VG-Wort Pixel

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich drehe durch mit zwei Kindern in einer beengten Wohnung

Tobende Kinder kosten viel Energie (Symbolbild)
Tobende Kinder kosten viel Energie (Symbolbild)
© fizkes / Getty Images
Eigentlich hat Dorothee ein großes Bedürfnis nach Alleinsein und Ruhe. Doch als Mutter ist das oft schwierig. Wie können ihr Mann und sie sich mehr Raum schaffen?

Liebe Frau Peirano,

ich, 42, bin Mutter von zwei lebhaften Söhnen (7 und 11 Jahre alt) und arbeite in einer Agentur. Mein Mann arbeitet auch Vollzeit, und so bleibt bei uns zu Hause vieles liegen. Und hier ist auch schon mein Problem. Ich weiß, dass viele Mütter sich beschweren über Unordnung und Chaos, aber ich glaube, dass bei mir alles noch viel stärker ist als bei anderen.

Ich mag es ruhig und ordentlich, ästhetisch und aufgeräumt. In meiner Studienzeit war meine kleine Wohnung immer mein Zufluchtsort, und ich bin nicht so oft ausgegangen wie meine Freundinnen. Ich habe gelesen, Gitarre gespielt und gemalt. War eher der Typ für ein ruhiges Gespräch mit einer Freundin im Park oder Café als für Nachtleben.

Und jetzt leben wir in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Ein Schlafzimmer, ein Wohn-, Arbeits- und Esszimmer und ein Kinderzimmer. Und überall liegt etwas herum, egal, wie viel ich auch aufräume. Alles ist vollgestopft, die Garderobe, die Regale, der Flur, das Bad. Ich komme gefühlt überhaupt nicht zur Ruhe. In der Pandemie war es ganz furchtbar mit Homeoffice (sowohl mein Mann und ich) und Homeschooling. Ich habe mir immer gesagt: Das wird besser, wenn die Pandemie vorbei ist. Aber es ist nicht besser geworden. In keinem Raum kann ich in Ruhe arbeiten, ständig werde ich gestört, und die Wohnung bräuchte auch mehr Zuwendung. Wir müssten mal streichen und renovieren, aber es gibt immer Verpflichtungen und Veranstaltungen, und das geht mir so gegen den Strich.

Dazu kommen meine Schuldgefühle. Ich arbeite schon (35 Stunden pro Woche, manchmal mehr), und die Kinder sind oft in der Nachmittagsbetreuung. Und wenn ich dann mal Zeit mit ihnen habe, würde ich mich am liebsten verkriechen und mit einem Buch im Bett liegen und einfach mal RUHE haben. Auch vor meinen Kindern, wenn ich ehrlich bin.

Es gibt eigentlich niemanden, der so richtig Verständnis für meine Situation hat. Mein Mann nimmt sich einfach seine Freiheiten, und er sieht auch nicht so, was alles zu tun ist. Deshalb ist er viel entspannter. Meine Mutter sagt mir, dass sie es früher auch nicht leichter hatte mit vier Kindern. Meine Freundinnen jammern auch mal, aber sie scheinen belastbarer zu sein und mehr auszuhalten. Ich glaube, dass ich besonders viel Ruhe brauche und immer brauchte. Und manchmal tut es mir physisch wirklich weh, mich nicht zurück ziehen zu können. Ich kann schlecht schlafen, meine Nerven liegen blank, mein Herz rast.

Und leider komme ich aus meinem Schneckenhaus kaum heraus. Ich habe keine Lust, mir auch noch Besuch einzuladen (dann wird es hier ja noch voller!), etwas zu unternehmen, bei dem viele Menschen sind, in den Urlaub zu fahren. Ich würde, ehrlich gesagt, einfach mal gerne eine längere Zeit meine ruhige Studentenwohnung zurück haben und für mich sein.

Was kann ich bloß machen?

Viele Grüße

Dorothee B.

Liebe Dorothee B.,

als ich Ihre Erzählung las, kam mir als erstes ein Erklärungsansatz in den Sinn. Haben Sie sich mal mit dem Phänomen der "Hochsensibilität" beschäftigt? Wenn nicht, würde es sich lohnen. Ich habe einigen PatientInnen geraten, sich damit auseinanderzusetzen und sich auch zu testen. Sie können sich zum Beispiel auf netdoktor.de mit den Symptomen der Hochsensibilität vertraut machen und über diesen Link einen Selbsttest machen.

Da die Aussagen alle Selbstbeschreibungen sind (z.B. "die Stimmungen anderer Menschen beeinflussen mich") sind die Antworten natürlich auch in ihrer Ausprägung subjektiv. Dennoch zeigen die Antwortmuster in ihrer Gesamtheit an, ob Sie sich zu der Gruppe der hochsensiblen Menschen zugehörig fühlen und ob viele der Leitsymptome bei Ihnen stark ausgeprägt sind. Die Erkenntnis, hochsensibel zu sein, ist für die meisten Betroffenen eine große Erleichterung und ein Aha-Erlebnis.

Hochsensibilität bedeutet, dass das eigene Nervensystem Reize stärker aufnimmt als das von Menschen mit durchschnittlicher oder geringer Sensibilität. Ob das Lärm, Gerüche, Bewegungen, Musik, Stimmungen oder die Nachrichten sind: Hochsensible werden davon stärker berührt. Das ist ein Segen und ein Fluch zugleich. 

Wenn es um musikalische Empfindsamkeit oder um Empathie, das Gespür für besondere Situationen oder die Freude an Naturerlebnissen geht, ist die Hochsensibilität fantastisch. Sie verstärkt die positiven Empfindungen und macht das Leben bereichernd und aufregend.

Dr. Julia Peirano: Der geheime Code der Liebe

Ich arbeite als Verhaltenstherapeutin und Liebescoach in freier Praxis in Hamburg-Blankenese und St. Pauli. In meiner Promotion habe ich zum Zusammenhang zwischen der Beziehungspersönlichkeit und dem Glück in der Liebe geforscht und anschließend zwei Bücher über die Liebe geschrieben.

Informationen zu meiner therapeutischen Arbeit finden Sie unter www.julia-peirano.info.

Haben Sie Fragen, Probleme oder Liebeskummer? Schreiben Sie mir bitte (maximal eine DIN-A4-Seite). Ich weise darauf hin, dass Anfragen samt Antwort anonymisiert auf stern.de veröffentlicht werden können.

Wenn es allerdings um negative Reize wie Baulärm, Hektik, schlechte Stimmung, bedrohliche Nachrichten etc. geht, mit denen wir Menschen insbesondere in der Großstadt ständig konfrontiert werden, ist Hochsensibilität ein Fluch. Denn hochsensible Menschen können viel schlechter ausblenden, weghören und abschalten. Werden die Reize zu viel oder zu stark, leiden die Betroffenen darunter.

Und da die Reize stärker wahrgenommen werden, sind die Reizgrenzen schneller erreicht als bei durchschnittlich sensiblen Menschen. So entsteht eine ständige Suche nach Ruhe und Rückzug, gepaart mit einer Angst davor, dass der nächste Tag, die nächste Woche, das nächste Fest, die nächste Begegnung wieder zu viel wird.

Und das Problem ist: Hochsensible Menschen können Ihre Hochsensibilität nicht einfach mal abschalten, weil Weihnachten ist und sie die Familie zu Besuch haben oder weil sie kleine Kinder haben und das nun mal jahrelang turbulent ist. Das kann zu großem Leiden bei besonderen Ereignissen wie Besuch oder Festen führen.

Es hilft nur eines: Sich selbst und seine Reizgrenzen ernst zu nehmen und immer wieder Ruhe zu suchen.

Ich kann mir vorstellen, dass das in Ihrer Situation schwierig ist, zu Hause zur Ruhe zu kommen. Zu viert und mit zwei lebhaften Kindern in einer Drei-Zimmer-Wohnung zu leben, ist eine große Herausforderung. Es wäre mein Rat, dass Sie einen MBSR-Kurs besuchen, das steht für Mindfulness Based Stress Reduction. In diesen Kursen, die man über den MBSR Dachverband findet, lernen Sie Sitzmeditation, Gehmeditation, Bodyscan und viele andere Techniken, um sich und seine Gefühle wahrzunehmen und darauf einzugehen.

Allerdings brauchen Sie einen ruhigen Ort, um zu üben. Wie wäre es mit klaren räumlichen und zeitlichen Lösungen in Absprache mit Ihrem Mann?

Zum Beispiel:

Können Sie sich z.B. einen ruhigen Co-Working-Space mieten, wenn auch nur für einige Tage, wo Sie in Ruhe arbeiten können? Und vielleicht können Sie auch eine Liege dort haben oder zumindest eine Yogamatte? Das könnte viel Stress reduzieren und kostet in der Regel auch nicht allzu viel.

Entscheiden Sie, wie Sie zu Hause mehr Ordnung und Schönheit herstellen können. Vielleicht helfen platzsparende Regale, ein paar Kisten auf dem Dachboden für Winter/Sommersachen, Ausmisten. Und überlegen Sie, was genau Sie renovieren möchten, damit Sie sich zu Hause wohler fühlen. Oft setzt auch eine ordentliche Umgebung viele Energien frei. 

Können die Kinder an einem bestimmten Nachmittag noch zu einem Kurs gehen (der ihnen auch Spaß macht) und Sie bleiben in Ruhe zu Hause und haben mal die Wohnung für sich alleine?

Können Sie und Ihr Mann Wochenenden vereinbaren, in denen jeder kinderfrei hat und entweder wegfahren kann oder alleine zu Hause bleiben darf? Ein freies Wochenende pro Quartal für jeden wäre so eine Daumenregel.

Können Sie früher aufstehen und vor allen anderen noch eine Stunde freie Zeit haben, wenn die anderen noch schlafen? Würden Sie in der Zeit meditieren, Yoga machen oder einfach in Ruhe lesen, Ihre Gedanken aufschreiben oder spazieren gehen?  Wenn Sie sagen, dass Sie dann weniger Schlaf bekommen: Gehen Sie doch einfach eine Stunde früher ins Bett. Opfern Sie bewusst Dinge, die Ihnen nicht so viel geben (z.B. Fernsehen).

Beobachten Sie, was Sie noch an Reizen nervt und überfordert. Zum Beispiel Problemgespräche mit Kolleginnen oder anderen Müttern, während die Kinder sich treffen. Vielleicht können Sie hier auch Selbstfürsorge betreiben und noch einmal durch einen Park gehen, anstatt sich Probleme anzuhören?

Wenn Sie mit Ihren Kindern zusammen sind, könnten Sie auch bewusst dafür sorgen, dass Sie möglichst wenig parallel machen (noch einkaufen, aufs Smartphone schauen, telefonieren). Versuchen Sie mit allen Sinnen, voll und ganz im Moment zu sein. Dadurch entsteht auch Entspannung.

Geräuschreduzierende Kopfhörer sind übrigens auch Gold wert!

Ich hoffe, dass ich Ihnen ein paar Anregungen geben konnte, wie Sie zur Ruhe kommen.

Herzliche Grüße

Julia Peirano

Mehr zum Thema

Newsticker