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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Mein Mann zieht sich zurück und grübelt - wie soll ich reagieren?

Emotionale Unterstützung ist oft nicht leicht (Symbolbild)
Emotionale Unterstützung ist oft nicht leicht (Symbolbild)
© laflor / Getty Images
Die Corona-Krise ist für viele Menschen ein Belastungstest. Und auch Sabines Mann zog sich in den letzten Monaten immer weiter zurück. Wie kann sie ihn beim Weg aus dem emotionalen Tal unterstützen?

Sehr geehrte Frau Peirano,

mein Mann und ich verstehen uns eigentlich gut, aber seit Anfang des Jahres ist er sehr zurückgezogen und wenig zugänglich. Er hat wenig Energie, um etwas zu unternehmen oder für sich zu tun, und meistens sitzt er nach der Arbeit vor dem Computer. Von unseren Kindern fühlt er sich überfordert, auch wenn er sich bemüht, es nicht zu zeigen.

Ich habe den Eindruck, dass ihm alles zu viel wird. Er sagt, er grübelt viel. Er macht sich gerade Sorgen um seinen Arbeitsplatz, weil wegen Corona Stellen abgebaut werden. Ich möchte ihm helfen, aber es ist schwer, eine gute Idee zu finden. Therapie ist nichts für ihn, sagt er.

Haben Sie einen Idee, was ihm helfen könnte? Ich bin mit meinem Latein irgendwie am Ende…

Viele Grüße,

Sabine H.

Liebe Sabine H.,

es klingt so, als wenn Ihr Mann gerade in einer Burn-Out-Vorstufe ist. Seine Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit, sein sozialer Rückzug und das Grübeln sind deutliche Anzeichen dafür.

Eigentlich wäre eine Psychotherapie nötig, aber es bringt auch nicht viel, wenn derjenige das nicht will. In der Therapie gilt: "Man kann nicht den Hund zum Jagen tragen". Weder Sie als seine Frau noch ich als Psychotherapeutin können jemanden zu einer Therapie motivieren, wenn er selbst es nicht will. Und zudem müsste man viel Eigeninitiative bei der Therapeutensuche aufbringen, denn es ist im Moment sehr schwer, einen Therapieplatz zu finden.

Aber ich habe trotzdem eine Idee, was Ihrem Mann helfen könnte. Es gibt spezielle Kurse für Menschen, die ihren Stress reduzieren wollen. Die Kurse heißen MBSR-Kurse, was bedeutet: Mindfulness Based Stress Reduction (Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion). Diese Kurse sind im Prinzip für jeden geeignet, der sich persönlich weiter entwickeln und mehr Lebensqualität haben möchte. 

Die Kurse findet man über den deutschen MBSR Verband bei speziell ausgebildeten MBSR-Lehrern und Lehrerinnen. Sie werden von der Krankenkasse bezuschusst. Das Programm beinhaltet ein Vorgespräch, acht Abende à 2,5 Stunden und einen zusätzlichen Achtsamkeitstag. Viele Kurse werden zur Zeit wegen der Pandemie online abgehalten.

In den Kursen gibt es Übungen zur Körperwahrnehmung, zur Wahrnehmung von Gefühlen und Stimmungen, es wird die Meditation angeleitet und es werden praktische Körperübungen zur Entspannung vermittelt. 

Wenn Sie sich im Internet informieren wollen, geht es zum Beispiel hier. Oder direkt auf der Seite des MBSR-Verbandes.

MBSR-Kurse sind nachgewiesenermaßen sehr hilfreich für das allgemeine Wohlbefinden. Sie helfen dabei, sich zu entspannen, Schmerzen zu reduzieren, mit Angstzuständen umzugehen und mehr Lebensqualität zu erlangen. Praktizierte Achtsamkeit ist ein hervorragender Weg, um sich selbst, seinen Körper und seine Gefühle besser kennen zu lernen und freundlicher mit sich und der Umwelt umzugehen.

Einen sehr guten Einblick vermittelt das Buch von Ulrike Juchmann: Achtsamkeitsbasierte Psychotherapie bei Depressionen und Ängsten. (Das Buch beinhaltet auch einen Download-Link für Audiodateien zum Üben!).

So wie Sie Ihren Mann beschreiben, würde ich ihm allerdings eine Variante des MBSR-Kurses nahelegen, und zwar MBCT: Mindfulness Based Cognitive Therapie (Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie). Dieses Kurse haben den gleichen Ablauf wie MBSR-Kurse, sind aber speziell für die Bedürfnisse von Menschen mit Depressionen und Ängsten zugeschnitten und helfen, das Grübeln zu reduzieren.

Übrigens würde ich Ihnen empfehlen, den Kurs selbst auch  mitzumachen.  Es ist sehr hilfreich für Paare, wenn beide die Übungen kennen und im Alltag üben. Ich kenne Paare, die morgens zusammen meditieren und dafür auf den Abendfilm verzichten. Einige Paare gehen auch mal schweigend spazieren, um sich selbst und die Umgebung besser zu spüren. Andere kochen achtsam und reden dabei nur über das Kochen. Es ist schön, wenn beide sich gegenseitig inspirieren können und sich zum Üben motivieren.

Hoffentlich kann Ihr Mann sich mit dem MBCT-Kurs anfreunden. Viele Menschen empfinden es in diesen stressigen Zeiten als ein großes Geschenk, Anleitung zur Ruhe zu bekommen.  Mir geht es genau so: Ich meditiere regelmäßig und praktiziere Achtsamkeitsübungen, wann immer es geht, und das macht mein Leben intensiver, schöner und leichter.

Herzliche Grüße, Julia Peirano


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