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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Ich bin mit einem furchtbaren Mann zusammen und kann ihn nicht verlassen

Seinen Partner attraktiv zu finden und sich zu ihm hingezogen zu fühlen, ist für viele die Basis einer guten Beziehung. Maria empfindet für ihren Freund nichts davon. Und trotzdem schafft sie es nicht, sich von ihm zu trennen. Was kann sie nur tun?

Was tun, wenn man seien Partner nicht mag (Symbolbild)

Was tun, wenn man seien Partner nicht mag (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

Mich quält meine Situation, und ich finde keinen Ausweg. Ich bin 54 und habe einen Mann per Annonce kennen gelernt. Er hat mir auf den ersten Blick gar nicht gefallen. Ich ihm schon. 

Wir haben nett geredet. Für mich war es nichts Spannendes. Er aber hat mir am nächsten Tag geschrieben, dass er mich hübsch und interessant findet. Dass er mich hübsch findet, hat mich sehr angesprochen, denn ich habe Komplexe, fühle mich schon immer hässlich. Nun habe ich mich in eine Beziehung mit ihm eingelassen.

Ich bin leider nicht verliebt, und finde ihn körperlich auch nicht anziehend, sondern sehr unattraktiv. Nur intellektuell ist es ok. Er hingegen ist total verliebt, und findet mich schön. Er genießt die Erotik mit mir, ich weniger mit ihm.

Übrigens hat er im Inserat gelogen, und geschrieben er sei 60, dabei ist er 68 (!). Das hat mir gar nicht gefallen. Und verheiratet ist er auch noch und fängt jetzt mit der Scheidung an. Das belastet mich nicht. Oft hoffe ich, dass er mich einfach verlässt und ich so keine Entscheidung treffen muss. Denn leider habe ich Angst vor dem Alleinsein, deswegen kann ich mich nicht trennen. Nun fühle ich mich aber gefangen in dieser einseitigen Beziehung.

Oft habe ich starke Depressionen deswegen, und denke nächtelang darüber nach, dass ich ihn verlassen sollte, um mir jemanden zu suchen, der mir wirklich gefällt. Aber mir fehlt die Stärke dazu.

Was raten Sie mir? Was soll ich tun?

Lieber Gruß

Maria T.

Liebe Maria T.,

Ehrlich gesagt ist es mir selten so leicht gefallen wie bei Ihrer Zuschrift, eine aus meiner Sicht stimmige Antwort zu finden. So könnte meine Antwort eine Rekord-Kürze haben: Verlassen Sie ihn. Lieber heute als morgen!

Zu dem Schluss sind Sie allerdings selbst auch schon gekommen, was mich beruhigt. Aus psychologischer Sicht kann es das Selbstwertgefühl schädigen, wenn man mit einem Partner zusammen ist, den man nicht mag. Stellen Sie sich einmal vor, Ihre Eltern hätten diesen Mann für Sie ausgesucht und Sie gezwungen, mit ihm zusammen zu sein, obwohl Sie keine Gefühle für ihn haben und ihn nicht mögen. Was würden Sie daraus schließen? Wahrscheinlich, dass Ihre Eltern Sie nicht sonderlich mögen, weil sie Ihnen das antun. Oder vielleicht auch, dass Ihre Eltern einen geheimen Vorteil aus der Verbindung ziehen und Sie Ihren Kopf (und ganzen Körper) hinhalten müssen. Sie würden also benutzt, um durch die unliebsame Verbindung für die Eltern oder die Familie Vorteile zu bringen.

Nun sind es aber nicht Ihre Eltern, die entschieden haben, dass Sie mit diesem für Sie abstoßenden Mann eine Beziehung eingehen, sondern, viel schlimmer: Sie haben sich das selbst eingebrockt. Psychologisch gesprochen hat Ihre innere Mutter einen Mann gewählt, den das innere Kind nicht ausstehen kann. Damit haben Sie das Vertrauen in sich selbst schwer beschädigt, und zwar auf einer sehr tiefen Ebene. Einen Teil von Ihnen interessiert es nicht, wenn Sie unglücklich sind, er zwingt Sie, daran festzuhalten und entmutigt Sie, die Beine in die Hand zu nehmen und diesen Mann zu verlassen. Diesen Teil kann man als inneren Saboteur oder inneren Kritiker verstehen, und er kostet Sie bestimmt viel, viel Kraft!

Ich vermute, dass Sie in sich eine Menge innerer Stimmen (keine Angst, hier geht es nicht um psychotische Symptome wie "Stimmen hören", sondern etwas, was alle Menschen erleben) haben, die sehr hart zu Ihnen sind.

Die inneren Stimmen äußern viele Glaubenssätze, die sehr negativ sind

  • Ich bin hässlich
  • Ich habe es nicht verdient, einen tollen Partner zu finden
  • Ich muss froh sein, wenn ich überhaupt einen abkriege
  • Ich bin dazu da, um die erotischen Bedürfnisse des Mannes zu befriedigen, meine Bedürfnisse zählen nicht
  • Ich habe keine Kraft (bin zu schwach), um mich für meine eigenen Interessen einzusetzen
  • Ich muss schlechte Dinge erdulden
  • Es ist schlimm, allein zu sein …

Können Sie die Liste Ihrer Glaubenssätze vervollständigen? Hören Sie sich selbst doch genau zu und fragen Sie sich, warum Sie es nicht schaffen würden, diesen Mann zu verlassen. Und stimmt das überhaupt? Sie haben doch in Ihrem Leben sicher auch Zeiten als Single erlebt, auch bevor Sie ihn kennen gelernt haben. Wie war das? Und wenn es schlimm war, woran liegt es, dass Sie sich die Zeit mit sich alleine nicht schön gestalten können?

Ich würde Ihnen raten, sich in eine Therapeutin oder einen Therapeuten zu suchen und der Frage auf den Grund zu gehen, warum Ihr Selbstwertgefühl so schlecht ist. Meistens sind Erfahrungen , die man in der Kindheit gemacht, der Grund dafür. Und es wäre wichtig, herauszufinden, wie Sie Ihr Selbstwertgefühl aufbauen können.

Dafür gibt es im Prinzip mehrere wichtige Säulen:  

  1. Wie gehe ich mit mir um? Behandle ich mich wie jemand kostbaren oder eher beute ich mich aus? Sorge ich z.B. dafür, dass ich genug Schlaf bekomme, mich ausruhen darf, eine interessante Beschäftigung (Arbeit aber auch in der Freizeit) habe, mein Umfeld schön gestalte, mich bewege, mich entspanne, meine Gefühle ernst nehme und mich liebevoll darum kümmere?
  2. Was für innere Glaubenssätze habe ich? Diesen Bereich haben wir oben schon angefangen. Finde ich mich attraktiv? Sind mir die Erfolge bewusst, die ich in meinem Leben erreicht habe? Kenne ich meine Stärken? Gehe ich nachsichtig mit meinen Schwächen um oder führe ich sie mir immer vor Augen? Rede ich mir gut zu, wenn etwas nicht klappt und ermutige mich, weiterzumachen? Weiß ich, wie ich meine Ziele am besten erreichen kann?
  3. Welche Menschen suche ich mir aus? Wer spielt in Ihrem Leben eine wichtige Rolle - und warum? Ist Ihr Partner liebevoll, unterstützend und jemand, den Sie schätzen und achten? (In Ihrem Fall nicht, deshalb sollten Sie unbedingt gehen!). Haben Sie Freundinnen und Freunde, die Ihnen Ihre Vorteile vor Augen führen und Sie gut behandeln? Haben Sie ein gutes Verhältnis zu Ihren Eltern und Geschwistern? Sorgen Sie dafür, dass Sie Abstand wahren zu Leuten, die Ihnen nicht gut tun? Können Sie Grenzen so setzen, dass es sich für Sie richtig anfühlt?

Ich kann mir vorstellen, dass es für Sie sehr hilfreich wäre, sich um diese Bereiche zu kümmern, und dazu brauchen Sie die Unterstützung einer ausgebildeten Verhaltenstherapeutin oder einer tiefenpsychologisch fundierten Therapeutin.

Dann wird es Ihnen auch gelingen, sich von diesem Mann zu trennen und nur Menschen in Ihr Leben zu lassen, die Ihnen gut tun.

Herzliche Grüße und viel Mut dabei, 

Julia Peirano

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