VG-Wort Pixel

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich habe große Angst, an meinen Freundinnen Kritik zu üben – weil es dann immer Stress gibt

Bei Kritik den richtigen Ton zu finden, ist oft nicht so einfach (Symbolbild)
Bei Kritik den richtigen Ton zu finden, ist oft nicht so einfach (Symbolbild)
© Prostock-Studio / Getty Images
Selbst in den besten Freundschaften gibt es mal Konflikte. Doch Sylvia traut sich kaum noch, ihre Freundinnen anzusprechen, wenn sie etwas stört. Weil die Kritik oft als Angriff verstanden wird. Muss sie nun damit leben?

Liebe Frau Peirano,

ich schreibe, weil ich Angst habe, Konflikte mit meinen Freundinnen anzusprechen.  Es hat in meiner Vergangenheit bei einigen Freundinnen schon oft Streit gegeben oder es wurde danach super kompliziert und die Freundschaft hat sich eigentlich nie erholt. (Ich meine hier übrigens Frauenfreundschaft und keine sexuellen Beziehungen).

Deshalb bin ich vorsichtig geworden. Ich muss dazu aber sagen, dass ich auch sehr vorsichtig bin, wenn ich mal bei einer Freundin etwas anspreche, was mich stört. Und trotzdem gibt es meistens danach lange Diskussionen, bei denen die Freundin mir das Wort im Mund herumdreht oder selbst zum Angriff übergeht.

Jetzt geht es gerade konkret um meine beste Freundin Lena, mit der ich bisher noch nie einen Streit hatte oder etwas angesprochen habe. Sie hat eine Bemerkung über meine Mutter gemacht, die mich sehr verletzt hat. Ich habe eine sehr schwierige Mutter, und Lena kennt sie nur aus Erzählungen. Ihre Bemerkung war vielleicht ein Scherz, aber es klang so als würde sie sich mich nicht wirklich ernst nehmen. Ich habe einen Tag überlegt, ob ich ihr etwas sage oder es unter den Teppich kehre. Dann habe ich ihr eine Sprachnachricht gesprochen und ganz vorsichtig gesagt, dass ich mich verletzt fühle und dass sie es bestimmt nicht so gemeint hat. Aber dass ich ihr das nur sagen wollte.

Darauf ist es wieder passiert: Lena hat gleich unsere Freundschaft in Frage gestellt und mir unterstellt, dass ich unehrlich war, weil ich nicht gleich etwas gesagt habe.

Ich weiß jetzt nicht, was ich machen soll: Es jetzt unter den Teppich kehren und mich entschuldigen, damit wieder Frieden ist, oder noch ein Gespräch mit ihr suchen soll. Dann habe ich aber Angst, dass es vollkommen kompliziert wird.

Viele liebe Grüße 

Sylvia G.

Liebe Sylvia G.,

ich höre häufig, dass Frauen sich schwer damit tun, eine Freundin zu kritisieren oder ihr zu sagen, wenn sie sich verletzt fühlen. Dennoch ist es wichtig, in Freundschaften einen Weg zu finden, um sich Dinge zu sagen, die einen stören oder verletzen, und ich finde es gut, dass Sie es immer wieder riskiert haben. Sich zu streiten oder anderer Meinung zu sein, gehört zu Freundschaften dazu, und durch die Art zu streiten erfährt man mehr übereinander als über tausend Komplimente oder tausend schöne Stunden. Man erfährt: Ist die andere beim Streit vorsichtig oder wird sie impulsiv? Sieht sie beide Seiten oder nur ihre? Respektiert sie mich, auch wenn wir anderer Meinung sind? Bemüht sie sich um eine Versöhnung, wenn es Meinungsverschiedenheiten gab?

Wie man streitet, lernt man oft im Elternhaus. In einigen Familien wird lebendig gestritten und danach liegt man sich in den Armen, andere streiten eher sachlich, und es gibt Familien, in denen Konflikte totgeschwiegen werden. Natürlich gibt es auch Familien, in denen es erst zum Streit kommt, wenn der Haussegen wirklich schief hängt. Jahrelang wird nichts gesagt, aber wenn einer dann den Mund öffnet, ist die Beziehung auch schon vorbei.

Es hat sich herausgestellt, dass es beim Austragen von Konflikten auf zwei Dinge ankommt: 

  1. Dass man anspricht, wenn einen etwas stört (so wie Sie es ja auch wollen)
  2. Dass man dabei konstruktiv und freundlich ist und auf aggressives Verhalten verzichtet (so wie Sie es auch gemacht haben)

Lena scheint, im Gegensatz zu Ihnen, große Angst vor Kritik und Streit zu haben. Wahrscheinlich hängt das mit ihren Erfahrungen im Elternhaus und früheren Freundschaften zusammen. Es hört sich so an, als wenn sie befürchtet, dass Kritik bedeutet, dass die Beziehung bedroht ist. Dabei ist das ja gar nicht Ihre Absicht, sondern im Gegenteil wollen Sie die Beziehung bereinigen. Möglicherweise hat Lena nie gelernt, dass das möglich ist, und deshalb geht sie zum Gegenangriff über und entwickelt Ängste davor, verlassen zu werden.

Wie wäre es, wenn Sie ihr einen liebevollen Brief schreiben, indem Sie ihr noch einmal deutlich sagen, dass sie Ihnen viel bedeutet und dass Sie die Freundschaft nicht gefährden wollen. Sie möchten nur gemeinsam mit ihr eine Streitkultur entwickeln, damit Sie sich auch mal sagen können, wenn etwas nicht gepasst hat. Das wäre aber eher dazu gedacht, die Beziehung noch zu festigen und zu stärken, WEIL man sich streiten kann. Vielleicht finden sie ja einen Zugang zu Lena, der Ihr die Angst vor Ablehnung und dem Verlassenenwerden nimmt.

Möglicherweise können Sie auch ins Gespräch darüber kommen, wie Sie beide in Ihren Elternhäusern gestritten haben und wie Sie sich dabei gefühlt haben.

Erst wenn die Vertrauensbasis wieder hergestellt ist, können Sie ja entscheiden, ob Sie über den Anlass des jetzigen Streites (die Bemerkung über Ihre Mutter) noch einmal sprechen wollen oder ob es sich erledigt hat.

Herzliche Grüße

Julia Peirano


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker