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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich habe mit Lügen und Porno-Konsum die beste Beziehung an die Wand gefahren, die ich je hatte

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Dennis weiß, dass er sich falsch verhalten hat (Symbolbild)
Dennis weiß, dass er sich falsch verhalten hat (Symbolbild)
Bevor er seine Freundin traf, wusste Dennis nicht, wie man eine Beziehung führt. Doch trotz seiner vielen Fehlverhalten blieb sie lange bei ihm. Und obwohl er es besser wusste, machte er einfach weiter. Gibt es einen Ausweg für die beiden?

Sehr geehrte Frau Peirano,

ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, da ich vor lauter Scham und Reue nur das Gefühl habe, als würde alles über mir zusammenbrechen.  Ich habe meine Freundin, die beste Partnerin, die ich je hatte, wahnsinnig enttäuscht, belogen und hintergangen. Meine Freundin und ich sind seit knapp zwei Jahren zusammen. Vor ihr hatte ich nur sehr kurze Beziehung, habe ohne Ende Alkohol an den Wochenenden konsumiert, war verantwortungslos und habe mit Ach und Krach meine Ausbildung geschafft. Lebte noch bei meinen Eltern und war sehr unselbstständig. 

Mein Vater ist Alkoholiker und ich habe durch seine schroffe Art nie gelernt, meine Meinung zu sagen und zu vertreten. Ich lernte Lisa völlig unerwartet in einem Club kennen und es war für uns beide Liebe auf den ersten Blick. Zwei Minuten nach dem Blickkontakt kam es zum ersten Kuss. Sie hatte es von Anfang an nicht leicht mit mir, vor allem durch mein ADS. Ich erwartete viel, und gab wenig zurück. Sie hatte bereits einen kleinen Sohn, war super herzlich, ruhig, verantwortungsbewusst. Mit so einer reifen und liebevollen Person war ich noch nie zusammen. Ich kannte die Werte und Säulen in einer Beziehung nicht, kannte kein Streitschema und wusste nie, wie man sich verhalten muss. 

Ich war schroff, habe oft Stimmungsschwankungen durch ADS, kritisiere viel, aber komme mit Kritik selbst nicht klar. Sie legte viel Wert auf Treue, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Kommunikation. Sowas habe ich nie gelernt. Für sie ging z.B Pornos gucken gar nicht, und ich habe es trotzdem in massivem Ausmaß hinter ihrem Rücken getan. Sie hat es herausgefunden und war wahnsinnig enttäuscht von meinem Verhalten. Sie hatte mich zuvor mehrmals danach gefragt, und ich habe mit Schwur auf unseren gemeinsamen Sohn gesagt, dass ich es nicht getan habe. Die Lüge hat sie mehr enttäuscht als meine Tat an sich. Weil sie mir vertraut hatte.

Als sie ungeplant schwanger von mir wurde, habe ich sie aus Angst direkt am nächsten Tag telefonisch verlassen. Bin in der Schwangerschaft gekommen und gegangen, wann ich wollte, weil ich einerseits nicht ohne sie konnte und wollte, aber andererseits mich nicht auf die Verantwortung einlassen wollte. Ich habe sie so sehr im Stich gelassen, sie alles allein machen lassen. Sowohl persönlich, als auch finanziell.

Sie hat trotzdem geduldig auf mich gewartet, hat meine Angst verstanden und mir Zeit gegeben. Sie sagte, man repariert kaputte Dinge, anstatt sie sofort wegzuwerfen. Kurz vor der Geburt habe ich die Kurve bekommen, mich dann doch für sie entschieden, mit ihr und den Kindern eine gemeinsame Wohnung gesucht.

Meine Freundin ist alles für mich und ich liebe sie. Durch sie bin ich mit akzeptabler Benotung durch die Ausbildung gekommen, da sie immer mit mir gelernt hat. Sie hat mir gezeigt wie man kocht und Verantwortung trägt, mir soviel verziehen und mich immer geliebt, ohne viel zu erwarten. Sie hat mich akzeptiert, wenn ich mich selbst nicht akzeptieren konnte, mich geliebt, wenn ich es am wenigsten verdient habe. Und ich kann nicht mit dem leben, was ich ihr angetan habe. Ich habe den besten Menschen in meinem Leben hintergangen, belogen, verletzt, habe sie in jedem Konflikt schlecht behandelt, kann keine Versprechen einhalten, habe sie oft als selbstverständlich genommen. 

Ich habe neben ihr Pornos angemacht, wenn ich sauer auf sie war. Sie hat so oft so bitterlich wegen mir geweint. Ich will sie nicht verlieren, ich möchte ihr Vertrauen zurück und es besser machen. Was kann ich tun? Ich habe sie im Stich gelassen, Ihr Vertrauen gebrochen und sie liebt mich immer noch. Aber ihr Vertrauen hat sehr gelitten unter meinen Taten und falschen Versprechungen. 

Ich hoffe auf Hilfe

LG Dennis S.

Lieber Dennis S.,

Ihr Bericht hat mich sehr überrascht. Ich kann Ihnen auch sagen, warum.  Sie wissen anscheinend ganz genau, was Sie alles tun, um diese Beziehung zu sabotieren. Sie haben Stimmungsschwankungen, sind unehrlich, kritisieren Ihre Freundin, lügen, lassen sie im Stich, haben kein Empfinden dafür, wie man in einer Beziehung das Verhältnis zwischen Geben und Nehmen ausgleicht. Sie haben Ihre Partnerin in der Schwangerschaft im Stich gelassen, Sie haben gelogen und Sie schauen Pornos, auch wenn ihre Partnerin davon sehr verletzt ist.

Das ist eine ganz stattliche Liste, und ich kann mir vorstellen, dass Ihre Freundin es sehr schwer mit Ihnen hat - und dass wahrscheinlich jede Partnerin unter Ihrem unpartnerschaftlichen Verhalten leiden würde.

Ich frage mich, warum Sie bisher so wenig daran geändert haben, wenn Sie doch einsehen, dass Ihr Verhalten die Beziehung sabotiert? Meine Frage ist noch konkreter: Was wünschen Sie sich von mir, wenn Sie mir schreiben, wie zerstörerisch Sie sich gegenüber Ihrer Freundin verhalten? Psychotherapeuten sind auch Realitäten- und Ideenkellner, und ich kann Ihnen folgende Realität, die Sie sicher auch schon anderswo gehört haben, heiß servieren: Ihr Verhalten zerstört das Vertrauen in Ihrer Beziehung. Und eines Tages wird es auch die Beziehung zerstören.

Meine Frage ist, was Sie mit den vielen Ideen, wie man eine Beziehung liebevoller und fairer gestalten könnte, angefangen haben. Ihre Freundin lebt es Ihnen anscheinend vor. Sie könnten auch eine Therapie beginnen und Ihre Vergangenheit aufarbeiten und sich erarbeiten, wie Sie als Vater und Partner sein wollen. Was mir allerdings beim Lesen auch aufgefallen ist und Sorgen bereitet, ist das Verhalten Ihrer Partnerin. Sie setzt Ihnen (leider) keine Grenzen, sondern beweist eine Engelsgeduld, gibt Ihnen wieder und wieder eine Chance und lässt sich selbst schlecht behandeln. Es macht auf mich den Eindruck, als wenn Ihre Partnerin Ihr Problem unterstützt. Man nennt das auch Co-Abhängigkeit. 

Wenn ein Partner psychische oder Suchtprobleme hat und der andere Partner nicht mehr bei sich und seinen Gefühlen ist, sondern um den kranken Partner kreist, spricht man von Co-Abhängigkeit. Wahrscheinlich hat Ihre Partnerin in Ihrer Ursprungsfamilie gelernt, sich auf einen psychisch kranken Menschen einzustellen und zu versuchen, ihn zu retten. Dabei macht sie ein großes Minusgeschäft, wie Sie ja selbst auch sagen. 

Kann es sein, dass Sie auch etwas Respekt vor Ihrer Freundin verloren haben, weil sie sich alles von Ihnen bieten lässt? Und weil sie sich nicht einen zuverlässigen, liebevollen Partner sucht, der ihr das bietet, was sie braucht (und selbst zu geben hat?). Und weil sie Sie nicht vor die Tür setzt?

Für Ihre Partnerin wäre es sehr wichtig, sich mit ihrer Co-Abhängigkeit auseinander zu setzen. Ich empfehle folgende Bücher:

  • Eva-Maria Seidel - Toxische Beziehungen erkennen & auflösen: Mit praktischem Selbsttest und hilfreicher Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Ausstieg aus der emotionalen Abhängigkeit. 
  • Anne Wilson Schaef - Co-Abhängigkeit: Die Sucht hinter der Sucht.

Die große Frage ist, wie Sie als Paar (und als Eltern) aus dem Schlamassel herausfinden. Ich empfehle Ihnen dringend eine Paartherapie bei einer erfahrenen Paartherapeutin, in der alle Probleme auf den Tisch gelegt werden können. Sowohl Ihre als auch die Ihrer Partnerin. Dann kann erarbeitet werden, welche Hilfe jeder von Ihnen und Sie als Paar brauchen.

Stellen Sie sich darauf ein, dass es ein langer Weg werden wird!

Herzliche Grüße

Julia Peirano


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