VG-Wort Pixel

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich habe starke Verlustängste – liegt es daran, dass ich ein Frühchen war?

Verlustangst kann tiefliegende Ursachen haben (Symbolbild)
Verlustangst kann tiefliegende Ursachen haben (Symbolbild)
© Marjan_Apostolovic / Getty Images
Wenn Lennarts Freundin länger von ihm getrennt ist, bekommt er Verlustängste und Panik. Kann das seine Ursache in den Umständen seiner Geburt haben?

Liebe Frau Peirano,

ich (m, 19) leide schon immer unter Trennungsängsten. Ich war gegenüber meiner Mutter sehr anhänglich und habe eine Freundin, seit ich 17 bin. Wenn sie länger weg ist oder sich mir etwas entzieht, dann bekomme ich Verlustängste und Panik. Ich klammere und das führt auch zu Streit.

Jetzt hat meine Mutter neulich wieder erzählt, dass ich zu früh geboren wurde und als ganz kleines Baby in den Brutkasten musste. Meine Mutter war auch krank, und ich glaube, wir waren für sechs Wochen getrennt.

Jetzt frage ich mich, ob es sein kann, dass meine Ängste etwas damit zu tun haben. Mir kommt das selbst komisch vor, weil es ja so lange her ist, aber was sind Ihre Erfahrungen? Und wenn es die Ursache ist: Was kann man dagegen tun?

Vielen Dank und viele Grüße

Lennart K.

Lieber Lennart K.,

Es ist sehr gut möglich, dass Ihre Trennungsängste aus der Zeit stammen, in der Sie als Neugeborenes von Ihrer Mutter (und auch Ihrem Vater) getrennt waren.

Stellen Sie sich die Situation bitte einmal aus der Perspektive eines neugeborenen Babys vor: Bei der Geburt verlässt das Baby die sichere Geborgenheit in der Fruchtblase, in der es eng verbunden mit der Mutter und von ihr versorgt neun Monate verbracht hat. Es wird durch einen engen Geburtskanal gedrückt - oder per Kaiserschnitt geholt, bei der Geburt erfährt es Stress und möglicherweise sind auch die Ärzt:innen gestresst und übertragen die Anspannung auf das Kind. Direkt nach der Geburt hat dann eine gewaltige Umstellung vor sich: Statt vom Fruchtwasser ist es von Luft umgeben, es kann also leicht frieren oder zu warm werden. Statt durch die Nabelschnur ernährt zu werden, empfindet es Hunger und Durst, kann das aber nicht genau artikulieren. Die Haut spürt plötzlich Berührungen, auch schmerzhafte. Zum Beispiel die ärztlichen Untersuchungen, die bei einem Frühgeborenen nötig sind (Blutabnahme etc.)  Und das Kind hört die Geräusche ganz anders, als es das im Bauch der Mutter getan hat.

All das ist neu und beängstigend. Und in dieser Situation - möglicherweise nach einer stressigen Geburt - wird das von den Eltern getrennte Baby nicht in den Armen der Mutter gehalten und beschützt, sondern es ist alleine unter Fremden. Zwar wird es (hoffentlich) von den Pflegekräften versorgt (d.h. gewickelt, gefüttert, angezogen), aber es kann keine Bindung zu einem Menschen aufbauen, der es beschützt und liebt. 

Im Idealfall kann ein neugeborenes Baby durch die Bindung zur Mutter (und /oder zum Vater) erfahren, wie es ist, wenn es geborgen und gut aufgehoben ist und andere seine Bedürfnisse nach Essen, einer sauberen Windel, Bewegung und Berührung erfüllen. Das Baby lernt im Kontakt mit den Eltern, wie es sich selbst beruhigen, seine Wünsche durch Schreien äußern und im Wachzustand ruhig und aufmerksam sein kann. Es erfährt, dass es willkommen ist und geliebt wird, dass es anderen Menschen vertrauen und sich an sie binden kann. Dadurch entspannt sich das Kind und kann die Erfahrung machen, dass es schön und entspannend ist, mit anderen Menschen zusammen zu sein. Sie gehen vielleicht mal weg, aber sie kommen auch immer wieder, wenn man sie braucht und schreit.

Im Fall einer frühkindlichen Trennung von der Mutter (und vom Vater) macht das Kind die gegenteilige Erfahrung: Es erfährt nicht, dass es willkommen ist. Es kann sich nicht über den Geruch oder die Stimme an einen Menschen binden und diesem vertrauen, sondern es wird immer wieder von neuen Menschen versorgt, an die es keine Bindung hat. Dadurch entsteht bei Kindern ein hohes Maß an Stress, der sich in einer angespannten Körperhaltung und der Ausschüttung von Stresshormonen zeigen. Je nach Naturell reagieren eine Kinder auf die Trennung apathisch und resignieren, andere werden unruhig (strampeln z.B. viel).

Auf einer tiefen Bewusstseinsebene brennt sich bei einem Kind, das von seinen Eltern getrennt wird, ein: "Keiner kümmert sich um mich. Ich muss alles alleine machen. Keiner hilft mir. Ich bin nicht wichtig." Auch als Erwachsene leiden Menschen mit einer frühkindlichen Trennungserfahrung noch oft unter Verlustängsten, Bindungsstörungen und einem Mangel an Selbstvertrauen.

Nun ist die Frage, was Sie dagegen tun können. Der erste wichtige Schritt ist, dass Sie erkannt haben, was mit Ihnen passiert ist! Dadurch können Sie Ihre Gefühle und Ängste besser annehmen und verstehen. Ich würde Ihnen empfehlen, sich eine Therapeutin oder einen Therapeuten zu suchen, der/die mit dem sogenannten "inneren Kind" arbeitet. Hier geht es explizit darum, das innere Kind zu erfahren, sein Leid noch einmal zu spüren und sich um das innere Kind selbst zu kümmern. Das heißt: Sie würden in dieser Therapie noch einmal auf das Baby im Brutkasten sehen und über seine Einsamkeit und seinen Stress trauern, aber gleichzeitig innerlich das Baby (also diesen Teil in Ihnen, der sich so fühlt) beruhigen und annehmen.

Es hilft nicht, diese therapeutische Arbeit lediglich auf einer kognitiven Ebene zu machen, also z.B. mit Büchern über das innere Kind. Es ist ganz wichtig, eine Erfahrung zu machen und das Kind emotional zu spüren und zu versorgen. Insbesondere, wenn Sie diese Begegnung im Rahmen einer sehr vertrauensvollen therapeutischen Beziehung machen können, kann das sehr helfen, sich selbst anzunehmen und zu lieben.

Dadurch lernen Sie automatisch, sich um Ihre Verlustängste selbst zu kümmern und diese nicht in einer Partnerschaft versorgt wissen zu wollen. Das wird auch die Qualität Ihrer Beziehungen verbessern und Sie werden sich weniger bedürftig und abhängig fühlen. Nicht zuletzt nehmen Sie Ihrer Partnerin dadurch auch etwas Verantwortung von den Schultern.

Herzliche Grüße und alles Gute für Sie,

Julia Peirano


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker