VG-Wort Pixel

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Meine Geschlechtsumwandlung ging schief – und ich habe auch noch meine Partnerin verloren

Die Transition hat Nico viel Kraft gekostet (Symbolbild)
Die Transition hat Nico viel Kraft gekostet (Symbolbild)
© urbazon / Getty Images
Nico träumte immer davon, ein Mann zu sein. Und entschied sich irgendwann für den großen Schritt. Doch nach der schiefgelaufenen Operation geht es ihm nicht besser als zuvor. Wie kann er es aus seinem tiefen Loch schaffen?

Guten Tag,

ich habe mich verloren und mag nicht mehr - ich habe so oft versucht, mich aufzuraffen, aber ich habe keine Widerstandskraft mehr. Jedes noch so kleine Ereignis haut mich komplett aus der Bahn.

Vor sieben Jahren habe ich mich entschieden, endlich "ich" zu sein und als Trans-Mann zu leben. Ich habe viele Menschen damit verletzt und verloren. Meine Familie hat lange gebraucht, steht aber mittlerweile hinter mir. Ich habe jedoch, seit ich es meiner Mutter damals vor sieben Jahren eröffnete, ein gestörtes Essverhalten entwickelt und seither nicht mehr abgelegt. Ihr Satz: "seit deiner Geburt verursachst du nur Leid, du warst vorher schon abartig genug" hat sich wohl eingebrannt. Ich habe meine Transition weiter gezogen und mich mit den körperlichen Veränderungen immer wohler mit meinem Körper gefühlt. 

Zur gleichen Zeit lernte ich eine Frau kennen. Ich habe von Anfang an mehr als Freundschaft gewollt, sie nicht. Wir lebten immer wieder in der gleichen Stadt oder Tausende Kilometer voneinander entfernt. So ging das eine Weile, bis sie sich vor zwei Jahren mit mir treffen wollte und wir eine Beziehung anfingen. Für mich ging damit ein Traum in Erfüllung und es schien wirklich gut zu gehen. Sie sagte all die richtigen Dinge und redete davon, dass sie heiraten wollte und dass - einmal entschieden - dies für immer sei. Es war wohl zu schön, um wahr zu sein. Warnzeichen gab es vorher in unserer Freundschaft schon genug. Sie war gut darin, mich wegzustoßen, wenn ich ihr zu nahe kam. Gleichzeitig hatte sie bei jeder meiner Operationen eine Ausrede, nicht für mich da zu sein. Sie hat selber eine lange Geschichte psychischer Belastungen und meinte auch einmal beifällig, sie würde sich ja nicht selbst mal vertrauen.

Vor mittlerweile fast zwei Jahren stand meine letzte OP an, ein Erektionsimplantat. Mit dieser sollte endlich alles beendet sein und ich "vollwertiger" Mann sein. Ich habe ihr die Wahl gelassen, ob sie dabei involviert werden möchte oder lieber Abstand behalten. Dazu kam es gar nicht mehr. 

Vier Wochen vor der OP war plötzlich Funkstille. 

Ich brachte sie dazu, mir zu sagen, dass sie keine Zeit habe, an Weihnachten zu mir zu kommen und danach kam nichts mehr. Ich bin zu meiner OP - und die lief gründlich schief. Ich wäre fast gestorben, hatte eine Komplikation nach der anderen, drei weitere Operationen und chronische Schmerzen, die meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Ich habe sechs Monate gekämpft aber schlussendlich das Erektionsimplantat verloren, und es ist nicht sicher, dass eine erneute OP je wieder möglich sein wird.

Vor der Entfernung, wo es klar war, dass es nicht anders geht, habe ich ihr geschrieben, einfach weil ich so verzweifelt war und den Kontakt zu ihr gesucht habe. Damals hat sie mir dann auch gesagt, dass es gut war, mit mir zusammen zu sein, aber anders. Und sie wolle nicht anders, sondern einen "richtigen" Mann. Ich denke, sie wollte einfach in den vertrauten Freundschaftsmodus zurückkehren. Ich bin viel zu verletzt, um mit ihr befreundet zu sein, aber loslassen kann ich auch nicht, so haben wir bis heute immer wieder losen Kontakt.

Einerseits habe ich den Wunsch nach Nähe und Partnerschaft, andererseits bin ich der "andere" und mittlerweile auch impotente Transmann. Ich hatte mir von der Transition erhofft, mich nicht mehr so fehl am Platz zu fühlen, und das habe ich auch für eine kurze Zeit, mit der Freundin und der Möglichkeit endlich richtigen Sex als Mann zu haben. Aber nun hab ich nur das Geschlecht in der Gesellschaft gewechselt und das Gefühl ist dasselbe. Zudem denke ich, die Kombination aus Verlassenwerden und sechs Monaten mit lebensbedrohlicher Infektion kämpfen, ausharren zu müssen und keinen Einfluss zu haben, hat mich traumatisiert. Ich bin konstant niedergeschlagen, habe keine Lust mehr etwas zu unternehmen, schlafe schlecht und wenig. Ich nehme mir immer wieder vor, mein Leben in die Hand zu nehmen….. und dann liege ich doch wieder tagelang im Bett und lebe in meinen Erinnerungen. Mein Kopf weiß, ich muss die jetzige Situation akzeptieren, mein Herz will nicht. 

Freundliche Grüße

Nico G.

Lieber Nico G.,

Ihre Geschichte ist extrem traurig und sie hat mich sehr berührt. Sie haben sehr viel gekämpft und gewagt, aber auch viele Verluste einstecken müssen. Verluste zu erleiden, führt oft zu Niedergeschlagenheit, Mutlosigkeit und Depressionen.

Es hört sich so an, als wenn Sie schon in Ihrer Kindheit mit Zurückweisung und Ablehnung konfrontiert waren, und zwar von Ihren eigenen Eltern. Der Satz Ihrer Mutter, dass Sie ihr Leid verursachen und "abartig" seien, ist eine große seelische Verletzung. Vermutlich war das nicht die einzige Abwertung, die Ihre Mutter oder Ihre Eltern gesagt haben? Wenn wir klein sind, brauchen wir unser Umfeld als Spiegel, um uns unsere Bedürfnisse zurückzumelden und uns im optimalen Fall zu zeigen, dass wir liebenswert sind. Wenn der Spiegel beschmutzt oder beschädigt ist, bekommen wir ein falsches Bild von uns zurückgemeldet: Wir sind nicht willkommen und angenommen, sondern wir stören. Uns wird vermittelt, dass wir alles falsch machen oder sogar falsch sind. Und diese Botschaften sitzen tief in uns und sind als Erwachsener schwer zu greifen (aber trotzdem sehr wirkungsvoll und toxisch).

Das Schlimme ist, dass die inneren Glaubenssätze, die wir durch unsere Eltern bekommen (z.B. ich bin nichts wert; ich muss perfekt sein, um gemocht zu werden) unbewusst unser Leben steuern. Sie beeinflussen, mit welchen Menschen wir uns umgeben und wie wir uns in vielen Situationen verhalten. Und so wiederholen wir unbewusst oft auch Szenarien, die uns in unserer Kindheit verletzt haben, als Erwachsene mit unseren Partnern.

Kann es sein, dass Sie sich auch für Ihre Partnerin entschieden haben, weil sie Sie abgelehnt hat und Sie sich ihrer nie sicher sein konnten? Die Sie ungenügend und "anders" findet? Wie haben Ihre Freunde auf Ihre Partnerin reagiert - gab es ablehnende Reaktionen oder Warnungen? Ich vermute, dass ein Grund dafür, dass Sie Ihre Ex-Freundin nicht loslassen können, obwohl sie Sie verlassen und im Stich gelassen hat, damit zu tun hat, dass Ihnen dieses Verhaltensmuster so vertraut vorkommt.

Aus meiner Erfahrung ändern sich die inneren Glaubenssätze selten von alleine, sondern es bedarf einer langjährigen, vertrauensvollen Psychotherapie und eines freundlichen Spieles durch die Therapeutin oder den Therapeuten. Haben Sie schon einmal eine Psychotherapie gemacht? Ich würde es Ihnen auf jeden Fall empfehlen.

Sie haben viel aufzuarbeiten. Eine Geschlechtsumwandlung ist ein sehr belastender Prozess, wie Sie sicher am besten wissen, und man braucht in der Regel viel Unterstützung dabei. Und bei Ihnen kommt erschwerend dazu, dass eine Operation missglückt ist und Sie zudem noch schwer erkrankt sind und um Ihr Leben kämpfen mussten - zusätzlich zu der Enttäuschung. Das ist extrem hart, und es ist sehr wahrscheinlich, dass Sie im Krankenhaus traumatische Erfahrungen gesammelt haben. Es wird Ihnen bestimmt helfen, diese Erfahrungen aufzuarbeiten, am besten mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten, die/der sich mit Traumatherapie auskennt.

Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie sich zu einer Therapie entschließen können und ein paar Jahre investieren, um die Verluste zu verarbeiten, Glaubensmuster zu entdecken und zu verändern und Ihre seelischen Verletzungen zu heilen. Und Ihre Essstörung können Sie dort auch bearbeiten. Danach werden Sie bestimmt gestärkter und positiver in die Zukunft gucken können.

Herzliche Grüße, Julia Peirano


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker