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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich bin schwanger von dem Ex, den ich immer noch begehre

Wenn Eva ihren Ex sieht, ist das für sie emotional eine Herausforderung (Symbolbild)
Wenn Eva ihren Ex sieht, ist das für sie emotional eine Herausforderung (Symbolbild)
© yacobchuk / Getty Images
Als Eva und Lukas sich trennten, ahnten sie noch nicht, dass sie durch eine Schwangerschaft das ganze Leben aneinander gebunden werden sein würden. Dass Eva noch Gefühle für ihren Ex hat, macht die Situation nicht einfacher. Wie soll sie damit umgehen?

Liebe Frau Dr. Peirano,

ich stecke in einer sehr schwierigen Situation. Ich bin im siebten Monat schwanger, aber leider von meinem Ex-Freund. Ich hatte Anfang 2020 eine Beziehung mit einem Mann (Lukas), den ich über meine beste Freundin kennen gelernt habe. Ich war sehr verliebt und wollte eine feste Beziehung. Er war am Anfang auch sehr verbindlich und konnte sich auch eine Zukunft mit mir vorstellen.

Doch nach vier Monaten schwankten seine Gefühle und nach sechs Monaten - im Juli 2020 - war es dann ganz vorbei. Ich wollte es nicht wahrhaben, aber musste mich wohl oder übel damit abfinden. Im September hatte ich den Verdacht, dass ich schwanger bin und machte einen Schwangerschaftstest - der war positiv. Ich war zuerst richtig geschockt, weil ich mir das so nie vorgestellt hatte mit meinem ersten Kind. Ich bin 29 und habe zwar fertig studiert, aber ich wollte im Beruf weiterkommen, vielleicht ins Ausland gehen, und außerdem wollte ich keine alleinerziehende Mutter sein.

Als ich mich gefangen hatte und zum Glück viele Hilfsangebote von Freundinnen, meinem Bruder und meinen Eltern bekommen habe, rief ich Lukas an und erzählte ihm von meiner Schwangerschaft. Ich hatte insgeheim die Hoffnung, dass er es noch einmal mit mir versuchen würde. Er reagierte recht gut auf die Nachricht von der Schwangerschaft ("wenn das so ist, dann ist das so. Ich freue mich auf das Kind") und wollte sich auf jeden Fall um das Kind kümmern.

Und jetzt bin ich für die nächsten 20 Jahre an diesen Mann gebunden, der in vielerlei Hinsicht mein Idealmann ist, den ich immer noch liebe und begehre, und der von mir nichts wissen will. Er behandelt mich freundlich, aber wie die Mutter seines Kindes. Wenn wir uns treffen, macht mich schon sein Duft nervös und er trägt manchmal Pullover und die Lederjacke, die ich an ihm schon geliebt habe, als wir zusammen waren.

Wir haben abgesprochen, dass er nicht bei der Geburt dabei ist (das ist mir zu intim), aber dass er nach der Geburt öfter zu mir kommt, damit er eine Bindung zu dem Kind aufbaut. Da ich stillen werde, kann er das Kind nicht einfach mitnehmen - jedenfalls nicht lange. Er wohnt in der gleichen Stadt, aber ungefähr 40 Minuten entfernt. Das heißt, dass er bei mir in der Wohnung sein wird, damit es für alle einfacher ist.

Ich drehe jetzt schon durch, wenn ich daran denke. Ihn mit dem Baby reden zu hören, dass er das Baby auf den Arm nimmt und ihm nah ist, und ich gerne mit ihm eine Familie hätte, aber niemals als getrennte Eltern ein Kind bekommen wollte. Und wenn er dann noch irgendwann eine neue Frau an seiner Seite hat, und die beiden kommen und nehmen das Kind mit zu sich…

Liebe Frau Peirano, bitte sagen Sie mir, wie ich diese Situation durchstehen kann.

Herzliche Grüße

Eva T.

Liebe Eva T.,

Sie haben Recht: Ihre Situation ist wirklich schwierig. Wenn ich mich in Ihre Lage versetze, werde ich ganz durcheinander, und es kommen auch Gefühle von großer Einsamkeit, Angst und Traurigkeit. Geht es Ihnen auch so?

Das erste Kind zu bekommen, ist ja eigentlich ein großes Geschenk und eine sehr aufregende Situation voller Vorfreude. Leider scheinen bei Ihnen die Sorgen zu überwiegen, was ich auch gut verstehen kann. Ich habe den Eindruck, dass Sie sich viel in Fantasien über die Zukunft verlieren und sich genau vorstellen, was alles passieren kann. Sie sehen vor Ihrem inneren Auge Lukas in Ihrer Wohnung, irgendwann Lukas mit einer neuen Freundin - und Sie sehen genau, wie ausgeschlossen Sie dann sind.

Das heißt, dass Sie die Fähigkeit haben, sich Situation vorzustellen. Das ist schon einmal gut und hilfreich. Wenn ich mir vor einer Prüfung genau vorstellen kann, wie ich einen Blackout bekomme, stottere und dann die Prüfung mit Pauken und Trompeten vermassele, (wie alle Menschen mit Prüfungsangst),  dann könnte ich mir auch vorstellen, wie ich entspannt und souverän mit den Prüfer*innen rede und lächelnd meine gute Note in Empfang nehme. Alles eine Frage der inneren Bilder, die man übrigens mit Hypnose besonders gut erkennen und verändern kann.

Wie wäre es, wenn Sie sich zum einen ganz bewusst auf das Hier und Jetzt konzentrieren? Vielleicht können Sie sich zum Thema MBSR (mindfulness based stress reduction bzw. Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion) einlesen und schon einige Übungen machen. Ich empfehle Ihnen das Buch "Achtsamkeitsbasierte Psychotherapie bei Depressionen und Ängsten: MBCT in der Praxis" von Ulrike Juchmann. Es gibt in dem Buch auch Audiodateien mit geführten Meditationen und Achtsamkeitsübungen, die Ihnen bei regelmäßiger Anwendung sicher helfen werden, sich zu entspannen und ruhiger zu werden.

Achtsamkeitsübungen kann man auf verschiedene Weise üben: beim bewussten Gehen, beim bewussten Essen, Zähneputzen oder Kochen, durch Meditation oder Körperscan- Übungen. Das vertieft den Kontakt zu sich selbst und man bekommt seine Gefühle besser mit und kann sicherer reagieren.

Eigentlich wäre ein MBSR-Kurs sehr hilfreich, die es zur Zeit wegen Corona auch oft online gibt. Das Programm dauert aber acht Wochen und ich weiß nicht, ob Sie das noch vor der Geburt schaffen oder mit dem*r Trainer*in eine individuelle Lösung vereinbaren können.

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Ich bin schwanger von dem Ex, den ich immer noch begehre

Der zweite Vorschlag ist, dass Sie sich Ihre Fantasien genauer anschauen und intensiv darüber nachdenken, was Sie sich eigentlich wirklich vorstellen wollen. Sie könnten sich zum Beispiel immer wieder vorstellen, dass Lukas ein wichtiger Freund in Ihrem Leben wird, aber Sie ihr erotisches Interesse an ihm verlieren. In dem Zusammenhang ist es auch wichtig, dass Sie Grenzen setzen und die Ebenen nicht miteinander vermischen. Sie haben das ja an einem wichtigen Punkt getan, als Sie sagten, dass er nicht zur Geburt kommen soll, weil Ihnen das zu intim ist. Bitte spüren Sie auch andere Grenzen und loten Sie das stimmig aus. Sie können ja auch eine Freundin treffen oder etwas für sich machen, während Lukas auf das Baby aufpasst.

Sie könnten sich Situationen mit Ihrem Baby vorstellen, in denen es Ihnen gut geht und Sie sich über das Kind freuen können. Wenn Ihr Kind geboren wird, ist es erst einmal Frühling und Sommer. Da fallen Ihnen bestimmt viele Situationen ein, die Ihnen Vorfreude machen. Sie können sich auch Ihre Freundinnen und Ihre Familie um sich herum vorstellen, um die Einsamkeit zu mindern. Denn Einsamkeit hat ja eher damit zu tun, dass man sich nicht mit anderen verbunden fühlt als mit der Häufigkeit der Kontakte. Man kann mitten in einer Gruppe von Freunden einsam sein, und ebenso kann man alleine in einem Raum sein, an andere Menschen denken und sich verbunden und geliebt fühlen. Vielleicht helfen Ihnen gut sichtbare Fotos von den wichtigen Menschen in Ihrem Leben, um Ihnen zu zeigen: Du bist nicht allein.

Treffen Sie sich doch immer, wenn Ihnen danach ist, mit lieben Menschen und fragen Sie konkret nach Hilfe. Sowohl in der Zukunft mit dem Kind als auch jetzt.

Ich denke, dass es das Wichtigste ist, dass Sie im Moment zur Ruhe kommen und sich entspannen. Das wird auch dem Kind gut tun.

Ich wünsche Ihnen eine sehr intensive und lebendige Zeit der Veränderung, wenn Ihr Kind auf der Welt ist.

Herzliche Grüße

Julia Peirano


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