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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Mein Freund vergewaltigte mich - und tat dann so, als sei es eine Lappalie

Das Erlebte belastet Elisabet schwer (Symbolbild)
Das Erlebte belastet Elisabet schwer (Symbolbild)
© chameleonseye / Getty Images
Elisabet wurde von ihrem Ex-Freund zum Sex gezwungen. Und spürt nun Jahre später noch die emotionalen Folgen. Kann es ihr helfen, ihre Vergangenheit und den Täter damit zu konfrontieren?

Liebe Frau Peirano,

vor mittlerweile dreieinhalb Jahren - ich war 17 - war ich an einem sehr schwierigen Punkt in meinem Leben. Ich hatte mich gerade in Therapie begeben, da ich mit Depressionen und einer Angststörung lebte. Meine engsten Freundinnen haben sich von mir distanziert - mit mir konnte man "keinen Spaß mehr haben" - und ich war in einer toxischen Beziehung.

Er war so alt wie ich und wir gingen gemeinsam zur Schule. Nach außen hin wirkte er sehr selbstbewusst, auf einige Mitschüler*innen, oft auch auf mich, sogar arrogant. Er hielt sich für überdurchschnittlich intelligent und machte viel Sport. Erst vergleichsweise spät sprach er mit mir über seine vielen Unsicherheiten. Seine Vertrauensperson zu sein und scheinbar von ihm akzeptiert zu werden, gaben mir anfangs ein Gefühl von Stolz.

Das Zusammensein mit ihm war geprägt von systematisch wirkender Erniedrigung, emotionaler Manipulation und dem Kleinhalten meiner Person und damit einhergehend hatte ich viele emotionale Zusammenbrüche. Ich schien nie gut genug sein zu können und wir zogen uns gegenseitig immer weiter herunter. Obwohl mir zu diesem Zeitpunkt schon bewusst war, wie ungesund diese Beziehung war, konnte ich mich nicht lösen, was einerseits an der Hoffnung lag, es würde vielleicht irgendwann besser werden, andererseits wollte ich nicht meine letzte Bezugsperson außerhalb meiner Familie verlieren. Erschwerend kam dazu, dass er vor einem einjährigen Auslandsaufenthalt stand, mit dem ich mich in Anbetracht meiner Situation nur schwer anfreunden konnte.

Eine Woche vor seiner Abreise kam es zu dem Vorfall, um den es gehen soll: Er zwang mich zum Sex. Er hielt mich fest und ich weinte, unfähig, mich verbal oder körperlich zu wehren und ließ es irgendwann einfach über mich ergehen. Danach schlief er direkt ein. Als ich ansprach, wie verstört und verletzt ich war, gab er mir zu verstehen, dass ich keine große Sache daraus machen solle. 

Zwei Monate später trennte er sich von mir. Kurz danach drohte er mit Selbstmord, da er die Trennung nicht akzeptieren könne und ich ihn sehr verletzt hätte. Ein Jahr später sagte er zu mir, es sei "fast eine Vergewaltigung gewesen", aber er "fand es gut" und habe wohl "ein Problem". Das Thema war für ihn damit abgehakt. Außerdem sagte er, dass er mich immer lieben würde. Mir war bewusst, dass er mich dazu manipulieren wollte, die Schuld auf mich zu nehmen. 

Seit der Trennung hat sich mein Leben um 180 Grad gewendet. Ich habe einen tollen Freundeskreis, habe große Ziele erreicht und bin in einer liebevollen Beziehung. Doch der Vorfall ist seit Anfang des Jahres präsenter denn je und belastet mich. 

Intime Nähe kann ich selten aushalten, da meine Gedanken direkt zu diesem Tag zurück gehen. Ich habe Angst, dass meine Grenzen überschritten werden und tue alles, um dies zu verhindern. Daher bin ich meinem jetzigen Freund gegenüber teilweise sehr abweisend. Obwohl ich weiß, dass ich bei ihm in Sicherheit bin, kann ich mein Unterbewusstsein nicht davon überzeugen.

Ich weiß, dass ich keine Schuld dafür trage, was passiert ist und bin wütend auf meinen Ex-Freund. Ich bin auf der Suche nach persönlichem Frieden und hoffe, ihn in einer Konfrontation mit ihm zu finden. Ich hoffe auch, dass ich darin eine Art des Empowerments sehen kann und mir selber versichere, dass ich meine Grenzen verteidige, wenn es notwendig ist und den Mut finde, diese Grenzen zu öffnen, wenn ich mich sicher fühle. Wie lerne ich, das Passierte zu verarbeiten, ist die Konfrontation der richtige Weg? Wie kann ich in Zukunft meinem Freund wieder unvoreingenommen begegnen?

Viele Grüße, 

Elisabet R.

Liebe Elisabet R.,

Es ist eine furchtbare Geschichte, die Sie da erzählen! Sie waren jung, unsicher und unerfahren und haben sich auch ein Stück emotional abhängig von Ihrem Freund gemacht, weil Sie in einer schweren Lebensphase ohne Freunde waren. Das ist völlig verständlich, nur genau dann sollte man eigentlich Schutz und Sicherheit finden.

Und es hört sich so an, als wenn Ihr "Freund" ihre Notlage ausgenutzt hat, um Schritt für Schritt auszutesten, wie weit er Ihre Grenzen überschreiten kann. Sie erst auf einer seelischen Ebene zu erniedrigen und zu manipulieren, und dann sexuell Ihre Grenzen zu überschreiten. Haben Sie es bisher als Vergewaltigung betrachtet?  Oft ist es wichtig, die Dinge beim Namen zu nennen, auch um zu erkennen, dass es sich dann um eine kriminelle Handlung Ihres Freundes handelt, die laut Gesetz bestraft wird. Bestimmt ist es hilfreich, sich § 177 des Strafgesetzbuches zum Thema "Sexueller Übergriff; sexuelle Nötigung; Vergewaltigung" durchzulesen.

In der Istanbul-Konvention von 2016 wird definiert, was eine Vergewaltigung ist (nachzulesen z.B. hier). Mit diesem 2016 novellierten Sexualstrafrecht ist ein sexueller Übergriff schon dann strafbar, wenn er gegen den erkennbaren Willen einer Person ausgeführt wird. Es kommt nicht mehr darauf an, ob eine betroffene Person sich gegen den Übergriff körperlich gewehrt hat oder warum ihr dies nicht gelungen ist. Damit wird endlich auch in Deutschland die Anforderung der Istanbul-Konvention umgesetzt, wonach alle nicht-einverständlichen sexuellen Handlungen unter Strafe zu stellen sind.

Nach dieser Definition handelt es sich klar um eine Vergewaltigung, was ihnen passiert ist. Besonders schlimm ist es, dass Ihr damaliger "Freund" die Tat später abgetan und verharmlost hat als wäre es eine Lappalie und Ihnen sagte, Sie sollten "keine große Sache" daraus machen. Damit hat er Sie und Ihre Gefühle noch weiter entwertet und Ihre Wahrnehmung weiter verdreht. Zum Glück sehen Sie die Sache klar! 

Ich möchte Ihnen sagen, dass ich in meiner Praxis schon häufig mit jungen Frauen gesprochen habe, denen ähnliches passiert ist. Die meisten Frauen, denen ich begegnet bin, waren sehr jung oder sogar noch Kinder, als Sie vergewaltigt oder genötigt wurden. Viele dieser Frauen sind eher schüchterne und unsichere Frauen, und sie legen viel Wert darauf, anderen zu gefallen, weil sie sich Nähe wünschen. Und dann trafen sie auf einen gestörten Mann, der übergriffig wurde und sie genötigt oder vergewaltigt, gewürgt, in erniedrigenden Posen fotografiert oder beschimpft hat. 

Deshalb würde ich diesen Beitrag auch gerne als Appell an junge Frauen und deren Freundinnen und Freunde, Mütter und Väter, Tanten und Onkel und sonstige Bezugspersonen nutzen: 

Passen Sie gut auf sich auf - und passen Sie auch auf Ihr Umfeld auf. Es kann sehr gefährlich sein, sich mit Männern zu treffen, die grenzüberschreitend oder irgendwie "unheimlich" sind. Lassen Sie sich auf keinen Fall zu einem Treffen drängen, wenn Sie ein "komisches Bauchgefühl" haben.

Machen Sie am besten gleich nach der ersten kleinen Grenzüberschreitung einen Rückzug! Lernen Sie eine Selbstverteidigungsmethode! Üben Sie vor dem Spiegel, Nein zu sagen, und überlegen Sie sich Konsequenzen, wenn ihr Nein nicht respektiert wird (auch schon in kleinen Dingen wie z.B. etwas zu essen oder zu trinken, das man nicht möchte)

Sexuelle Übergriffe passieren viel öfter, als man gemeinhin denkt, und Tinder & Co helfen es den Tätern, ihre Opfer zu finden. 

Wie Sie selbst es sagen: Sie und andere Frauen, die sexuelle Übergriffe erfahren mussten, trifft keine Schuld, sondern sie wurden Opfer einer Beziehungstat. Das ist psychologisch auf eine andere Art schlimm und verstörend, wenn ein "Freund" einem Gewalt antut, als wenn es ein Fremder wäre. Denn wir alle sollten differenzieren: Es gibt böse Menschen in der Welt, und um die mache ich einen Bogen. Und es gibt gute und vertrauenswürdige Menschen, die lasse ich an mich heran. Genau das wird durcheinander gebracht durch eine Beziehungstat, in der ein Mensch, dem man vertraut hat, einem Gewalt antut.

Deshalb ist es auch eine völlig normale und verständliche Reaktion, dass danach das Vertrauen in alle Menschen, insbesondere in Männer, mit denen man eine intime Beziehung hat, zerstört ist.

Sie fragen mich, wie Sie das Erlebnis verarbeiten können. Hier ist Traumatherapie der richtige Weg. Eine Möglichkeit ist Traumatherapie bei einer Hypnosetherapeutin, aber auch mit EMDR (bitte informieren Sie sich auf der Seite emdr.de, wie diese Methode funktioniert) weist große Erfolge auf. Ebenso geeignet sind anderen Psychotherapeutinnen, die sich mit Traumatherapie auskennen. Nach einer erfolgreichen Traumatherapie erleben die meisten Patienten eine entlastende Veränderung der Erinnerung, die damit verbundene körperliche Erregung klingt deutlich ab und negative Gedanken können (auch von der Gefühlsebene her) neu und positiver umformuliert werden. Nach einer Traumatherapie wird es Ihnen leichter fallen, wieder zu differenzieren in vertrauenswürdige Menschen und die "anderen" und dann auch in einer Beziehung ihren Grenzen und Bedürfnissen besser zu vertrauen. Vormals würde ich Ihnen raten, dass Sie Ihrem jetzigen Freund erzählen, was passiert ist und ihn bitten, dass er es respektiert, dass Sie diejenige sind, die Sex initiiert und auch jederzeit nein sagen kann (wie jeder es tun sollte!). 

Sie schreiben, dass das Bedürfnis haben, Ihren damaligen Freund (ich nenne ihn gerne den "Täter") zu konfrontieren. Wie wäre es, wenn Sie sich erst einmal in einem Brief, den Sie nicht abschicken, alles von der Seele schreiben und hinterher überlegen, was genau Ihre Intention ist. Wollen Sie ihn öffentlich demütigen? Wollen Sie sein Umfeld warnen, weil Sie glauben, dass er auch zukünftig Frauen missbraucht? Wollen Sie Verständnis (das wird er Ihnen nicht geben, weil er schwer gestört ist und keine Empathie hat). Erst wenn das geklärt ist, können Sie den Brief in Reinschrift schreiben und gegebenenfalls abschicken. Möglicherweise besprechen Sie das aber auch mit der Traumatherapeutin. Denn es ist ja wichtig, dass der Brief Ihnen hilft und nicht noch mehr schadet.

Ich hoffe, Ihnen geholfen zu haben!

Herzliche Grüße und gutes Verheilen, Julia Peirano


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