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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Meine Mutter gibt sich als chronisches Opfer und terrorisiert mich damit

Die Beziehung zur eigenen Mutter ist oft kompliziert (Symbolbild)
Die Beziehung zur eigenen Mutter ist oft kompliziert (Symbolbild)
© fizkes
Eigentlich hat sich Franziska gut von ihrer Mutter emanzipiert. Doch durch die aktuellen Umstände muss sie sich wieder vermehrt um sie kümmern - und bekommt auch die Probleme wieder deutlicher vor Augen geführt. Vor allem die Opferhaltung sorgt für Ärger.

Liebe Frau Dr. Peirano,

zunehmend mache ich mir Sorgen um das Verhältnis zu meiner Mutter. Meine Eltern wohnen 400 km entfernt von mir (w, 41, Einzelkind) und meiner Familie. Wir telefonieren regelmäßig, es gibt mehrmals im Jahr Besuche, bis vor Kurzem auch wechselseitig.

Mein Vater ist 77, meine Mutter wird diesen August 75. Beide sind seit Langem starke Raucher und somit Hochrisikopatienten. Dennoch habe ich seit meinem Auszug mit 19 stark von meiner Mutter distanziert, vor allem emotional. Meine Eltern haben sich damit schwer getan. Meine Mutter hat das auch sehr deutlich kommuniziert, mein Vater ist eher der Stillere.

Es war immer schon sehr schwierig, mit meiner Mutter zu streiten. Sie ist sehr schnell beleidigt und sehr nachtragend. Sie weicht vom gerade aktuellen Streitthema ab und verlagert die Diskussion weg von der konkreten Situation ins Allgemeine. Einige gute Freunde haben sich in den letzten Jahren von ihr zurückgezogen. In einem Fall weiß ich, dass das Verhalten meiner Mutter der direkte Grund dafür war. Ich selber habe erlebt, dass sie am Telefon regelrechte Wutanfälle bekommen und mich heruntergeputzt hat. Natürlich ohne die Gelegenheit zu geben, die eigene, andere Wahrnehmung noch zu artikulieren oder ihr zu vermitteln, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung ist. Dennoch liebe ich meine Eltern und ich möchte, dass es ihnen gutgeht.

Die aktuelle Situation ist nicht nur wegen Corona sehr schwierig. Mein Vater ist Ende November 2020 gestürzt. Dabei hat er sich im Bereich der Halswirbelsäule verletzt. Im Verlauf seiner weiteren Behandlung kam es zu starken Komplikationen (Bronchitis, Magenschleimhautentzündung, starke Schluckbeschwerden, großer Gewichtsverlust) und daher zum einem Krankenhausaufenthalt ab kurz vor Weihnachten. Im Krankenhaus hat er eine Covid-19 Infektion bekommen und nach 5 Wochen überstanden, leidet aber noch an Nachwirkungen. Aktuell kommen noch zwei kleinere Schlaganfälle obendrauf.

Natürlich ist das für alle Beteiligten eine große Belastung. Ich war im Januar eine Woche bei meiner Mutter und habe ihr geholfen, Formulare in Ordnung zu bringen, die Abrechnungen zu organisieren und einen Antrag für evtl. nötige Pflegeleistungen auf den Weg zu bringen. Ich werde meine Eltern fraglos weiter unterstützen. Aber ich habe auch noch eine Vollzeitstelle und eine eigene Familie.

Was mich jetzt dazu bewogen hat, Ihnen zu schreiben, ist aber noch etwas ganz Anderes: Ich bin per Zufall darüber gestolpert, dass es so etwas gibt wie eine "chronische Opferrolle". Als ich die 10 Punkte gelesen habe, die darauf hindeuten könnten, eine solche Person zu sein oder zu kennen, konnte ich jeder dieser Aussagen für meine Mutter hundertprozentig unterschreiben. Kaum Hobbies, ein dringendes Bedürfnis, sich um andere kümmern zu wollen – und es sie dann auch wissen zu lassen, was man gerade auf sich nimmt, alles, was eine eigene Anstrengung beinhaltet, als Stress empfinden und weitestgehend vermeiden, die Neigung, anderen die Schuld zu geben, wenn Dinge schief laufen, mangelndes Selbstwertgefühl und mangelndes Einschätzungsvermögen, was die Notwendigkeit von Pausen oder Urlaub für die eigene Person bedeutet – es ist alles da. Es hat in meinem Kopf so richtig "Klick" gemacht, als ich das las.

Das wirft für mich aber gerade in der aktuellen Situation folgende Fragen auf: Ist meine Einschätzung überhaupt valide? Wie kann ich meine Mutter weiter unterstützen bei dem, was wirklich notwendig ist, und was letztendlich auch meinem Vater und seiner (hoffentlich) Genesung zugute kommt, ohne in den emotionalen Sog meiner Mutter mitgerissen zu werden? Gibt es Hilfen für Angehörige von Menschen mit chronischer Opferrolle?

Herzliche Grüße

Franziska W.

Liebe Franziska W.,

Sie befinden sich ganz offensichtlich in einer sehr schwierigen Situation, die leicht zu einer Überforderung für Sie werden kann (wenn sie es nicht schon ist).

Ihr Vater ist körperlich sehr beeinträchtigt und braucht Hilfe. Sie selbst leben 400 Kilometer entfernt und haben selbst eine Familie und Arbeit - da sind die Ressourcen beschränkt, und es ist für Sie wichtig, gut auf sich und Ihre Grenzen zu achten, um nicht in einen Burn-Out zu geraten.

Bestimmt ist es eine gute Hilfe, immer wieder beide Elternteile zu fragen, was sie von Ihnen brauchen (so konkret wie möglich) und dann zu entscheiden, was Sie Ihren Eltern geben können. Oft ist ja die Bürokratie bei der Beantragung von Pflegeleistungen und Geldern sehr kompliziert und aufwändig und kann einen viel Zeit und Nerven kosten. Falls Ihr Partner oder eine gute Freundin sich gut abgrenzen kann, wäre es hilfreich, immer wieder gemeinsam zu reflektieren, was Sie leisten können - und zur Not auch Nein zu sagen. Ihrer Familie und Ihnen ist nicht gedient, wenn Sie selbst erschöpft oder krank werden, und die Situation sieht ehrlich gesagt etwas brenzlig aus.

Nun zu Ihrer Mutter und der chronischen Opferrolle: Es gibt definitiv Menschen, die sich über die Rolle als aufopfernde und leidende Person definieren und andere damit manipulieren, erpressen und sich gefügig machen wollen. Es ist oft schwierig, mit solchen Menschen umzugehen, weil sie einen ganzen Katalog von unausgesprochenen Erwartungen haben und einen Gewinn daraus ziehen, dass andere sie leiden sehen. Dadurch bereiten sie sich selbst eine Bühne, auf der sie ihr Drama inszenieren können.

Ob es Selbsthilfegruppen für die Angehörigen von solchen Personen vor Ort und in Coronazeiten gibt, kann ich Ihnen aus der Distanz nicht beurteilen. Möglicherweise hilft auch eine andere Selbsthilfegruppen oder wahrscheinlich noch eher eine eigene therapeutische Unterstützung. Sie sind ja gedanklich schnell und scheinen sehr gut organisiert, da kann auch eine Sitzung im Monat schon wichtige Denkanstöße geben und finanziell sowie zeitlich im Rahmen bleiben.

Das Problem ist jetzt, dass Sie sich ja eigentlich emotional von Ihrer Mutter distanzieren wollen (wie es seit Ihrem 19. Lebensjahr ist) und das Ihren Bedürfnissen entspräche. Durch die Sorge für Ihren Vater fällt es schwerer, die gesunde Distanz beizubehalten und alte Muster brechen wieder auf. Es wäre bestimmt gut, diese Muster zu benennen, wenn sie auftreten und sie klar anzusprechen. Und zur Not auch mal ein Gespräch zu beenden oder frühzeitig abzureisen, um Ihre Grenzen aufzuzeigen. Denn Ihre Mutter präsentiert sich zwar gerne als Märtyerin, aber im Moment ist sie ganz klar auf Ihre Hilfe angewiesen. Und so hart es klingt, schadet es nichts, wenn sie das selbst klar zu sehen bekommt.

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Meine Mutter gibt sich als chronisches Opfer und terrorisiert mich damit

Aber es wäre nicht ehrlich, wenn ich Ihnen sagen würde, dass Sie Ihre Mutter, eine ältere Frau mit problematischen, eingeschliffenen Verhaltensmustern, ändern können oder zumindest einen einigermaßen erträglichen Kontakt mit ihr haben können. Meistens hilft nur räumliche Distanz und immer mal wieder eine längere Kontaktpause. Vielleicht können Sie sich als Selbstfürsorge ein Zimmer mieten, wenn Sie bei Ihren Eltern sind, um etwas Rückzug zu haben?

Ich hoffe, dass es Ihnen in einer psychologischen Beratung oder niederfrequenten Therapie gelingt, die Grenzen sorgfältig für sich auszuloten, um gesund zu bleiben.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano


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