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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Mein Mann hat seine Affären und ich hocke Zuhause – doch für eine Trennung ist es längst zu spät

Stefanie weiß von den Affären ihres Mannes (Symbolbild)
Stefanie weiß von den Affären ihres Mannes (Symbolbild)

© Mladen Zivkovic / Getty Images
Als Stefanie zum ersten Mal entdeckte, dass ihr Mann sie betrügt, entschied sie sich noch, zu bleiben. Heute ist die Ehe der beiden längst nur noch eine Zweckgemeinschaft. Aber lohnt es sich noch für sie, daraus auszubrechen?

Liebe Frau Peirano,

ich befinde mich seit Jahren in meiner Ehe in einer Sackgasse. Mein Mann und ich sind seit 40 Jahren zusammen. Er ist 65, ich bin 63. Nach der Geburt des ersten Kindes hatte ich lange keine Lust auf Sex, und mein Mann ist ein sehr körperlicher und triebgesteuerter Mensch. Ihm bedeutet Sex alles. Ich dachte am Anfang unserer Beziehung, dass er verrückt nach mir ist. Aber er ist verrückt nach allen Frauen, die er begehrt.

Als ich mit Anfang 30 von einer Reise zurückkam, fand ich eines Tages eine rosa Unterhose in unserem Ehebett, die nicht mir gehörte. Ich sprach ihn darauf an und er stritt alles ob, obwohl die Situation offensichtlich war. Ich habe dann wegen der Kinder (damals hatten wir schon drei), die Zähne zusammen gebissen. Ich war auch finanziell von meinem Mann abhängig, und er war ein guter Vater und Versorger. Das redete ich mir ein, und obwohl ich immer wieder kontrollierte, mit wem er zusammen war, blieb ich bei ihm und machte nichts.

Wir entfremdeten uns immer weiter. Ich schlief zwar ab und zu mit ihm, aber ich dachte oft an seine Untreue und sah den Sex eher als Pflichterfüllung. Als die Kinder in der Pubertät waren, sagte mein Mann mir klipp und klar, dass ich für ihn körperlich zu kühl und steif bin und er eher auf temperamentvolle, feurige Frauen steht. Frauen! In der Mehrzahl!  Ich war erst einmal ziemlich durch den Wind und wir haben uns in den Jahren danach oft gestritten. Das war für die Kinder sicher sehr schlecht. Er sagte immer wieder, dass er sich nicht scheiden lassen wolle, aber seine eigenen Wege geht. Ich war damals Anfang/Mitte 40, hatte drei Kinder und dachte mir: Wer will mich noch als Mutter von drei Kinder und Hausfrau?

Also ließ ich mich darauf ein. Wir hatten getrennte Schlafzimmer, machten getrennte Urlaube, und mein Mann konnte ungestört seine Affären und Liebschaften haben. Er leitet eine kleine Firma, und hinter den Verkaufsräumen hat er sich sein Liebesnest eingerichtet. Ich kann dazu nicht viel sagen und habe mich auch daran gewöhnt. Aber ich fühle mich sehr gedemütigt. Das ganze Dorf weiß Bescheid, nur mit mir redet keiner darüber. Mein Mann redet nicht mit mir über seine Frauen, und ich kann nur anhand seiner Reiseziele ahnen, was los ist. Mittlerweile habe ich mich auch daran gewöhnt.

Aber ich bin jetzt 63, noch attraktiv, und ich frage mich, wie meine Zukunft verlaufen soll. Ich sitze auf dem Dorf in einem großen Haus fest, bin einsam, und mein Mann kommt und geht, wie er will. Wir essen zusammen, unternehmen auch etwas, halten für die Kinder die Fassade aufrecht. Aber das kann es doch nicht gewesen sein mit meinem Leben? Ich habe leider für die Familie immer zurück gesteckt und mich nicht auf meinen Beruf konzentriert. Jetzt ist es eh zu spät dafür.

Ich würde gerne mal von Ihnen hören, ob ich mich jetzt noch trennen soll. Ich werfe mir oft vor, dass ich mich nicht getrennt habe, als ich die rosa Unterhose gefunden habe.

Viele Grüße

Stefanie G.

Liebe Stefanie G.,

Das ist eine traurige Geschichte von geplatzten Träumen, die Sie mir erzählen. Ich höre heraus, dass Sie - und wahrscheinlich auch ihr Mann - sich die Ehe und das Zusammenleben anders vorgestellt haben. Wissen Sie noch, was Sie sich erhofft haben, als Sie Ihren Mann kennen gelernt und geheiratet haben?

Erinnern Sie sich doch einmal an die Anfangszeit Ihrer Beziehung. Gab es damals eigentlich schon Dinge, die Sie gestört oder verunsichert haben? War Ihnen bewusst, dass Sex für Ihren Mann einen viel höheren Stellenwert hat als für Sie? Vielleicht gab es in seiner Vorgeschichte oder in seinem Verhalten Anzeichen dafür, dass Ihre Einstellung zum Sex zum Problem werden könnte.  Ich würde Ihnen empfehlen, nach dem ersten Ereignis zu suchen, an dem etwas wirklich nicht stimmte und an dem Sie hätten sagen können: "bis hierhin und keinen Schritt weiter. Entweder wir klären es oder wir lassen es." Gab es vor der rosa Unterhose schon andere Unstimmigkeiten oder Verletzungen? Wie war seine Vorgeschichte, wie hat er sich gegenüber anderen Frauen verhalten?

Es ist generell ein guter Rat, beim ersten Anzeichen einer schweren Unstimmigkeit aufzuhorchen und eine klare Grenze zu ziehen. Denn eigentlich könnte man sagen, dass ein Partner, der an einem wirklich interessiert ist, alles daran setzt, um eine Klärung und gute Lösung zu finden. Wenn jemand sich aber durchsetzt und Grenzen überschreitet, ist das ein guter Indikator dafür, dass er auch in Zukunft noch größere Grenzverletzungen begeht.

Bei Ihnen ist dieser Zeitpunkt längst vorbei, und Sie werden Ihre Gründe gehabt haben, trotz der offen ausgelebten Untreue Ihres Mannes bei ihm zu bleiben. Es wäre sicher hilfreich, wenn Sie sich diese Gründe noch einmal genau vor Augen führen und auch dazu schreiben, welche Vorteile Sie in bestimmten Phasen hatten, WEIL Sie sich nicht getrennt haben. (z.B. als die Kinder klein waren: Ich konnte mich in Ruhe den Kindern widmen, ich hatte keine finanziellen Sorgen, musste nicht arbeiten…). Und dann schreiben Sie bitte auf, welche Gründe auch heute noch relevant sind.

Durch diese Überlegungen machen Sie sich klar, was Ihnen wichtig ist und warum Sie sich für diesen Lebensweg entschieden haben. Das bringt Sie aus einer möglichen Opferrolle heraus.

Der nächste Schritt ist, wie Sie die Lebenssituation, die Sie jetzt haben, anders bewerten können und das Beste für sich daraus ziehen können. Ihr Mann hat immerhin seit über 20 Jahren klare Worte dafür gefunden, wie er Ihre Beziehung sieht. Er sieht Sie nicht mehr als Liebespaar, sondern als ein Team, das durch gemeinsamen Besitz und durch Ihre Lebensgeschichte verbunden ist. Dennoch ist jeder auf sich selbst gestellt.

Haben Sie in all den Jahren schon einmal probiert, sich ebenfalls einen Freund oder eine Liebschaft zu suchen? Wenn ja: wie waren Ihre Erfahrungen? Wenn nein: Warum sind Sie nicht daran interessiert, eine Beziehung zu einem anderen Mann aufzubauen? Haben Sie möglicherweise kein Bedürfnis nach körperlicher Nähe? Haben Sie eine tiefsitzende Angst oder ein Misstrauen vor Männern? Woran liegt das? Gab es vor Ihrem Mann schon andere Männer (z.B. Ihren Vater), die nicht vertrauenswürdig waren?

Wie stellen Sie sich den nächsten Lebensabschnitt vor? Anscheinend haben Sie ja bequeme und sorglose Rahmenbedingungen und von Ihrem Mann einen Freifahrtschein für alles, was Sie wollen. Sie können sich jegliche Zeit der Welt nehmen, sind niemandem verpflichtet, brauchen niemandem treu sein, haben die finanziellen Mittel für Aktivitäten wie Sport, Musizieren, Reisen…

Wie wäre es, wenn Sie sich einmal eine ganz konkrete Vision machen, wie Sie wirklich leben wollen unter den Bedingungen, die Sie nun einmal haben mit einem Mann, der eher neben Ihnen her lebt als mit Ihnen? Wie wollen Sie sich fühlen - z.B. geliebt, frei, aktiv? Erstellen Sie für jedes Gefühl, dass Sie sich in Ihrem Leben wünschen, Bilder. Z.B. frei: mit einem Rucksack in den Bergen, tanzen, reisen und andere Menschen kennen lernen…

Ich empfehle Ihnen, zu akzeptieren, dass Sie sich für das Bleiben entschieden haben und mit allen Mitteln, die Ihnen zur Verfügen stehen, das Beste daraus zu machen.  Meine Großtante ist übrigens nach dem Tod Ihres Mannes mit 70 Jahren richtig aufgelebt. Sie hat eine Freundin gefunden, mit der Sie sich sehr amüsieren und das Leben genießen konnte, und die beiden sind zusammen gereist und haben es richtig krachen lassen. Das könnte man sich als Vorbild nehmen…

Herzliche Grüße

Julia Peirano


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