VG-Wort Pixel

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Meine Freundin ist sehr anhänglich und klammert – das erstickt mich

Sehr große Nähe wird nicht von jedem als gleich angenehm empfunden (Symbolbild)
Sehr große Nähe wird nicht von jedem als gleich angenehm empfunden (Symbolbild)
© filadendron / Getty Images
Beziehungen bedeuten auch eine Nähe zueinander zu spüren. Doch für Andreas übertreibt es seine Freundin etwas zu sehr. Kann er sich selbst Raum schaffen, ohne sie zu verletzen?

Liebe Frau Peirano,

meine Freundin (22) und ich haben ein Problem. Sie ist immer sehr traurig, wenn ich wieder zu mir fahre (wir leben ungefähr 10 Kilometer voneinander entfernt). Ich muss sie beim Abschied trösten, aber oft weint sie sogar. Sie ist auch ziemlich anhänglich und möchte immer ganz nah bei mir sitzen oder liegen und viel kuscheln.

Ich würde mich eher als normal bis etwas distanzierter einschätzen und es ist mir einfach zu viel Nähe und Kontakt. Am liebsten würde sie ständig mit mir zusammen sein. Ich bin manchmal erleichtert, wenn ich in meiner Wohnung bin.

Unser Sexleben hat unter der Situation auch gelitten. Ich habe ganz oft keine Lust.

Wie kann ich ihr beibringen, dass ich mehr Abstand brauche, ohne sie zu verletzen? Sie ist ein sehr lieber Mensch und ich möchte ihr nicht weh tun.

Viele Grüße

Andreas F.

Lieber Andreas F.,

in vielen Partnerschaften sind das Bedürfnis nach Nähe und Distanz nicht bei beiden Partnern gleichermaßen ausgeprägt. Und wenn ein Partner dauerhaft mehr Nähe sucht als der andere, entsteht in der Beziehung schnell eine Schieflage. Einer kümmert sich um Nähe, und der andere denkt sich: Um Nähe muss ich mich ja nicht kümmern, die habe ich ja schon mehr als genug. Dann kümmere ich mich lieber darum, dass ich Luft zum Atmen habe.

Das löst beim anderen dann wieder den Gedankengang aus: Mein*e Partner*in kümmert sich nie  um Nähe, sondern will immer nur weg - oder lehnt meine Berührungen ab. Ich fühle mich zurückgewiesen und halte ihn*sie lieber noch fester, bevor er*sie mir ganz wegläuft.

Es entsteht also eine Paardynamik mit festgelegten Rollen, in denen beide Partner sich nicht ganz wohlfühlen, aber aus denen sie auch nicht leicht herauskommen.

Meistens ist es einfacher, wenn sich der nähebedürftige Part um Veränderungen bemüht. Hätte Ihre Freundin mir geschrieben, hätte ich ihr geraten, sich häufiger mal zurück zu ziehen und etwas für sich oder mit anderen Menschen zu machen. Ich hätte ihr gesagt, dass es gut wäre, wenn sie einige Treffen mit Ihnen früher und ohne Klammern beenden könnte. Und dass sie ihre Hände mal bei sich behält und sich beim Fernsehen auch mal etwas weiter von ihnen entfernt legt. Dass sie auch mal keine Zeit hat, sondern sich mit Freunden trifft. Und auch mal einen Urlaub alleine macht. Es geht dabei nicht darum, ein Spielchen zu spielen oder etwas vorzutäuschen, was man nicht fühlt. Sondern es geht darum, zu üben, alleine und ohne den Partner zu sein und das sogar zu genießen. Das ist eine wichtige Grundlage für eine gesunde Partnerschaft.

Wahrscheinlich wären Sie am Anfang etwas überrascht oder verwirrt gewesen, dass die gewohnten Verhaltensweisen ausbleiben. Aber wahrscheinlich hätten Sie sich mit dem größeren und flexibleren Abstand auch wohler gefühlt. Es könnte gut sein, dass Sie dann auch mal das Bedürfnis gehabt hätten, mehr Nähe herzustellen oder nach einem neuen Treffen zu fragen.

Leider ist es schwieriger, etwas an diesem Ungleichgewicht zu verändern, wenn der distanziertere Partner sich darum bemüht. Denn ich kann Ihnen natürlich nicht empfehlen, Ihrerseits mehr auf Ihre Freundin zuzugehen und noch mehr mit ihr zu kuscheln und sie noch häufiger zu sehen.  Das würde Ihren Bedürfnissen nicht gerecht und wahrscheinlich würden Sie den Impuls bekommen, zu fliehen.

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Meine Freundin ist sehr anhänglich und klammert – das erstickt mich

Wenn Sie mit Ihrer Freundin über Ihre Gefühle sprechen und ihr sagen würden, dass Sie sich bedrängt und unwohl fühlen und mehr Raum brauchen, würde Ihre Freundin aller Voraussicht nach Verlustangst bekommen und sich zurück gewiesen fühlen. Aller Wahrscheinlichkeit nach liegen die Ursachen für Ihr hohes Nähebedürfnis in ihrer Kindheit. Sie wurde vermutlich als Kind von einer nahen Bezugsperson getrennt oder abgewiesen (dauerhaft oder immer wieder) und ihre Bedürfnisse nach Nähe und Schutz wurden nicht gestillt.

Trotzdem empfehle ich Ihnen, sich ein Herz zu fassen und Ihrer Freundin freundlich, aber klar zu sagen, dass Sie sich eingeengt fühlen und Ihnen jede Möglichkeit genommen wird, selbst aktiv zu werden und Nähe zu suchen. Zeigen Sie ihr deutlich die Grenzen auf (ich möchte jetzt ohne langen Abschied gehen/ ich möchte einen Tag ganz für mich auch ohne ein Telefonat, danach melde ich mich/ ich möchte auf dem Sessel für mich sitzen und mal keine Berührung haben). Und seien Sie verlässlich, was die Ankündigungen betrifft (wenn Sie versprochen haben, sich Sonntag zu melden, sollten Sie es tun.) Sonst verschlimmert sich die Lage noch.

Bestimmt hilft Ihnen auch eine (körperorientierte) Paarberatung dabei, die Bedürfnisse von beiden auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. 

Herzliche Grüße

Julia Peirano


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker