ist die Forschung und die Entwicklung und Auswertung von wirksamen Therapiemethoden zum Glück einen riesigen Schritt weiter.

Mittlerweile gibt es einen Namen für das Phänomen, das Sie erahnen: Die Weitergabe von (meist schwierigen) Lebensereignissen an die nächste und teilweise auch übernächste Generation heißt transgenerationale Übertragung. Schon in der Schwangerschaft kann sich Stress der Mutter auf den Stresspegel des ungeborenen Kindes auswirken. Auch bei Mäuseexperimenten wurden Mäuse nach dem Riechen von Kirschblüten mit Elektroschocks behandelt. Sie entwickelten eine konditionierte Angst vor Kirschblüten. Das ist nicht weiter verwunderlich. Erstaunlich ist hingegen, dass diese aversive Reaktion bis in die fünfte Generation der Nachkommen der erstmals konditionierten Mäuse auftrat, obwohl die Nachkommen nicht Elektroschocks ausgesetzt wurden.

Traumatisierte Eltern bauen erwiesenermaßen seltener eine sichere Bindung zum Kind auf als nicht traumatisierte Eltern. Wichtig zu wissen ist, dass die Übertragung von Gefühlen, Affekten, Stimmungen von einer Generation auf die nächste insbesondere dann wirksam ist, wenn der Betreffende die Erlebnisse nicht verarbeitet hat oder sie verschweigt und tabuisiert. Die Kinder nehmen diese unbewussten Vorstellungen auf. Sie können sie jedoch nicht entschlüsseln. Sie sind rätselhaft, nicht integrierbar, und sie können sich nicht erklären, woher sie kommen und was sie bedeuten.

In der Therapie sage ich immer: Kenne deinen Feind. Deshalb würde ich Ihnen raten, sich mit Ihrer Angst, Ihren Zwängen und den Erlebnissen der Kriegsgeneration näher vertraut zu machen. Es gibt zwei sehr aufschlussreiche Bücher von Sabine Bode, die verdeutlichen, was die Kriegserlebnisse mit der betroffenen Generation, ihren Kindern (Ihnen) und sogar den Enkeln gemacht haben.

Sabine Bode: "Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen"

Sabine Bode: "Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation"

Wenn Sie sich eingelesen haben, können Sie als nächsten Schritt Ihre persönliche Beeinträchtigung in einer systemischen Psychotherapie aufarbeiten. Ein Ziel wäre es, zu verstehen, was passiert ist und dann zu trennen, zu wem der Schmerz eigentlich gehört und ihn dahin zurück zu geben.

Ich hoffe, Sie können auf diese Art Ihre Ängste und Zwänge in den Griff besser verstehen und bewältigen. 

Herzliche Grüße

Julia Peirano

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